DIE HÖLLE

Wien, Hollywood

 

Ein Faible für Genres, Gewalt, Blut und geschundene Körper bildet sich im Œuvre des österreichischen Oscar-Preisträgers Stefan Ruzowitzky bereits vor seinem Ausflug nach Hollywood ab. Den genreerprobten Produzenten Helmut Grasser (Das finstere Tal, In 3 Tagen bist du tot) an seiner Seite, zeigt er nun mit seinem in Wien angesiedelten Action-Thriller Die Hölle, dass er die Standardsituationen der Traumfabrik wirkungsvoll zu modulieren weiß.

Die türkischstämmige Wienerin Özge (Violetta Schurawlow) entdeckt bei einem Fensterblick auf den nächtlichen Innenhof eine bestialisch zugerichtete Frauenleiche. Als sie bemerkt, dass der Mörder sie aus dem Dunkeln beobachtet, wird die Augenzeugin zum potenziellen Opfer – ein unerbittlicher Kampf um Leben und Tod beginnt. Neben brutalen Faust- und Messerkämpfen, rasanten Verfolgungsjagden durch die Wiener Innenstadt, Explosionen und spektakulären Stunts rührt Ruzowitzky durch ein atmosphärisch dichtes Spiel mit Licht und Dunkelheit, Sichtbarem und Verborgenem, Schock, Spannung und Suspense an der Angstlust des Zuschauers.

Der Film verzichtet auf US-Heldenpathos, setzt auf ein unkonventionelles, offenes Ende und auf ambivalente, bisweilen unangenehme Identifikationsfiguren in quasi neorealistischen Milieus. Sein „final girl“, die thaiboxende Taxifahrerin Özge, ist eine verruchte, traumatisierte Schönheit in Jogginghosen, ein weiblicher Travis Bickle, die sich lieber als harte, selbstbewusste Einzelgängerin durchs Leben „schlägt“, statt viele Worte zu verlieren oder auf Hilfe zu hoffen. In Gestalt des kauzigen, resignierten und inkompetenten Polizisten Christian Steiner (Tobias Moretti) wird ihr diese notgedrungen aber doch zuteil.

Bei der Profilierung des Serienkillers, der furchteinflößend wirkt, solange er stumm und im Verborgenen bleibt, hätte man sich ein bisschen mehr Hollywood und etwas weniger Tatort gewünscht. Eine Drehbuchschwäche, über die die skurrilen, psychisch deformierten, unberechenbaren Protagonisten allerdings hinwegtrösten. Neben physisch involvierendem Schauspiel und knapp-pointierten Dialogen offenbart sich in der Zwangsbeziehung der Sonderlinge, zu denen sich schließlich noch Friedrich von Thun als Steiners dementer Vater gesellt, Ruzowitzkys komödiantisches Gespür. Die Hölle ist schnörkel- und makelloses Genrekino, dessen besonderer Reiz gerade dem perfekten Spagat zwischen Hollywood Spektakel und unprätentiösem Lokalkolorit, genauer: österreichischer Trockenheit zu verdanken ist.

 

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Action/Thriller, Österreich/Deutschland 2017


Regie Stefan Ruzowitzky
Drehbuch Martin Ambrosch
Kamera Benedict Neuenfels
Schnitt Britta Nahler
Musik Marius Ruhland
Szenenbild Isidor Wimmer
Kostüm Sammy Zayed
Darsteller Violetta Schurawlow, Tobias Moretti, Robert Palfrader, Sammi Sheik, Friedrich von Thun, Stefan Pohl, Verena Altenberger
Verleih Luna Film, 92 Minuten
Kinostart 19. Jänner 2017



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