Hauptpreise für Georgien und vier Stunden Putin

Das 23. International Filmfestival in Sarajevo

 

Die Einschlusslöcher aus der mehr als dreijährigen Belagerungszeit von 1992 bis 1995 sind an vielen Gebäuden noch immer zu sehen, ansonsten scheinen die Wunden des Krieges allmählich zu vernarben. Fröhliche und/oder entspannte Stimmung kennzeichnet das Stadtbild Sarajevos, besonders in der historisch wertvollen und von Touristen rege besuchten Altstadt. Bereits zum 23. Mal versammelten sich von 11. bis 18. August Filmprofessionals aus aller Welt in der Hauptstadt von Bosnien-Herzegowina, um am bedeutendsten Festival des südosteuropäischen Raums teilzunehmen. Die Bedeutung der Veranstaltung für das regionale Filmschaffen ist längst unumstritten; Koryphäen aus ferneren Ländern lockt man nicht nur mit Charme und lokalen Attraktionen, sondern auch mit Preisen. So wurden in diesem Jahr der legendäre britische Komiker John Cleese (Monty Python) und der dreifache Oscar-Preisträger Oliver Stone mit dem Ehrenpreis „Heart of Sarajevo“ ausgezeichnet. Stone, der – das war ein wenig seltsam – nicht vor einem seiner eigenen Filme, sondern vor Good Time, dem neuesten Streich der Safdie-Brothers mit Robert Pattinson in der Hauptrolle, geehrt wurde, bedankte sich mit einem flammenden Appell für Frieden und Freiheit und mit harscher Kritik am amtierenden US-Präsidenten. Dafür war ihm tosender Applaus sicher, für seinen neuen, spektakulären Dokumentarfilm, den fast vierstündigen The Putin Interviews erntete er hingegen – zumindest von den Professionals – weniger Begeisterung. Ganz offensichtlich hatte Vladimir Putin dem prominenten Interviewer Tür und Tor geöffnet, und es gab – so heißt es – keinerlei Einschränkungen, was die Fragen betraf, aber das Resultat erschien vielen dann doch als unverschämt ausführliche Plattform für die philosophischen und politischen Ansichten eines nicht minder umstrittenen Mannes. Die Zuschauer in Sarajevo war offenbar weniger skeptisch, denn der Publikumspreis im Bereich Dokumentarfilm ging ausgerechnet an The Putin Interviews.

Sarajevo ist, wie so viele Festivals heutzutage, vor allem ein Ort des Austauschs zwischen Filmschaffenden und (potenziellen) Geldgebern, die dementsprechende Veranstaltung heißt hier Cinelink Industry Days, und auch eine Talente-Schmiede gab es bereits zum elften Mal. Rund 70 junge Schauspieltalente, Kameraleute, Regisseurinnen und Regisseure, Editors, Filmpublizistinnen und -publizisten, Produzentinnen und Produzenten sowie Drehbuchautorinnen und -autoren aus 14 Ländern Südosteuropas und des südlichen Kaukausus trafen einander diesmal in Sarajevo, um Kontakte zu knüpfen und mögliche Projekte zu besprechen. Vielleicht finden sich einige davon in den nächsten Jahren auf der Leinwand des Bosnischen Nationaltheaters wieder, wo die Wettbewerbsbeiträge – im Bereich Spielfilm waren es diesmal schlanke sieben – gezeigt werden. Der Hauptpreis dabei, ebenfalls ein „Heart of Sarajevo“, allerdings garniert mit immerhin 16.000 Euro, ging an den georgischen Debütfilm Scary Mother (Sashishi Deda) von Ana Urushadze. Die Regisseurin erzählt darin von Manana, einer 50-jährigen Hausfrau, die mit einem Dilemma kämpft: Sie muss sich zwischen ihrem Familienleben und ihrer Leidenschaft für das Schreiben entscheiden, die sie viele Jahre lang unterdrückt hat. Sie wählt schließlich das Schreiben, doch ihre Passion bringt sie psychisch und physisch an ihre Grenzen. Auch der beste Dokumentarfilm kam dieses Jahr nach Meinung der Jury aus Georgien: Die City of the Sun (Mzis qalaqi), so der Titel von Rati Onelis Film, ist die Stadt Chiatura im westlichen Georgien, in der einst bis zu 50 Prozent des Mangan-Bedarfs der Welt abgebaut wurden. Heute jedoch gleicht Chiatura einer apokalyptischen Geisterstadt, und der Film porträtiert einige der wenigen verbliebenen Einwohner. Als bester Regisseur wurde der Rumäne Emanuel Pârvu ausgezeichnet. In seinem Spielfilm Meda or The Not so Bright Side of Things (Meda sau partea nu prea fericitâ a lucrurilor) schildert Pârvu das schwierige Leben des Holzfällers Doru, dessen Frau kürzlich gestorben ist. Sie hat sich in den letzten acht Jahren um das kleine Mädchen Meda gekümmert – und Doru scheint nun nichts anderes übrig zu bleiben, als das Kind in einem Waisenhaus unterzubringen. Verzweifelt sucht er nach einem Weg, um dem Mädchen dieses Schicksal zu ersparen ... doch dafür braucht er dringend Geld, und das ist in der ländlichen Gegend spärlich vorhanden. Der Hauptdarsteller des Films, Serban Pavlu, wurde darüber hinaus als bester Schauspieler ausgezeichnet.

Eine spezielle Erwähnung der Jury gab es für den hervorragenden bulgarischen Film Directions (Posoki) von Stephan Komandarev, der nach Meinung vieler Anwesender eigentlich den Hauptpreis verdient hätte. Ein Kleinunternehmer, der nebenbei Taxi fährt, um seiner Tochter eine gute Ausbildung zu ermöglichen, tötet in einer Mischung aus Wut und Verzweiflung den Bankangestellten, der aus purer Willkür seinen Kredit fällig stellen will. Danach schießt er sich selbst eine Kugel in den Kopf, überlebt aber schwer verletzt. Die Tat löst landesweit Bestürzung und heftige Diskussionen über den Zustand einer Gesellschaft aus, in der die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinanderklafft. Der Regisseur zeichnet ein düsteres Bild mit so gut wie keinem Hoffnungsschimmer.

Auch das österreichische Filmschaffen ging in Sarajevo nicht leer aus: Die umtriebigen Riahi-Brüder erhielten für ihren Dokumentarfilm Kinders eine lobende Erwähnung der Jury.

 

www.sff.ba/en

 



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