Ein Gegengift zu Donald Trump

Frederick Wiseman, der 88-jährige Meister des US-Dokumentarfilms, über seinen mehr als dreistündigen Bibliotheksfilm „ Ex Libris: New York Public Library“, über die Macht der Bücher und über die Niederungen der Politik.

 

Mister Wiseman, sind Sie eine Leseratte?
Ja, ich lese viel und gern. Ich kaufe viele Bücher und bewahre sie auf. Ich lerne eine Menge aus ihnen. Nur online lese ich nicht.

Besuchen Sie selber auch Bibliotheken?
Als ich jünger war, bin ich viel in Bibliotheken gegangen. Jetzt im Alter nicht mehr. Bis ich den Film gemacht habe, war ich jahrelang nicht in einer Bibliothek.

Was faszinierte Sie an der New Yorker Stadtbibliothek so sehr, dass Sie darüber einen Film machen wollten?
Im Grunde können Sie die Frage zu jedem meiner Filme stellen. Ich arbeite an einer Serie von Dokumentationen, die das moderne amerikanische Leben untersucht, das moderne Leben, wie es sich in den Institutionen widerspiegelt, die in unsere Gesellschaft am geläufigsten sind. Die Idee mit der Bibliothek war mir schon vor Jahren gekommen, aber aus irgendeinem Grund wurde damals nichts daraus. Und als ich im Frühjahr 2015 auf der Suche nach einem neuen Projekt war, erinnerte ich mich plötzlich daran und dachte mir, dass die New Yorker Stadtbücherei der perfekte Ort dafür sei. Allerdings hatte ich keine Ahnung, was mich dort erwarten würde, zumal ich selbst ja nicht mehr in die Bibliothek ging. Schließlich setzte ich mich mit dem Direktor in Verbindung, und er stimmte dem Projekt zu. Zwei Monate später haben wir mit dem Drehen begonnen.

Gab es ein Konzept?
Meine einzige Recherche bestand darin, dass ich einmal komplett durchs Hauptgebäude an der 42nd Street gelaufen bin, wo auch die meisten der Besprechungen stattfanden, die man im Film sieht. Und dann habe ich eine kleine Tour zu den verschiedenen Bezirksbibliotheken unternommen, um ein Bild davon zu bekommen, welche Aktivitäten wo angeboten werden. Es gibt auch eine kleine Broschüre, die regelmäßig erscheint, in der die verschiedenen Freizeitaktivitäten der Teilbibliotheken aufgelistet sind. Darüber habe ich beispielsweise erst von der Frau erfahren, die in der Bibliothek für Darstellende Kunst Klavier spielt, oder von dem jungen Mann, der Gedichte rezitiert, von der Tanzstunde oder dem Computerkurs für chinesische Einwanderer. Diese kleine Broschüre war extrem hilfreich, um einen Überblick über die Unmenge von Veranstaltungen zu bekommen, die in den jeweiligen Zweigstellen angeboten werden. Darüber hinaus standen mir ein paar Mitarbeiter der Bibliothek zur Verfügung, die mir Zugang zu den Veranstaltungen verschafften und mir mit ihrem Fachwissen über die Bibliothek zur Seite standen. Aber wie immer bei mir, war vieles einfach Zufall. Ich wusste lediglich, dass ich unbedingt zu der Einraumbibliothek wollte und zu der Zweigstelle in Harlem. Der Kontrast zwischen dieser und beispielsweise der Teilbibliothek in der Bronx ist enorm.

Und dann legten Sie einfach direkt los?
Ja, warum nicht? Für mich ist das Drehen meine Recherche. Der fertige Film ist, wenn sie so wollen, das Ergebnis oder der Bericht darüber, was ich beim Drehen gelernt habe.

Es gibt Momente in Ihrem Film, da hat die Bibliothek fast etwas von einer Kirche, einem heiligen Ort.
Auf abstrakte Weise stimmt das vielleicht. Wenn man davon ausgeht, dass die Bibliothek ein Ort ist, der den Menschen dienlich ist, dass dort ein Raum geschaffen wird, um die Menschen zu bilden und ihnen zu helfen, ihr Leben zu meisten. Andererseits könnte man aber natürlich auch dagegen argumentieren. Man könnte behaupten, dass das, was in der Kirche vor sich geht, den Menschen nicht unbedingt hilft. Deshalb bin ich vorsichtig mit der Metapher. Ich denke das lässt sich so nicht eins zu eins übertragen. Und ich persönlich sehe da auch keine direkte Verbindung.

