Vergangenheit, Zeit, Ewigkeit

Das 61. Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm

 

Mitunter lohnt es sich Produktionen Aufmerksamkeit zu schenken, auch wenn sie der Beschreibung nach weniger große Erwartungen wecken. Wer hätte schon gedacht, dass ein Film über das Aufheben und Bewahren von Gegenständen mit dem unscheinbaren Titel Keeping & Saving stark berühren und dem Internationalen Wettbewerb in Leipzig einen seiner besten Beiträge bescheren würde?

Das fängt schon damit an, dass die holländische Filmemacherin Digna Sinke Beispiele von liebenswerter Sammelleidenschaft aufzeigt. Anders als vermutet, treiben keine pathologischen Zwänge die Protagonisten an, kistenweise Fotoalben, Reisetagebücher, Textilien aus Großmutters Zeit, Dosen mit Hunderten von Knöpfen oder gemalte Kinder-Pappfiguren zu horten, als vielmehr das Bedürfnis,  Erinnerungen zu bewahren, die einem teuer sind - an Menschen, die diese Dinge einmal besessen und hinterlassen haben und schöne Zeiten.

Dagegen erscheinen die heutigen Minimalisten einer jüngeren Generation, die als digitale Nomaden um die Welt reisen mit einer kleinen Habe, die in einen Rucksack passt, in diesem Film zwar  rational, aber emotional auch deutlich kälter. Die Vergangenheit bedeutet ihnen nach eigenen Aussagen gar nichts, Fotos und Erinnerungen archivieren sie digital auf der Festplatte ihres Laptops. Unweigerlich findet man sich über solche extremen Kontraste in einer spannenden kulturgeschichtlichen Reflektion über das Verhältnis zu Eigentum im Wandel der Zeiten. Früher, so resümiert Sinke aus dem Off, war reich, wer viel besaß. Wird Besitz als empfundener Ballast eines Tages gar nichts mehr wert sein? Werden die digitalen Nomaden- vielleicht auch angesichts der Wohnungsnot- rasant zunehmen, und wird damit – weiter gedacht- auch ein Ende der Hausmusik und der Haustierhaltung von Hunden und Katzen einhergehen?  Der großartige, von den Juroren leider völlig unbeachtet gebliebene Film - im melancholischen Anstrich treffend untermalt mit Klängen von Franz Schubert - wirft viele Fragen auf, die man als spannend oder beunruhigend empfinden mag. Sie berühren im Zeitalter von Skype und sozialen Netzwerken auch die sich wandelnden zwischenmenschlichen Beziehungen und ein Gefühl von Einsamkeit.

Überhaupt geriet man in Leipzig facettenreich ins Nachdenken über das Phänomen der Zeit.  Ganz besonders, wenn ein Meisterregisseur wie der Grieche Theo Angelopoulos (Die Ewigkeit und ein Tag) ins Spiel kommt. Zwischen den Mentalitäten der digitalen Nomaden und ihm, der kunstvoll und komplex die Gleichzeitigkeit von Vergangenheit und Gegenwart empfand, liegen Welten. Wie wohl er, der große melancholische Epiker des europäischen Kinos, die aktuellen Entwicklungen bewertet hätte?

Jedenfalls soll er auch im Privaten mit der Vergangenheit gelebt haben, sagt seine enge Mitarbeiterin und Vertraute Élodie Lélu. In ihrem Essay Letter to Theo gedenkt die Französin des berühmten Regisseurs, der 2012 bei den Dreharbeiten zu seinem letzten Film  tragisch durch einen Unfall ums Leben kam. Und wie er in seinen Meisterwerken verschränkt sie unterschiedliche Zeitebenen, die Griechenland- und die Flüchtlingskrise. Ausgewählte Szenenausschnitte aus Angelopoulos’ Filmen verbinden sich da mit Impressionen vom heutigen Alltag von Migranten zwischen Warteschlangen, Suppenküche und Sprachkursen. Hinzu kommen Statements des Regisseurs, die unter den Bildern an seine Gedanken, Ansichten und Desillusionen erinnern. - Eine einfühlsame, poetische Spurensuche.

