Das Wohlfühlfestival

Trotz teilweise sommerlichen Badewetters endete die 30. Ausgabe des Freistädter Festivals Der neue Heimatfilm mit einem Besucherplus von 15 Prozent: ein deutliches Zeichen für die Begeisterungsfähigkeit des nicht nur lokalen Publikums.

 

Heimat ist dort, wo man sich geborgen fühlt und glücklich ist, sagt eine der Protagonistinnen in Richard Rossmanns Film Äpfel und Birnen, und genau dieses Gefühl der Zugehörigkeit stellt sich für die Besucher dieses lokalen, aber doch auch sehr internationalen (50 Gäste aus aller Welt) Festivals sehr schnell ein.  Das hat einerseits mit der Kompaktheit der Örtlichkeit zu tun – alle Spielstätten inklusive Open-Air-Leinwand und Festivalrestaurant liegen im Radius von 200 Metern in der malerischen Freistädter Altstadt –, aber auch mit der sehr speziellen Wohlfühlatmosphäre des Festivals, die durch das interessierte Publikum und vor allem durch die Kompetenz und Freundlichkeit des Teams um Wolfgang Steininger zustande kommt. Da ist es etwa ganz selbstverständlich, dass der Chef höchstpersönlich am Abreisetag Fahrgemeinschaften nach Linz oder Wien für die Gäste zusammenstellt.

Das Programm ist trotz des einengend wirkenden Begriffs Heimat im Titel äußerst vielfältig: Kleinere österreichische Produktionen mit ländlichem und oft sehr persönlichem Hintergrund wie Was uns bindet von Ivette Löcker, in dem die Regisseurin sehr einfühlsam das Leben ihrer Eltern porträtiert, die viele Jahre nach der Scheidung noch immer in einem Haus zusammenleben, oder Hilda von Karin Berghammer, in dem der Alltag einer selbstbestimmten greisen Waldviertler Bäuerin dokumentiert wird, bilden das Rückgrat des Festivals. Einen weiteren wichtigen Bestandteil stellen Filme aus den Nachbarländern dar, wobei durch die enge Zusammenarbeit mit dem Partnerfestival in Bozen traditionell sehr viele Werke aus Italien zu sehen sind, die es sonst nicht auf heimische Leinwände schaffen. Was bei Filmen wie I Ricordo del fiume schade ist, denn die auch formal ambitionierte Dokumentation über den Abriss einer Migranten-Barackensiedlung in Turin würde sich ein größeres Publikum verdienen. Dem Thema Migration, dem Verlust der Heimat, wird auch sonst viel Raum gegeben, was sich in so unterschiedlichen Spielfilmen wie Marija – der fast dokumentarisch den Kampf einer ukrainischen Putzfrau um die Erfüllung ihres Lebenstraums zeigt – oder Dokumentationen wie Als Paul über das Meer zog – widerspiegelt. In diesem Fall muss sich der Regisseur im Laufe der vier Jahre dauernden Dreharbeiten entscheiden, ob er einem afrikanischem Flüchtling aktiv hilft oder weiter in der Rolle des filmenden Beobachters bleibt.

Aber nicht nur Menschen stehen im Mittelpunkt der Filme, auch die Entwicklung von Orten oder wie im Fall von Kriegserziehung ganze Länder – die klassische Definition von Heimat – bieten einen hervorragenden Filmstoff. Die tschechische Dokumentation zeigt die zumindest für hiesige Verhältnisse absurd wirkende Praxis der letzten Jahre, Kindern die militärische Landesverteidigung schmackhaft zu machen, indem man Soldaten in Uniform in den Turnhallen schwere Waffen und Kampftechniken demonstrieren lässt. Die Militarisierung der Gesellschaft wird auch an Hand der stark rechtsgerichteten bewaffneten Bürgerwehren deutlich, die mit inoffizieller Duldung der tschechischen Streitkräfte an den Grenzen patrouillieren, um illegale Einwanderer aufzugreifen. Auch das Leben eines viel zu früh gestorbenen Drogensüchtigen kann als Beispiel für den Einfluss dienen, den der Wohnort auf die Psyche der dort lebenden Menschen hat. Die Frage ist, ob der Protagonist des sehr berührenden Schweizer Films Der Zaunkönig auch in einer Großstadt oder auf dem Lande nicht von seiner Drogensucht losgekommen wäre, oder ob gerade die Enge einer Kleinstadt wie Chur zu seinem Untergang beigetragen haben. Das auf Tagebüchern und alten Filmaufnahmen beruhende Porträt einer Freundschaft und, bis zu einem gewissen Grad, einer Generation von gescheiterten Existenzialisten hätte sich auf jeden Fall einen heimischen Verleih verdient.

Preise wurden in Freistadt auch vergeben, wobei der Spielfilmpreis für Ferenc Töröks 1945, einer etwas biederen Aufarbeitung der Folgen der Annexion jüdischen Eigentums in einem ungarischen Dorf, etwas überraschend war. Die Preise für Rodion Ismailovs Platzkart (Russland) als bester Dokumentarfilm, Unerhört jenisch von Martina Rieder und Karoline Arn (Schweiz) als Publikumsfavorit und der Preis der Jugendjury für Adrian Goigingers Die beste aller Welten erschienen schon eher verdient. Der Würdigungspreis ging heuer an den in Freistadt geborenen Bernhard Bamberger, einen der führenden österreichischen Sounddesigner, der entscheidend zur Atmosphäre von Werken wie Michael Hanekes Funny Games oder Götz Spielmanns Revanche beigetragen hat. Der Bedeutung dieses anspruchsvollen wie sympathischen Festivals für die gesamte Region wurde übrigens durch alle (!) Parteien Rechnung getragen: Gemeinsam beschlossen sie die Verdoppelung der finanziellen Förderung für nächstes Jahr.

 

www.filmfestivalfreistadt.at

 



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