Friendly Alien

Vom 28. März bis 2. April fand zum 20. Mal Österreichs Filmkunstschau Diagonale in Graz statt. Bei herrlichem Frühlingswetter lud das Intendantenduo Sebastian Höglinger und Peter Schernhuber zum „Rendezvous mit dem österreichischen Film“ – mit dem Ziel einer vielschichtigen und kritischen Auseinandersetzung mit dem heimischen Kino.

 

Im biomorphen Kunsthaus mit der Form eines menschlichen Organs, das die Architekten Peter Cook und Colin Fournier „Friendly Alien“ genannt haben, ist das Herz des Festivals untergebracht, wo die Besucherin im Presse- und Gästezentrum ein freundlicher Empfang und eine lässige Atmosphäre erwarten. Die Auswahl an Filmen ist groß, das Rahmenprogramm vielfältig. In der Festivaltasche liegen sechs Bierdeckel des Vereins FC Gloria, die zusammengesetzt eine Pyramide von sich gegenseitig unterstützenden Frauenfiguren ergeben: Ein Statement des Vereins und des kooperierenden Festivals, die Notwendigkeit der Aufmerksamkeit auf Filme beider Geschlechter zu legen. Doch geht es dabei um die womöglich quotenmäßig festgelegte Anzahl der Filme aus der Hand von weiblichen Regisseuren? Oder geht es um die Berücksichtigung der drei simplen Fragen des sogenannten „Bechdel-Tests“: Kommen in einem Film zumindest zwei Frauen namentlich vor, die miteinander sprechen und dabei nicht über Männer reden? Eine Quote für Filme von Frauen gibt es bei der Diagonale nicht, Filme, die die Kriterien des „Bechdel-Tests“ erfüllen, jedoch schon.

Siebzehn von Monja Art, der im Januar den Saarbrückener Max Ophüls-Preis gewonnen hat, taucht ein in die emotionalen Irrungen und Sehnsüchte einer Gruppe von Schülerinnen. Im Mittelpunkt steht Paula, die heimlich in Charlotte verliebt ist, sich aber nicht traut, ihre Liebe zu offenbaren, denn Charlotte hat einen Freund. Deshalb versucht sich auch Paula an einer Affäre mit einem Mitschüler, der wiederum seinerseits aufrichtige Gefühle für sie hegt. Und dann ist da noch die sexuell aufreizende Lilli, die von allen geliebt werden will und sich an Paula ranmacht. Monja Art ist dicht dran an ihren Protagonistinnen. Die überzeugende darstellerische Leistung der Schauspielerinnen und die natürliche und unaufgesetzt wirkende Sprache der Figuren bildet den jugendlichen Kosmos der Teenager ab und zieht die Betrachter in ihre Gefühlswelt hinein, ohne die wechselnden erotischen Vorlieben groß zu thematisieren.

Ein Call-Shop im 16. Wiener Gemeindebezirk ist der Schauplatz für Nina Kusturicas semidokumentarischen Film Ciao Chérie: In der winzigen Telefonkabine sprechen Geflüchtete und Migranten mit Angehörigen und Freunden in der fernen Heimat. Die intimen Gespräche erzählen von Heimweh, Schmerz und Hoffnung: Dioma aus dem Senegal versucht, ihren Freund zu überreden, auch nach Östereich zu kommen; Samo hört sich sprachlos die schwierigen Umstände seiner Familie in Syrien an. Ein junger Afghane, der mit seiner Freundin im Shop ist, wird von seinem Vater darüber informiert, dass er für ihn eine Ehe in der Heimat arrangiert hat. Kusturicas Figuren sind mit Laiendarstellern und professionellen Schauspielern besetzt. Mit wenigen Worten und in dem Mikrokosmos des Call-Shops werden ganze Lebensgeschichten umrissen und aktuellen politische und gesellschaftliche Verhältnisse offenbar. Mit minimalen Mitteln lässt der Film vielfältige Bilder im Kopf der Betrachter entstehen.

Im Wien der fünfziger Jahre ist der ungewöhnliche Film Das unmögliche Bild von Sandra Wollner angesiedelt. Aus der Sicht der 13-jährigen Johanna erzählt der Film die Geschichte einer ausschließlich aus Frauen bestehenden Familie mit der Großmutter als Oberhaupt. Mit einer 8mm-Kamera, die der plötzlich verstorbene Vater hinterlassen hat, filmt das Mädchen ihren Alltag und ihre Umgebung und erzählt auf fragmentarische Weise von der Hierarchie des Frauenhaushalts und dem Geheimnis, das sich hinter den wöchentlichen Treffen des Kochklubs verbirgt, bei denen aber nie gekocht wird. Die Nachkriegszeit in einem Frauenhaushalt: Wollner inszeniert einen Familien-Amateurfilm, der über weite Strecken wie ein echtes Dokument wirkt und die Frage nach dem Verhältnis zwischen Erinnerung und Vorstellung stellt.

