Glamour in der Wüste

Mit der festlichen Verleihung des Hauptpreises an "Joy" von Sudabeh Mortezai endete kürzlich die 17. Ausgabe des prestigeträchtigen Filmfestivals in Marrakesch.

 

Nach einem Jahr Pause erstrahlt das Festival in neuem Glanz. Der Programmverantwortliche Christoph Terhechte hat den Spagat zwischen anspruchsvollen Erst und Zweitwerken im Wettbewerb, innovativen Filmen in Sonderschienen und Crowdpleasern aus Nah und Fern bestens hinbekommen. Für den langjährigen Leiter des Berlinale Forums ist es natürlich kein Problem, sich die Rosinen aus dem Festivalangebot des letzten Jahres auszusuchen – die Überschneidungen mit der Viennale sind augenscheinlich – aber für das Aufgebot an Stargästen müsste sich auch Cannes oder Venedig nicht genieren.

Martin Scorsese, der ein wenig wie der Pate des Festivals wirkt, war bereits zum vierten Mal vor Ort, um einige seiner Werke zu präsentieren und bei einem langen Publikumsgespräch sein immenses Filmwissen mit den Fans zu teilen. Auch sein alter Freund Robert De Niro wirkte unter der marokkanischen Sonne relaxed und altersmilde. Vorbei scheinen die Zeiten, als der vehemente Trump-Gegner Journalistenfragen äußerst knapp, wenn überhaupt, beantwortete. Vielleicht war seine neue Offenheit, mit der er zumindest ansatzweise auch Fragen über sein Privatleben, seine Familie beantwortete, aber auch nur der charmanten Präsenz der Regisseurin Maewenn geschuldet, die im überfüllten Saal mit der Schauspielikone plauderte. Aber auch die anderen Teilnehmer der beliebten Reihe „In Conversation with“ repräsentieren die Crème de la Crème der internationalen Filmkunst. Wer bei den Gesprächen mit Agnès Varda, Guillermo del Toro, Christian Mungiu, Thierry Fremaux und Yousry Nasrallah dabei war, hat sicherlich wertvolle Einblicke in das Wesen des aktuellen und vergangenen Kinos gewonnen. Doch damit noch nicht genug mit dem Namedropping: Bei den Vorführungen von Green Book war auch der Golden-Globe-nominierte Viggo Mortensen vor Ort, Julian Schnabel präsentierte sein Van Gogh-Biopic At Eternity´s Gate, und auch die Jury war mit Daniel Brühl, Laurent Cantet, Dakota Johnson, Lynne Ramsey u.a. äußerst prominent besetzt.

Das lokale und internationale Publikum strömte aber nicht nur zu den Vorführungen mit den Stars am berühmten Jemaa el fna-Platz (nur Stehplätze), der normalerweise mit traditionellen Musikern, Schlangenbeschwörern und Essensständen überfüllt ist, auch die vielen kleineren Filme ohne bekannte Namen im traditionsreichen Einsaalkino Le Colisée oder im Yves Saint Laurent-Museum waren sehr gut besucht.

Das Herz des Festivals schlägt aber zweifelsohne im Palais des Congrès, dessen zwei mit modernster Technik ausgestatte Säle von der Architektur her stark an ihren berühmten Namensvetter in Cannes erinnern. Dort wurde auch der Regisseur Jillali Ferhati, eines der Aushängeschilder des marokkanischen Kinos, in einer Oscar-würdigen Zeremonie geehrt, wie überhaupt das arabischsprachige Kino einen wichtigen Platz beim Festival einnimmt. Marrakesch ist mit seinem wunderbaren Klima (25 Grad und viel Sonne) sowieso die perfekte Winterdestination. Die interessante Mischung aus leistbaren Luxushotels, der pulsierenden Medina, die die gesamte Altstadt einnimmt, großzügig angelegten Gärten wie La Majorelle, wo Yves Saint Laurent seinen Rückzugsort hatte oder auch Andre Hellers Anima, und dem schneebedeckten Atlasgebirge in Sichtweite, zieht sowieso viele Touristen an. Da ist es auch kein Wunder, wenn die meisten Filmgäste viel länger bleiben als die üblichen zwei, drei Tage, um diesen magischen Ort zwischen Tradition und Moderne, zwischen französischen Einflüssen und berberischen Wurzeln mit seinen kulinarischen und kulturellen Genüssen voll auszukosten.

Mit Markus Schleinzers Angelo in der Reihe der innovativen Filme „Der elfte Kontinent“ und Sudabeh Mortezais Joy im Wettbewerb waren auch zwei österreichische Filmschaffende vertreten, wobei Joy seinen Siegeszug auf dem Festivalzirkus fortsetzen konnte und den Hauptpreis gewann. Die Regisseurin kann nächstes Mal nicht mehr am Wettbewerb, der ja Erst- und Zweitwerken vorbehalten ist, teilnehmen, aber sie wird möglicherweise in Zukunft der Jury dieses außergewöhnlichen Festivals angehören.

 

www.festivalmarrakech.info/en/

 



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