Verstehen Sie Ihren Film in gewisser Weise als Warnung, dass Bücher heutzutage vor dem Aussterben bedroht sind?
Nein. Es gibt in meinem Film nicht den geringsten Hinweis darauf, dass den Büchern das Ende bevorsteht. Und es ging auch nicht darum, so viele Bücher wie möglich zu zeigen, um etwa das Gegenteil zu beweisen. Denn jeder weiß, dass es der Sinn einer Bibliothek ist, Bücher aufzubewahren und zur Verfügung zu stellen. Was die meisten Leute aber nicht wissen, ist, was alles drumherum geschieht. Was die Bibliothek als Ort, als Institution, noch zu bieten hat. Das ist das Spannende daran.

Bekommen Sie bereits während des Drehens ein Gefühl dafür, wie lang der Film werden wird, an dem Sie Arbeiten?
Nein, nie. Das entscheidet sich erst im Schneideraum. Erst wenn ich den Schnitt für beendet erkläre, weiß ich, wie lang der Film ist. Und vorher denke ich auch nicht darüber nach. Ein Film ist so lang, wie er ist, egal ob neunzig Minuten oder vier Stunden. Das gilt für alle meine Arbeiten. Ich finde, ich habe eine Verantwortung den Menschen gegenüber, die mir die Erlaubnis gegeben haben, den Film zu drehen, und diese Pflicht ist größer und stärker als die gegenüber irgendeinem Verleih oder Fernsehsender.

Inwiefern?
Die Themen, die ich auswähle, behandeln komplexe Ideen und Vorstellungen. Dazu braucht es eine Menge Menschen, die mir alle ihr Vertrauen Geschenkt haben. Da wäre es doch unfair, wenn ich mich am Ende dummen, festgefahrenen Fernsehformaten beugen würde. Das läuft dann zwar meistens darauf hinaus, dass ich mich mit der entsprechenden Fernsehgesellschaft in die Haare kriege, aber bis jetzt haben sie in Amerika noch alle meine Filme zu Primetime-Zeiten ausgestrahlt. Es scheint also, als hätte ich den Kampf schon vor einer ganzen Weile gewonnen. Allerdings gibt es auch Sender, die meine Filme eben genau aus dem Grund nicht zeigen, weil sie ihnen zu lang sind. Sie gehen von der fatalen Annahme aus, dass ihre Zuschauer einfach nicht die Aufmerksamkeitspanne besitzen, und wenn man das glaubt, wird’s gefährlich.

Aber Sie müssen doch zugegen, dass ein Drei-Stunden-Film über eine Bibliothek theoretisch auch Gefahr laufen könnte, an die Grenzen der Langeweile zu stoßen. Wie schaffen Sie es, dass genau das, bei Ihren Filmen nie passiert, ganz gleich wie lang sie sind oder mit welchem Thema Sie sich darin beschäftigen?
Na ja, es ist kein Geheimnis. Man muss einfach hart daran arbeiten, insbesondere an der Struktur, damit einem genau das nicht passiert. Damit man das Ganze so interessant wie möglich macht mit dem Material, dass einem letztlich zur Verfügung steht. Das klingt jetzt natürlich ziemlich blöd und abstrakt, aber so ist es eben. Es gibt keine feste Formel dafür, kein E = mc² wie man es machen muss. Ich sitze einfach da, tüftle und schneide am Material, bis es so passt, wie ich es für passend halte. Eine Sache, auf die es mir dabei jedoch stets ankommt, ist es, Überraschungsmomente zu schaffen, die nächste Sequenz nicht vorhersehbar erscheinen zu lassen. Das heißt, ich schneide aus einer bestimmten Perspektive heraus, in der zwei Sequenzen mit ähnlichem Inhalt nie aufeinander folgen.

Ex Librisentstand noch während der Obama-Administration.
Ja. Ich beendete den Schnitt zwei Tage, nachdem Trump zum Präsidenten gewählt wurde.

Wäre Ihr Film ein anderer geworden, wäre er unter Trump entstanden?
In gewisser, verdrehter Hinsicht könnte man sagen, dass Trumps Wahl gut für den Film und ein großes Unglück für alle anderen war, weil Trump nämlich genau das komplette Gegenteil von dem ist, was der Film repräsentiert: Er hasst Einwanderer, ist selbst ungebildet und unkultiviert. Er liest nicht einmal den Geheimdienstbericht, wenn man ihm den vorlegt. Er macht sich nichts daraus, anderen Menschen zu helfen. Er ist sehr darwinistisch, auch wenn er nicht die leiseste Ahnung hat, wer Darwin ist. Ohne dass ich es darauf angelegt habe, stellt der Film quasi das Gegengift zu Trump dar.

