Zeitaufwändige Liaison

Filme bei der documenta in Kassel und bei Skulptur Projekte in Münster

 

Alle zehn Jahre gibt es im Kunstbetrieb einen Sommer, der das geneigte Publikum vor eine besondere Herausforderung stellt. In Venedig ufert die Biennale, die einst auf die Giardini beschränkt war, mittlerweile über die ganze Lagune aus,  bei der im Fünfjahres-Rhythmus stattfindenden documenta in Kassel spüren  nimmermüde Kuratoren immer mehr mitunter verwegene (Un-) Orte auf, ein Prinzip, dass bei den Skulptur Projekten in Münster seit 1977 alle zehn Jahre mit größter Konsequenz verfolgt wird. Ging es in Münster anfangs noch ganz klassisch überwiegend um Skulptur im öffentlichen Raum, so haben derlei Begrifflichkeiten in den letzten Jahren eine deutliche Erweiterung gefunden. Filmische Arbeiten sind auch hier längst Bestandteil des Angebots geworden.

Mit Film- und Videoarbeiten bei Großausstellungen ist das so eine Sache. Entweder man benötigt massenhaft Zeit oder schlicht Mut zur Lücke. Auch Präsentationsformen und -situationen spielen eine nicht unwesentliche Rolle. Bisweilen kämpft man sich durch Zugänge, die labyrinthisch mit schwarzen, schweren Stoffen verhängt sind und nicht nur den Austausch von Licht und Lärm, sondern leider auch den mit Luft verhindern. Hat man es dann vor den Screen geschafft, ohne über Menschen oder Mobiliar zu stolpern, entscheidet – ohne Vorwissen über Künstler und Thematik – womöglich lediglich der Blick von einigen Sekunden auf die Projektion über den Verbleib zur Rezeption. Ein Blick auf die Werkbeschriftung mit Fokus auf die Laufdauer bietet durchaus eine Hilfestellung. Zeigt man Interesse,  stellt sich nur noch die Frage, wer sich gerne die von den Vor-Benutzern feuchtgeschwitzten Kopfhörer aufsetzt. Das mag oberflächlich bis ignorant anmuten und für Produzenten wie Rezipienten frustrierend sein, doch passen längere Filmarbeiten und größere Ausstellungen nicht wirklich gut zusammen. Oder doch? Ein kurzer Blick nach Kassel und Münster lässt zumindest eine einige Projekte finden, bei denen man nicht lange überlegt, ob man verweilen soll.

 

documenta

Im Defilee an Räumen in der neuen Galerie tritt man gerne aus dem Besucherfluss vor die Präsentation der eigens für die documenta entstandenen, tonlosen 23-minütigen „Woyzeck“-Verfilmung von Constantinos Hadzinikolaou. Die starken Schwarzweißbilder des von Super-8-Film auf Digitalvideo übertragenen Scheiterns des Protagonisten erweisen sich in dem nur bis ins Nötigste verdunkelten Umfeld optimal in Szene gesetzt.

Gleich nebenan im Palais Bellevue lohnt auch das Schlange-Stehen für Roee Rosens The Dust Channel (23 Minuten). Der Hauptteil der Operette spielt  in einem gutbürgerlichen israelischen Haushalt, in dem ein Staubsauger nicht nur im Libretto („Sauge, sauge, sauge…“), sondern auch zur Befriedigung des sexuellen Begehrens eine zentrale Rolle spielt. Geschickt werden Luis Buñuel, Harun Farocki und andere filmische Größen ebenso in die surreale Inszenierung eingebaut wie Werbe- und sonstige Filme mit und über Staubsauger zur Beseitigung von Schmutz aller Art. Schließlich findet Staub hier eine Gleichsetzung mit Sand, was dem Künstler die Gelegenheit gibt, dem Absurden das Politische in Form von Bildern israelischer Internierungslager für nicht anerkannte Flüchtlinge entgegenzusetzen. „Holot“ heißt das Camp in der Wüste, was nichts anderes bedeutet als Sand.

