Die göttliche Ordnung

Frauenrechtskomödie mit feministischer Verve, aber ohne Männerhass

 

Appenzell, Schweiz, Anfang der siebziger Jahre. Nora Ruckstuhl hat einen Ehemann, zwei Kinder und einen grantig-machoiden Schwiegervater zu versorgen. Sie ist ein ehrlicher Mensch mit einem ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit, aber im Grunde brav und harmoniebedürftig. Vom Typus her ist Nora (sympathisch und variabel: Marie Leuenberger als Speerspitze eines starken weiblichen Casts) nicht unbedingt eine Revoluzzerin. Dass sie als Frau nicht an die Wahlurne darf, stört sie eigentlich nicht. 68er-Gedankengut, Hippietum, Feminismus und sexuelle Befreiungsbewegung, welche in einer hübschen Einstiegs-Collage den Ton des Films anstimmen, haben ihr konservatives kleines Heimatdorf bislang nicht erreicht. Es sind zwei Dinge, die Nora stören und im Verlauf des Films denn auch politisieren: Erstens, wie unfair mit ihrer rebellischen Nichte Hanna umgegangen wird. Anfangs als „Dorfmatratze“ verunglimpft, landet die gegen ihren überforderten Vater (Nicholas Ofczarek) aufbegehrende Hanna nämlich in den Mühlen administrativer Verwahrung. Zweitens darf Nora, gelangweilt von der ewig gleichen Hausarbeit, gegen den Willen ihres Ehemanns keine Arbeit annehmen. Nun ist ihr Gemahl Hans (Max Simonischek) zwar ein guter und auch ein lieber Mann, aber trotzdem will er es ihr nicht erlauben: Was würden seine Arbeitskollegen in der Tischlerei davon halten, dass seine Frau dazuverdienen muss? Nein, die „göttliche Ordnung“ muss eingehalten werden – Männer schaffen an, Frauen folgen. „Dann mach ich dir eben noch ein Kind, damit dir nicht langweilig ist“, sagt Hans. So wird Nora allmählich in die Rolle der Anführerin einer örtlichen Frauenrechts-Kampagne gedrängt, ohne das eigentlich zu wollen. In der großen Stadt indes greifen längst Frauenmärsche und sexuelle Selbsterweckungsseminare (geleitet von der fabelhaften Die Brücke-Kommissarin Sofia Helin!) Platz.

In ihrem mehrfach preisgekrönten Publikumserfolg Die göttliche Ordnung erzählt Petra Volpe in einer Mischung aus Komödie, Drama und Satire von einer unhaltbaren Situation: Frauen ohne Rechte. Sie macht das mit feministischer Verve, aber ohne Männerhass, und nicht zuletzt auch aus einem Retro-Blickwinkel ironischer Selbstbespiegelung der „angepassten Frau“. Dabei bleibt der Film allen Volten zum Trotz, und das ist erstaunlich genug für eine massentaugliche, historische Tragikomödie, immer im Wirkungsbereich einer Gemütslage, die sich für Frauen damals wohl „real“ angefühlt haben muss. Um es sich noch einmal deutlich vor Augen zu halten: Vor nicht einmal fünfzig Jahren hatte eine (Ehe-)Frau in der Schweiz tatsächlich nichts zu wählen, nichts zu sagen und abseits von Sockenwaschen, Putzen, Kochen und Kinder bespaßen nichts zu arbeiten, geschweige denn Geld zu verdienen – außer ihr Mann goutierte es.

Keine zwei Generationen später steht die rechtliche Gleichstellung der Frau in zivilisierten, demokratischen Gesellschaften grundsätzlich außer Frage, doch ein sexistischer US-Präsident und rechtsnationale Strömungen geben Anlass zur Sorge. Am anderen Pol wiederum wird über Geschlechterquoten in der Kunst, und also auch über Förderquoten in der Filmbranche diskutiert. „Selbstverständlich sollen genauso viele Frauen mittelmäßige Filme machen, wie es mittelmäßige Filme von Männern gibt“, so formulierte es die Filmemacherin Elisabeth Scharang. Ein Recht auf mittelmäßige Filme? Der „geschlechtsneutrale“ Zuseher oder die „geschlechtsneutrale“ Zuseherin, in „geschlechtsneutraler“ Sprache (was für ein Begriff!) also die/der ZuseherIn (der/die Zuseher*in) wünscht sich womöglich genauso viele gute Filme von Frauen wie von Männern, oder sogar mehr, aber dazu kann eine Quote wenig beitragen. Wenn es stimmt, dass es in der Genderdebatte nicht ums Geschlecht, sondern um Macht geht, dann ist die Figur der gouvernantenhaften Frau Dr. Wipf (Therese Affolter), offenbar eine „alte Jungfer“, in Die göttliche Ordnung dafür jedenfalls paradigmatisch: Die herrische Leiterin des Tischlerbetriebs ist gegen die „Verpolitisierung“ der Frau, nicht zuletzt wohl, um ihren eigenen Einflussbereich in allerlei quasi-amtlichen Funktionen von Konkurrenz freizuhalten. Frau Dr. Wipf wird scheitern. Die göttliche Ordnung ist ein witziger, an Stellen berührender, charmanter Film für junge und alte Frauen und Männer.

 

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Komödie, Drama, Satire, CH 2017


Regie, Buch Petra Volpe
Kamera
Judith Kaufmann
Schnitt
Hansjörg Weißbrich
Musik
Annette Focks
Production Design
Su Erdt
Kostüm
Linda Harper
Mit
Marie Leuenberger, Max Simonischek, Rachel Braunschweig, Sibylle Brunner, Marta Zoffoli, Bettina Stucky, Therese Affolter, Ella Rumpf, Sofia Helin, Nicholas Ofczarek
Verleih
Thimfilm, 96 Minuten
Kinostart
3. August



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