Auch der ukrainische Meister Sergei Loznitsa, in Leipzig seit 2002 nahezu ein Dauergast, leistet mit seinem jüngsten bemerkenswerten Werk The Trial einen Beitrag gegen die Geschichtsvergessenheit.
Mit restaurierten Archivaufnahmen zeichnet er den 13-tägigen, perfekt inszenierten Schauprozess Stalins aus dem Jahr 1930 nach. Es ging um den  Ersten Fünfjahresplan der UdSSR: Er drohte zu scheitern, deshalb brauchte es Schuldige. Acht Männer, Ingenieure, Wissenschaftler und Hochschulprofessoren, standen  vermeintlich wegen  Sabotage, Verschwörung und Vorbereitung einer französischen Invasion vor Richter Wyschinski. Alle Anklagen waren erlogen und absurd, wurden aber ernst genommen. Die Delinquenten bekannten sich schuldig, obwohl die „Industrie-Partei“, der sie angeblich angehört haben sollen, gar nicht existierte. Loznitsa hat das sagenhafte Material, das in Stalins Auftrag entstand, vorzugsweise aus einem Propagandafilm, mit langen originalen Einstellungen und ohne Kommentare montiert und in die denkbar beste dramaturgische Form gebracht, zudem den Ton sensationell aufgebessert. Kein Dokument zuvor hat derart authentisch, gespenstisch den kafkaesken Wahnwitz der Stalin-Prozesse vor Augen geführt. Allerdings mag sich täuschen, wer in diesem Film nur eine Art Vergangenheitsbewältigung sehen möchte. Im anschließenden Publikumsgespräch äußerte Loznitsa, dass die Verhältnisse sich im heutigen Russland kaum geändert hätten.

Ein weiteres spannendes Stück russischer Zeitgeschichte bietet Meeting Gorbachev, ein Porträt des ehemaligen sowjetischen Staatsoberhaupts Michail Gorbatschow von Werner Herzog, der diesjährige Eröffnungsfilm. Es schöpft seinen Reiz vor allem aus einer persönlichen längeren  Begegnung des Filmemachers mit dem 87-jährigen Politiker, der darin noch einmal zu allen wichtigen Entscheidungen seiner Karriere und deren schicksalhaftem Ende nach Zusammenbruch der Sowjetunion Stellung bezieht und mit ehrlichen Antworten Souveränität bezeugt. Gorbatschow macht keinen Hehl daraus, dass er den Zusammenbruch der UdSSR bis heute bedauert, er hätte sie gerne erhalten und in ihr demokratischer weiterregiert.

Und noch eine Rückschau in jüngere Zeitgeschichte  bietet  der italienisch-französische große Gewinner in Leipzig I had a Dream, prämiert mit der Goldenen Taube,  dem Fipresci-Kritikerpreis und dem Preis der Interreligiösen Jury. Im Zentrum dieser Produktion von Claudia Tosi stehen die ehemaligen Politikerinnen Manuela Ghizoni und Daniela DePetri, die auf zehn Jahre Politik zurückschauen. Vergeblich kämpften die Freundinnen – die eine im Parlament, die andere in der Region Modena- für mehr Gleichberechtigung und den Schutz für Frauen vor Gewalt. Gegen Berlusconi und den Berlusconismus kamen sie nicht an, aber auch nach dem Rücktritt des Steuerbetrügers konnten sie keine Mehrheiten mobilisieren, scheiterte ihr Einsatz an dem wachsenden Misstrauen der Italiener in die Demokratie. Aus politischer und feministischer Sicht gelingt Tosi zweifellos ein interessanter Beitrag, allerdings zeigt sich an I had a Dreamzugleich die wachsend schleichende Angleichung des Kinos an das Fernsehen. Es geht um Themen, Dramaturgien und Gesichter, die große Leinwand erfordert eine solche Dokumentation indes nicht zwingend.

Mithin ließe sich folgern, die Jurys wollten diesem Film politisch Gewicht geben und ein Zeichen setzen gegen den Rechtsruck in Italien. 
Dabei haben die Kuratoren dem Festival einen Bärendienst erwiesen, indem sie in dieser Ausgabe einmal auffallend weniger politisch missionierte Filme ins Programm genommen haben als in den Vorjahren. So gesehen bedauerlich, dass es in  Leipzig zugeht wie auf der Berlinale, wo bekanntlich schon viel zu viele Preise aus rein politischen Gründen vergeben wurden und darüber künstlerische und ästhetische Qualitäten  in den Hintergrund gerieten.

