Films @ ART Basel

In jedem Jahr, wenn die ART-Basel die Kunstinteressierten der Welt ruft, verwandelt sich die beschauliche Stadt am Rhein in ein großes Ausstellungsgelände.

 

Im Zentrum steht dabei die Messe mit fast 300 führenden Galerien aus 35 Ländern, die insgesamt rund 4000 Künstler und Künstlerinnen präsentierten. Daneben zeigt sich der Ausstellungsteil „Unlimited“  als Plattform für großformatige Projekte verschiedener Genres, die den Rahmen eines üblichen Galeriestandes sprengen würden. Der „Parcours“ schließlich bietet traditionell eine Tour entlang von Kunstwerken und Projekten in verschiedenen Gebäuden und Baudenkmälern in der Basler Altstadt, darunter auch durch eine Reihe führender Museen.

Film und Bildende Kunst treffen hier regelmäßig aufeinander. In den letzen Jahren hat diese Beziehung auch auf großen Filmfestivals immer mehr an Bedeutung gewonnen, was sich  wiederum im Programm der ART Basel niederschlägt.
Sowohl Messe als auch „Parcours“ und „Unlimited“ zeigen Filmkunst, Videoinstallationen und Bewegtbild.  Die in den letzten vier Jahren von der in Kairo lebenden Kuratorin Maxa Zoller kuratierte „ART Basel Filmreihe“, (Interview siehe unten) präsentiert Film- und Videoarbeiten, die von teilnehmenden Galerien präsentiert und im Basler Stadtkino gezeigt werden.
Die zweiteilige Videoinstallation „TDLR“ („Too long, didn't read“) der Südafrikanerin Candice Breitz in der „Unlimited“ verbindet Musical, Videoinstallation, Theater und Dokumentarfilm zu einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Thema soziale Gerechtigkeit und ihre Darstellung in der Kunst. In einem Teil des Werks baut Breitz ein Leinwandtryptichon auf, in dessen mittleren Teil ein zwölfjähriger Junge mit bemerkenswerter Kohärenz und Selbstverständlichkeit die Rolle des Conferenciers einnimmt. Er führt durch eine mit Musik durchzogene Narration um die Rechte von Sexarbeitern in Südafrika.  Diese greift eine Auseinandersetzung zwischen Amnesty International und einer Gruppe von prominenten Hollywoodschauspielerinnen auf: Die Schauspielerinnen hatten sich im Jahr 2015 gegen einen Vorschlag von Amnesty ausgesprochen, Sexarbeit zu entkriminalisieren. (Reale) Sexarbeiterinnen kommentieren die Erzählung, singend und tanzend, choreografiert auf den beiden seitlichen Leinwänden. Das Triptychon bildet so die Bühne für eine so ernste wie unterhaltsame Erzählung zwischen Inszenierung und Dokument.

Im zweiten Teil der Installation werden auf 10 Leinwänden persönliche Interviews mit Sexarbeiterinnen gezeigt die Aufschluss über die Haltung zu ihrer Tätigkeit geben. Breitz’ Werk zeigt Individuen, evoziert Empathie und regt zum Nachdenken an. Zugleich ist es ein auf ungewöhnliche Weise vorgetragender Diskurs der kontrovers geführten feministischen Debatte um Prostitution und Sexarbeit und die Rolle der Kunst, die sich zumeist aus einer priviligierten Position heraus mit dem Thema befasst.

Als Teil des „Parcours“, der quer durch die ganze Stadt führt, präsentiert die Galerie König im kult.kino atelier Julian Rosefeldts Film Manifest. Der Film zeigt eine durch 12 Rollen schillernd wandelnde Cate Blanchett, die als Obdachloser, als Lehrerin, als alleinerziehende Arbeiterin, als Choreographin, Fernsehmoderatorin, Korrespondentin und in anderen Rollen brilliert. Manifesto greift auf die Texte von Futuristen, Dadaisten, Fluxus-Künstlern, Suprematisten, Situationisten und anderer Künstlergruppen zurück, ebenso wie auf die Überlegungen einzelner Künstler, Architekten, Tänzer und Filmemacher. Rosefeldt hat diese Manifeste bearbeitet, in zwölf brillanten Collagen neu zusammengefügt und so die Ideen von Karl Marx, Claes Oldenburg, Yvonne Rainer, Kazimir Malevich, André Breton, Sturtevant, Sol LeWitt, Jim Jarmusch, Lars von Trier und vielen mehr miteinander verwoben und den unterschiedlichen Figuren in den Mund gelegt.