In der erst 2015 eröffneten Grimmwelt sind filmische Arbeiten zusammengefasst, die sich mit Literatur und Sprache auseinander setzten. Dem Zauber von Susan Hillers Lost and Found kann man sich kaum entziehen. Das Gehörte vermag man nicht einzuordnen, man verfolgt das sich  von Mal zu Mal eklatant verändernde Spiel von grünen Linien eines Oszillografen, der die Schwingungen der Stimmen visualisiert, liest die englischen Untertitel und bleibt vorerst fasziniert-ratlos. Erst im Abspann erweist sich, dass es sich hierbei um Sprachen handelt, die gefährdet, kürzlich ausgestorben, inaktiv ruhend oder wiederbelebt sind. Damit wird das rund 30-minütige Video zu einer „Arche“ der Sprache.

 

Skulptur Projekte

In Münster, wo man für gewöhnlich die einzelnen Stationen mit dem Fahrrad abfährt, ist der Besucher mittels Booklet bestens informiert, was einen in welcher Spieldauer erwartet. Mika Rottenberg hat passend zu ihrer Filminstallation Cosmic Generator (ca. 20 Minuten) einen aufgelassenen Asia-Laden als Location gewählt. Der Film spielt überwiegend in und unter der Grenzstadt Mexicali/Calexico, die durch einen Zaun getrennt ist. Im mexikanischen Teil wartet man im Golden Dragon Restaurant auf Gäste für die surrealen Speisenarrangements, im kalifornischen Teil ist der Schauplatz ein 99 Cent-Store. Soweit so normal, wäre da nicht die Parallelwelt eines Tunnelsystems, das die beiden unterschiedlichen Orte unterirdisch verbindet. Es herrscht eine lähmende Trägheit in diesen Stores, prall gefüllt mit glitzernd-blinkend-buntem Plastiktand. Mitarbeiterinnen starren in Bildschirme, vollführen gelangweilt absurde Tätigkeiten oder sind überhaupt über ihrer Arbeit eingeschlafen. Dennoch scheinen der unterirdische Handel und der Kontakt nach Oben bestens zu funktionieren. Selten ist ein aktuelles politisches Statement so heiter gewesen.

In Münsters Innenstadt, die wie anderswo in Deutschland im Bemühen, ein historisches Stadtbild auferstehen zu lassen, wieder aufgebaut wurde, findet man sich hinter der Fassade dann doch wieder in der Moderne und gelangt durch eine Passage in die Elephant Lounge. Die in die Jahre gekommene Diskothek aus dem Jahre 1974 ist Ambiente wie Setting für Bye, Bye Deutschland! Eine Lebensmelodie (20 Minuten) von Benjamin de Burca und Bárbara Wagner.  Nach eingehender Beschäftigung mit der Brega-Szene in ihrer brasilianischen Heimat widmen sich die beiden Künstler für Münster dem deutschen Schlager und dessen aktiver Fangemeinde vor Ort. Im Zentrum ihres dokumentarischen Musicals stehen zwei stadtbekannte Größen, auch sie finden sich im Laufe des Films als Gäste in der schummrigen Elephant Lounge wieder. Mehr Ortsspezifik geht nicht.

Zu guter Letzt: Was wäre eine Stadt ohne Plakate? Freiflächen werden mit Werbung und sonstigen Ankündigungen affichiert, das funktioniert nur im urbanen Raum, wo Menschen gleichsam en passant die Information wahrnehmen. Andreas Bunte nutzt das althergebrachte Medium das Plakats, das für gewöhnlich eher marginal wahrgenommen wird, als Transmitter für seine Kurzfilme über Alltäglichkeiten in Laborsituationen. Keine Projektion, keine eigene räumliche Situation – ein QR-Code reicht für die Rezeption, bei der man dann ganz bei sich ist und selbst die Rahmenbedingungen zum Betrachten am Display selbst bestimmen kann.  Durchaus eine Überlegung wert, doch stellt sich die Frage, ob man sich die zwei- bis dreiminütigen Filme auch noch später einmal, anderswo, zu Gemüte führt, oder doch im Hier und Jetzt einer zugigen Passage.


documenta, Kassel, 8. April bis 17. September
www.documenta.de

Skulptur Projekte, Münster, 10. Juni bis 1. Oktober
www.skulptur-projekte.de

 



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