Von Lanzenkirchen nach Hollywood

Alles neu beim Wiener Neustädter Filmfestival „Frontale“, das von 15. bis 19. November stattfindet. Festivaldirektor Christoph Dostal im Gespräch.

 

Christoph Dostal, der künstlerische Leiter des Stadttheaters Wiener Neustadt, hat es nicht nur geschafft, gemeinsam mit Christoph Sigmund, dem kaufmännischen Leiter des Theaters, das Geld für eine digitale Umrüstung der ehrwürdigen Institution aufzutreiben und damit dem Festival einen würdigen Rahmen zu verleihen, er hat auch ein Programm zusammengestellt, das mit lokalen Talenten wie Monja Art und Legenden wie Karl Merkatz ebenso glänzt wie mit international renommierten Stars wie George Clooneys Hauskameramann Phedon Papamichael. Im Interview spricht der gelernte Schauspieler darüber, wie man den Spagat von L.A. nach Wiener Neustadt am besten schafft, wie man Jugendlichen durch Filme mehr Selbstvertrauen geben kann und wie erstaunlich hilfsbereit echte Hollywood-Größen sein können.

 

Was ist die Zielsetzung in Ihrem ersten Jahr als Leiter der Frontale?

Mir ist wichtig, dass wir das Medium Film außerhalb der großen Städte für die Menschen dieser Region greifbarer machen. Ein wenig das Bewusstsein zu fördern, dass Film mehr kann als „nur“ Popcorn-Unterhaltung zu sein. Man muss dazu wissen, dass es in Wiener Neustadt bis Anfang der 2000er Jahre – während meiner Jugendzeit – fünf Kinos gab, die dann nacheinander alle zugesperrt haben. Derzeit gibt es nur das Cineplexx am Stadtrand und den Verein Dekarte, dessen Obmann Mag. Winfried Koppensteiner sich sehr dafür einsetzt, im Stadtzentrum Filme zu zeigen. Aber er hat leider nur einen Beamer in einem Seminarraum zur Verfügung, und das ist natürlich eine andere Atmosphäre als z.B. eine DCP-Projektion mit Dolby Surround im historischen Stadttheater. Bis 1999 wurde das Stadttheater ja auch als Kino genutzt, parallel und fast gleichwertig. Und wir haben jetzt zwei Jahre dafür gekämpft, das Budget aufzustellen, um kinotechnisch auf den neusten Stand zu kommen. Jetzt haben wir die Möglichkeit, Film im Zentrum der Stadt in einem ganz einzigartigen Rahmen anzubieten. Wir werden kein Programmkino machen, dazu fehlen uns die Kapazitäten, wir planen aber, mindestens einmal im Monat einen auserlesenen Film zu spielen, einen regelmäßigen cineastischen Abend zu kreieren, wenn möglich mit Publikumsgesprächen.

 

Das fällt auch beim Durchsehen des heurigen Frontale Programms auf, dass bei jedem Langfilm mindestens ein Gast anwesend ist.

Das war bei der Auswahl eine Bedingung, damit das Publikum ein wenig hinter die Kulissen blicken und natürlich auch Fragen stellen kann. Einer meiner Favoriten in dieser Hinsicht ist der Film Siebzehn von Monja Art, die übrigens aus meiner Heimatgemeinde Lanzenkirchen kommt. Siebzehn wurde ja in der Gegend um Wiener Neustadt mit Jugendlichen von dort gedreht. Da sind zwei Schulvorstellungen geplant, wo die Jugendlichen ihre Altersgenossen fragen können, wie es denn so war, nicht als Komparsen, sondern als Hauptdarsteller in einem Kinofilm mitzuwirken. Natürlich ist ein Publikumsgespräch mit Peter Simonischek oder Karl Merkatz etwas ganz Besonderes, aber zu diesen großen Schauspielern schaut man als Jugendlicher nur auf, und bei Siebzehn ist man sozusagen auf Augenhöhe und kriegt vielleicht oder hoffentlich ein Gefühl dafür, was auch für einen selbst alles möglich wäre. In meiner Kindheit habe ich noch ins Schwarzweiß-Fernsehkastl geschaut, und es war für mich absolut unvorstellbar, dass ich vielleicht selber dort einmal zu sehen sein werde. Auch wenn ich Camera Acting für Jugendliche unterrichte, ist es ganz wichtig für mich, ihnen zu vermitteln, dass sie es, auch wenn sie nicht in eine Künstlerfamilie hineingeboren werden und aus einem kleinen Dorf kommen, ganz nach oben schaffen können – bei entsprechendem Talent und natürlich harter Arbeit. Für ein solches Self Empowerment ist ein Film wie Siebzehn ganz großartig geeignet, bei solchen Werken kann man eben auch ganz viel über die Welt, verschiedene Kulturen, zwischenmenschliche Beziehungen und über einen selbst lernen,  im Gegensatz zu einem Hollywood-Blockbuster nach dem üblichen Strickmuster.

 

Dass Karl Merkatz die Schirmherrschaft über das Festival übernommen hat, passt natürlich auch bestens zu diesem Gedanken der lokalen Vernetzung.