Das Werk war ursprünglich als Videoinstallation mit 13 Bildschirmen für Kunstgalerien konzipiert und dort zuerst auch mit parallel laufenden Endlosscheifen zu sehen. Die darstellerische Leistung Cate Blanchetts und die Wucht, die die aufrührerischen, in völlig andere Situationen gesetzen Manifeste auch heute noch entfalten können, ist in der Kinofassung nicht minder beeeindruckend. Allerdings ist die lineare Erzählung statt der Parallelvision, das Stationendrama statt der Endlosschleife weniger überzeugend,weil der Zuschauer die Reihenfolge der Szenenansicht nicht selbst bestimmen kann. Die Bezüge der Figuren zueinander sind nicht ganz so frei assoziierbar und das Werk damit weniger vielschichtig. Am Ende überwiegt bei der Langfilmversion das Gefühl eines allzu konzepthaften Films, der permanent mit der Erwartung des Zuschauers spielt, dabei aber keinen filmischen Sog erzeugen kann.

Lynn Herschman-Leesens Werk Conceiving Ada, Teil der ART Filmreihe, war im Jahr seiner Entstehung 1997 seiner Zeit thematisch überraschend weit voraus. Der Film erzählt die Geschichte einer Wissenschaftlerin, die durch den Einsatz genetischer Codes Personen und Ereignisse der Vergangenheit auf dem Computermonitor sichtbar machen will. Ihr Ziel ist die Kontaktaufnahme zu Lord Byrons Tochter Ada. Tilda Swinton, die auch in späteren Filmen Herschmans spielt, stellt Ada Byron King, Gräfin von Lovelace dar, die die erste Computersprache entwickelte und deren Verwendung in Musik, Dichtung und Bildender Kunst voraussagte. Als eigenwillige Denkerin in der viktorianischen Zeit geboren, zwangen Adas Leidenschaften und Perversionen sie dazu, ein Doppelleben zu führen. Dessen eingedenk, ist Conceiving Ada analog einer doppelten DNS-Spirale strukturiert. In ihrem zweiten Spielfilm Technolust aus dem Jahr 2002 geht es um eine Wissenschaftlerin, der es gelingt drei Kopien ihrer selbst zu klonen – auch dies ein Thema, dessen Bedeutung bis heute noch zugenommen hat.

Herschman kam spät von der Kunst zum Film und ist überzeugend gradlinig und konsequent in der Wahl ihrer Sujets. Ihre Einzelausstellung „Anti-Bodies“ im Basler Haus der elektronischen Künste bietet dem Zuschauer denn auch ein immersives Eintauchen in die Welt der Gentechnologie, ein Thema, das die Pionierin der Medienkunst seit Conceiving Ada nicht mehr losgelassen hat. Bereits Anfang der 90er Jahre prägte Herschman in ihrem Werk den Begriff "Anti-Body" und meinte damit die körperlose, virale Präsenz im Internet. Die Ausstellung, für die sich der Besucher in einen weißen  Kittel hüllt und selbst als Wissenschaftler durchs Genlabor geht, zeigt Arbeiten Herschmans, die sich mit den Themen biologischer Fortschritt, regenerativer Medizin und Genforschung auseinandersetzen und den Nutzen, aber auch die Gefahren, die von diesen Entwicklungen ausgehen abwägen. Eine große Tapete zeigt Fotos von hunderten von genmanipulierten Tieren und Lebensmitteln. In einer Vitrine befindet sich eine mit dem 3D Drucker hergestellten Nase aus Zellstoff, die sich mit den Zellen eines Menschen verbinden kann.

Ein anderes Thema, das die Gegenwart in hohem Maß bestimmt, ist die Flüchtlingsbewegung. Derzeit sind mehr als 65 Millionen Menschen gezwungen, ihre Heimat zu verlassen, um vor Hunger, Klimawandel und Krieg zu fliehen. Der Chinese Ai Weiei,  einer der erfolgreichsten und zugleich umstrittendsten politischen Künstler, hat sich mit Human Flow (Deutschland 2017, ebenfalls im ART Filmprogramm) nicht weniger vorgenommen, als das Ausmaß der globalen Migrationsbewegung sowie deren Ursachen und Folgen zu thematisieren.