Marie Kreutzer beschäftigt sich in Was hat uns bloß so ruiniert? mit der Bedeutung und Verantwortung des Kinderkriegens. Nachdem das hippe, links-liberale Paar Stella und Markus, Anfang dreißig, ihren Freunden eröffnet, dass sie ein Kind erwarten, ziehen die beiden befreundeten Paare Mignon und Luis und Ines und Chris nach. So kann man diese Erfahrung gemeinsam machen und sich über Geburtsvorbereitungskurse, Babynahrung und Kindererziehung austauschen und verhindern, dass man als Kleinfamilie verspießert. Denken sie. Doch die Realität mit den Kleinen und die Anforderungen zwischen all den überbesorgten, politisch korrekten, ernährungsbewussten Miteltern stellt die jungen Familien auf die Probe und führt schließlich alle in die Krise. Was hat uns bloß so ruiniert? ist der Titel eines Songs der Band Die Sterne, der sich leitmotivisch durch den Film zieht. Stella, die selbst Filmemacherin ist und ihre Elternschaft und die ihrer Freunde in einem Dokumentarfilm verarbeiten will, macht zwischendurch immer wieder Interviews, in denen die einzelnen Figuren über ihre Erfahrungen mit Kindern erzählen. Szenen, die das Thema des Films nochmal auf einer anderen Ebene reflektieren sollen.

Leider geht diese an sich reizvolle formale Idee nicht auf. Zu wenig substanziell sind die Einlassungen der Einzelnen. Wie ohnehin die gesamte Konstellation des Films daran krankt, dass wir es mit Figuren zu tun haben, die, offenbar finanziell abgesichert, letztlich ausschließlich Luxusprobleme rund ums Kind zu verhandeln haben. Die einzige daneben thematisierte Frage nach dem Selbstverständnis der Filmemacherin ihrer Arbeit gegenüber bekommt nicht genügend eigenen Raum. Der Tiefgang, der beiden Themen gut getan hätte und auch angemessen gewesen wäre, bleibt trotz einiger sarkastischer Momente aus. Und so plätschert der Film nur halb amüsant an der Oberfläche herum und mutet am Ende – Pardon – wie eher seichte Fernsehunterhaltung an.

Ivette Löcker besucht in ihrem Dokumentarfilm Was uns bindet ihre Eltern im Lungau. Sie und ihre zwei Schwestern haben die beiden Häuser der Eltern geerbt, die nun gemeinsam begutachtet werden sollen. Löcker nimmt diesen Besuch zum Anlass für eine filmische Auseinandersetzung mit ihrer Familie, in der sie die Verhältnisse zueinander reflektiert. Die Eltern sind schon seit Jahren nicht mehr zusammen, leben aber unter einem Dach, er unten, sie oben. Vor der Kamera kritisieren und sticheln sie einander gegenseitig, an Verletzungen wird nicht gespart, die gegenseitigen Vorwürfe scheinen weder eine endgültige Trennung noch eine Versöhnung möglich zu machen. Ivette Löcker zeichnet die Familienverhältnisse mit feiner Beobachtungsgabe und einem Sinn für die mitunter skurrile Komik mutig und geradlinig auf, ohne jedoch die Sympathie für die einzelnen Protagonisten zu verlieren. Sie stellt Fragen nach dem Leben auf dem Lande, nach der Familienbande und eben danach, was diese zusammenhält. Was uns bindet, der zu recht den Großen Diagonale-Dokumentarfilmpreis gewonnen hat, ist ein zu gleichen Teilen nüchterner, zärtlicher und zuweilen beklemmender Film. Eine Familienaufstellung, die nicht nur den porträtierten Familienmitgliedern mehr Klarheit bringen wird.

Der erste Film der Journalistin und Filmwissenschaftlerin Maya McKechneay Sühnhaus, von ihr selbst als „dokumentarischer Geisterfilm“ bezeichnet, erzählt die Geschichte einer glücklosen Adresse: Am Wiener Schottengraben 7 stand das Ringtheater, in dem Hunderte Menschen verbrannten. Aber auch in den Gebäuden die anschließend auf dem Grundstück gebaut wurden, darunter das Sühnhaus, ereigneten sich wiederholt Unglücksfälle: Sigmund Freud wohnte einst im Sühnhaus, und eine seiner Patientinnen stürzte sich aus Verzweiflung vom Dach des Gebäudes. McKechneay begibt sich mit ihrem wohl konstruierten und beziehungsreichen Essayfilm auf eine filmische Spurensuche zwischen historischer Dokumentation, Schauer- und Detektivgeschichte und stellt Bezüge zu den gesellschaftlichen Verhältnissen her, die mit den Umständen der Unglücke in Beziehung stehen. Die filmische Geisterjagd lehnt sich auch stilistisch an den Gruselfilm an. Eine schwebende Steadycam, die durch beengende Gänge des Kellers des heutigen Polizeireviers führt, lässt jeden Moment das Auftauchen eines Schockeffekts – oder eben der Geister des Ortes erwarten.

 



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