Thematisch spannten die Filmemacher immerhin einen vielfältigen Bogen um ungewöhnliche und spirituelle Orte (Architektur der UnendlichkeitCharleroi, the Land of 60 MountainsOjo Guareña), schwere individuelle Schicksale, in denen es um traumatische Aufarbeitung von Krieg (No Obvious Signs)  und sexuellem Missbrauch geht (The Principal Wife), Religion und belastete familiäre Beziehungen (A Sister’s Song).   Und wieder andere zeigen einfach nur Alltägliches wie der österreichische Beitrag Die Tage wie das Jahr, der ein Biobauern-Paar durch die Jahreszeiten begleitet und ihre vielseitige Arbeit mit sich wiederholenden Einstellungen zeigt: Beim Melken ihrer Schafe und Ziegen, bei der Herstellung von Käse, bei der Schur und Heuernte oder beim Vertreiben ihrer Produkte. Unzweifelhaft ergeht es den Tieren, denen zumindest ein Leben außerhalb des Stalls auf Weiden und Wiesen vergönnt ist, deutlich besser als den armen Kreaturen in der industriellen Massentierhaltung, die nur gezüchtet und geboren werden, um geschlachtet zu werden. Unfreiwillig bestätigt der Film aber auch den Einwand, dass sogenannte „Nutztiere“ überall ausgebeutet werden, wo sie wirtschaftlichen Erträgen dienen. Das vermittelt sich vor allem in einer Szene, in denen die Protagonisten vier Schafe erbarmungslos zum Schlachter fahren.  Auch wenn Othmar Schmiderer den Anblick des Tötens erspart: Die Angst in den Augen der Mitgeschöpfe lässt sich nicht ignorieren. Da gingen andere Dokumentationen der vergangenen Jahre wie Forks Over KnivesHope for all oder The End of Meat schon einige Schritte weiter, indem sie konsequent und kompromisslos die Vorzüge der veganen Lebensweise aufzeigten.

Dass nun bei einem solchen, vergleichsweise unspektakulären Film das Kino nicht ganz voll wird, mag nicht erstaunen. Aber auch bei zahlreichen anderen Produktionen des Internationalen Wettbewerbs erweckte ein halb leerer Saal nicht den Eindruck, dass es auf diesem Festival brummt. Man mag der Situation zugute halten, dass der größte Saal im Cinestar  über 800 Plätze verfügt und sich Leipzig nicht mit einem A-Festival wie der Berlinale vergleichen lässt. Das täuscht allerdings nicht darüber hinweg, dass sich das Publikum überwiegend aus Fachbesuchern rekrutiert. Anders gesagt, ein nicht-akkreditierter Kinogänger lief einem selten über den Weg. Aus Gesprächen mit Passsanten in der Fußgängerzone lässt sich dazu erfahren, dass sich viele Einheimische mit der englischen Sprache schwer tun und abgehängt fühlen. Ihr Schulenglisch,  sofern den Älteren in DDR- Zeiten überhaupt Englisch in der Schule angeboten wurde,  reicht zum Verständnis der teils sehr anspruchsvollen Untertitel schlicht nicht aus. Zwar offeriert das Festival Handy- Apps mit deutschen Übersetzungen, aber wer will schon ständig seinen Kopf zwischen Leinwand und Handy auf- und ab bewegen. Andere europäische Festivals bieten sehfreundlichere Lösungen, indem sie zusätzlich zu den englischen Untertiteln unterhalb der Leinwand elektronische in der Landessprache anbieten. Ein Herr, der sich auf dem Empfang der Interreligiösen Jury dafür entschuldigte, seine Rede in Deutsch zu halten, würde es Leena Pasanen, die das Festival seit 2015 leitet und wie alle Skandinavier fließend Englisch, aber noch kein Wort Deutsch spricht, bestimmt ebenso danken.

https://www.dok-leipzig.de/

 



Sie sind nicht eingeloggt. Bitte melden Sie sich an, wenn Sie Kommentare schreiben wollen.


Kein Kommentar vorhanden.




Tags


Social Bookmarks