Mit anderen Worten: Der Film repräsentiert das Beste, was Amerika zu bieten hat, und Trump das Schlechteste?
Durchaus. Natürlich ist das alles auch nicht neu. Ich meine, es hat auch in meiner Kindheit eine starke "America-First"-Bewegung gegeben, in den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg. Da gab es eine ziemlich große Gruppe von Rechten, die verhindern wollten, dass Amerika sich am Krieg beteiligt. Ich erinnere  mich auch an einen antisemitischen Priester, der jeden Sonntag im Radio zu hören war, Father Coughlin. Einen Druck der Nativisten, der Rechten, hat es also schon immer gegeben. Und wie hartnäckig er sich über die Jahre gehalten hat, beweisen Ereignisse wie Charlottesville. Man könnte also theoretisch auch soweit gehen zu sagen, die Wahl Trumps ist der ultimative Beweis für das Versagen des amerikanischen Bildungssystems. Denn die meisten, die Trump gewählt haben, haben im Grunde gegen ihre eigenen wirtschaftlichen Interessen gestimmt. Sie wurden von andern Themen wie Abtreibung, gleichgeschlechtliche  Ehe und Transsexuelle im Militär abgelenkt und haben darüber hinaus verschlafen, dass Trumps Wirtschaftspolitik ausschließlich darauf ausgerichtet, die Reichen reicher zu machen und die Armen ärmer. Sie haben ihn trotzdem gewählt, auch wenn sie jetzt dafür bezahlen müssen.

Sie sind 1930 geboren. Wer war aus Ihrer Sicht im Laufe Ihres Lebens bisher der beste Präsident?
Roosevelt oder Obama. Harry Truman war auch gut. Sie sehen, alles Demokraten.

Würden Sie trotzdem gerne einen Film über Trump drehen?
Keine Frage. Wenn Sie mir die Genehmigung besorgen, lege ich morgen los.

 

Ex Libris

Frederick Wisemans beeindruckende Forschungsarbeit in der New York Public Library

Text ~ Michael Pekler

 

Dass sich dieser Tage vor allem jene Institutionen einer permanenten Prüfung unterzogen sehen, die sich auf die Vermittlung von Wissen verstehen, ist nicht nur dem Zeitgeist geschuldet. Wenn vor dem Wissen heute niemand mehr ehrfürchtig erstarrt, weil es in Sekundenschnelle auf einem kleinen Display abrufbar ist, dann mag das nachvollziehbar sein. Allerdings um den Preis, dass Wissen mit schlichter Information verwechselt wird.

„Ich drehe Filme über das, was mich interessiert und meinem sehr weit verstandenen Begriff einer Institution entspricht.“ Das kann natürlich nur als spitzbübisches Understatement jenes mittlerweile 88-jährigen Dokumentarfilmers durchgehen, dessen Name wie kein zweiter mit präzisen Untersuchungen klassischer Institutionen verbunden ist. Doch der umtriebige Autodidakt Frederick Wiseman, der sich in seinem Alterswerk verstärkt auf institutionelle Kunst und Bildung konzentriert, hat im Laufe der Jahrzehnte sein Arbeitsfeld nicht nur kontinuierlich erweitert, sondern dabei auch seinen Blick auf die Notwendigkeiten und Nöte demokratischer Gesellschaften geschärft. Und wie sich Schulen (High School), Universitäten (At Berkely) und Museen (National Gallery) dem Zahn der Zeit – und ökonomischen sowie ideologischen Interessen – ausgesetzt sehen, so ist auch die Bibliothek, hehres Zentrum klassischer Bildung, für ihn diesbezüglich im 21. Jahrhundert angekommen.

Vielleicht hat sich Wiseman auch deshalb für Ex Libris mit der New York Public Library eine der größten Bibliotheken der Welt ausgesucht. Selbstverständlich verzichtet er wie immer auf erklärende Kommentare, Texte oder dergleichen. Der sich seine eigenen Schlüsse ziehende Zuschauer ist für das Kinoverständnis Wisemans nach wie vor von größter Bedeutung. Was nicht heißt, dass er in diesem mehr als dreistündigen Film nicht geschickt die Führung durch den verzweigten Bibliothekskomplex übernimmt, gewandt die auf verschiedene Stadtviertel aufgeteilten Quartiere wie Mosaiksteine miteinander verbindet. Von den Telefonisten, die gleich zu Beginn des Films Anfragen jedweder Art entgegennehmen, über Lesungen, Kunstveranstaltungen und Forschungsarbeit bis zu Sozialaufgaben – die Bibliothek wird in Ex Libris zu einem Umschlagplatz moderner Wissens- und Lebensvermittlung.

„Libraries are not about books, they are about people“, meint an einer Stelle eine Architektin, die sich auf den Bau von Bibliotheken spezialisiert hat. Und trifft damit das Innere aller Filme Frederick Wisemans: Es sind zwar Arbeiten über Institutionen, vor allem aber über die mit ihnen konfrontierten Menschen.

 

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Interview ~ Pamela Jahn

Ex Libris


Dokumentarfilm, USA 2017
Regie, Drehbuch, Schnitt Frederick Wiseman
Kamera John Davey
Verleih Filmladen, 197 Minuten
Kinostart 24. Oktober



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