Ich bin jetzt seit ca. eineinhalb Jahren künstlerischer Leiter des Stadttheaters, und vor einem Jahr konnte ich Karl Merkatz für ein Publikumsgespräch gewinnen, in dem er über sein Leben, seine Kindheit und Jugend in Wiener Neustadt erzählt hat. Nach dieser ersten Verbindung habe ich ihn dann angerufen und gefragt, ob er sich vorstellen könnte, die Schirmherrschaft über die Frontale zu übernehmen, was er sehr rasch noch am Ende des Telefonats auch zugesagt hat, worüber wir uns wirklich sehr gefreut haben. Er kommt nicht nur am Eröffnungsabend sondern ist die ganze Zeit vor Ort, feiert seinen 87. Geburtstag im Rahmen des Festivals, und wird natürlich auch seinen Film Anfang 80 präsentieren, der ihn immer noch so berührt, dass er bei der Frontale-Pressekonferenz sehr emotional reagierte. Das sind dann auch die Sachen, die wir mit dem Festival vermitteln wollen, diese Begeisterungsfähigkeit und Hingabe aller Beteiligten an einem Film. Diesen Enthusiasmus wollen natürlich auch wir Festivalmacher ausstrahlen, und das ist uns zumindest bei den Sponsoren schon gelungen, indem wir das budgetierte Plansoll bei weitem übertroffen haben.

 

Das Wiener Neustädter Publikum darf sich aber auch auf renommierte internationale Gäste freuen. Am prominentesten ist da sicher George Clooneys und Alexander Paynes langjähriger Kameramann Phedon Papamichael. Wie ist es Ihnen gelungen, einen so vielbeschäftigen Star seiner Zunft zur Frontale zu locken?

Das geht bei einem solchen Star natürlich nur über persönliche Beziehungen, die ich durch meinen zweiten Lebensmittelpunkt Los Angeles zum Glück habe. Wenn man denen unbekannterweise einfach ein Mail schickt, hat man kaum eine Chance. Auch wenn man die Leute kennt, ist es nicht selbstverständlich, dass sie zusagen. Wir sind natürlich begeistert, dass Phedon am Eröffnungstag seinen Kurzfilm A Beautiful Day, bei dem er Regie geführt hat, präsentieren und die Fragen des Publikums beantworten wird. Selbst sein Hauptdarsteller James Brolin wäre gern gekommen, wenn der Termin für ihn günstiger gewesen wäre. Wie engagiert auch Hollywood-Schauspieler sind, zeigt sich auch daran, dass Rick Rossovich, der in Top Gun, den wir auch zeigen, und in Papamichaels Film mitspielt, sich für ein Skype-Interview zur Verfügung gestellt hat, das hoffentlich technisch realisiert werden kann.

 

Neben den acht Langfilmen sind auch 20 Kurzfilme zu sehen, die wohl auch sehr wichtig für das Gelingen des Festivals sind?

Die waren auch schon früher das Herzstück des Programms. Aus über 300 Einreichungen hat eine Fachjury diese 20 ausgewählt, die aus der ganzen Welt kommen und somit die Frontale trotz lokaler Schwerpunkte zu einem wirklich internationalen Festival machen. Bei den Langfilmen ist die Auswahl mehr heimisch geprägt, wir haben aber auch eine sehr interessante Österreich-Premiere anzubieten, den deutschen Film Fremde Tochter, der uns auf dem Filmfest München nachhaltig beeindruckt hat.

 

Sie sind ja eigentlich Schauspieler, wie sind Sie dazu gekommen, im organisatorischen Bereich tätig zu sein?

Organisieren muss man ja auch als Schauspieler sehr viel. Heutzutage reicht es keinesfalls aus, nur brav zu Castings zu gehen und auf einen Anruf zu warten. Ich habe mir schon vor einiger Zeit vom Laptop aus Soloshows in Amerika organisiert, so wurden auch Agenten aus Hollywood auf mich aufmerksam, was dazu führte, dass ich die letzten acht Jahre in Los Angeles gelebt habe. Aber ich hatte noch immer eine sehr starke Bindung zu meiner Heimat, und als ich vor zwei Jahren gefragt wurde, ob ich mir vorstellen könnte, Konzepte für die Kultur in Wiener Neustadt zu erstellen, habe ich diese neue Herausforderung gerne angenommen. Zunächst haben wir ein Straßenkunstfestival und ein Literaturfestival ins Leben gerufen, und vor eineinhalb Jahren hat man mir die künstlerische Leitung des Stadttheaters angeboten. Diese Aufgabe konnte ich keinesfalls ablehnen, ich hatte immerhin als Bub meinen ersten Auftritt in diesem wunderbaren Haus und war auch mit den Menschen vor Ort über all die Jahre hinweg sehr verbunden. Es ist fast ein wenig so, als würde sich ein Kreis schließen. Ich habe dann auch sofort meine Vision dargestellt, das Theater technisch so auszurüsten, dass man auch wieder Filme in hoher Qualität zeigen kann – und nach zweijähriger Arbeit ist das zum Glück jetzt Realität geworden.

www.frontale.at

 



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Interview ~ Günter Pscheider



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