Als filmische Reise führt ihn Human Flow durch 23 Länder, darunter Afghanistan, Bangladesch, Deutschland, Griechenland, Irak, Kenia, Mexiko, Türkei und die USA und zeigt Menschenströme und Flüchtlingslager, lässt flüchtende Menschen zu Wort kommen und schildert ihre individuellen Schicksale. Auffällig jedoch, dass die Migrationsbewegung innerhalb und aus China nicht vorkommt. Mehr als 400 Stunden Bildmaterial hat der Künstler auf 140 Minuten reduziert. So ambitioniert die Arbeit Ai Weiweis auch sein mag, der Film gibt dieser gewaltigen Völkerwanderung in jedem Fall ein eindrucksvolles Gesicht.

Zuweilen mutet es jedoch merkwürdig an, dass der Künstler selbst ebenso oft im Mittelpunkt des Films steht, den ankommenden Flüchtlingen heißen Tee reicht, einfach nur dasteht und filmt, zuhört oder  sich selbst als Dokumentarist in Szene setzt. Besonders heikel ist die Szene, in der Ai einem syrischen Flüchtling anbietet, die Pässe zu tauschen und bemerkt, dass dieser dann auch bereit sein müsste, sein Atelier in Berlin zu beziehen. Dies  macht die existientiellen Unterschiede zwischen Akteur und Chronist auf geradezu beschämende Weise klar und man wundert sich darüber, dass Ai Weiwei diese Situation nicht peinlich zu sein scheint.

Der formal interessanteste Film des ART Basel Filmprogramms ist Dragonfly Eyes des chinesischen Künstlers Xu Bing. Bing komponierte sein Regiedebüt aus tausenden von Stunden Videomaterial von Überwachungskameras. Mit dem Dichter Zhai Yongming und dem Drehbuchautor Zhang Hanyi webt er eine Geschichte um zwei Protagonisten. Die junge Frau, Qing Ting, verlässt ein buddhistisches Kloster und zieht in die Stadt. Dort trifft sie Ke Fan, mit dem sie eine intensive Freundschaft beginnt, woraus sich schließlich eine dramatische Liebesgeschichte entwickelt. Eine Erzählerstimme hält die Geschichte zusammen, denn die „Darsteller“ sind natürlich immer andere, wenn der Regisseur auch darum bemüht war, Überwachungsaufnahmen von sich ähnelnden Figuren zusammenzustellen.

Eine Reihe von Nebengeschichten werden durch Sicherheits- und Dash-Cam-Aufnahmen erzählt – abwechselnd beängstigend und poetisch. In dieser täglichen Non-Fiction-Version ist jeder ein Schauspieler, ohne es zu wissen, und Bing liefert einen Kommentar zu unserer obsessiven Medienkultur, die in dem Überwachungsstaat China derzeit ein Höchstmass erreicht zu haben scheint.

 

 



 

Fragen an Maxa Zoller, Kuratorin des Filmprogramms ART Basel

Sie haben das Filmprogramm der ART Basel zum vierten Mal kuratiert. Seit wann existiert diese Programmschiene und wie hat sie sich im Laufe der Jahre verändert?

MZ: Das Programm wurde 1992 von dem Schweizer Produzenten This Brunner ins Leben gerufen und wurde dann unter Marc Gloede in den 2010ern erweitert. Ich bin nun sozusagen die Dritte im Bunde. Das Programm hat sich vor allem in letzter Zeit sehr verändert. Was ich in meinen vier Jahren beobachten konnte, war eine zunehmende Tendenz grosser Langspielfilmproduktionen, dass heisst das neben kleineren Videoarbeiten und Filminstallationen auch immer mehr experimentelle Spielfilme eingereicht wurden. Das liegt daran, dass Künstler sich in den letzten zwanzig Jahren, also seit dem neunziger Jahre Boom der digitalen Medien und dem Jahrhundert Jubiläum des Kinos im Jahr 1995, durch ihre Filmarbeiten den institutionellen Weg für eine neue Art des Films, dem Künstlerfilm, gepflastert haben. Wie man auf der Art Basel dieses Jahr sehen konnte, laufen Langformate im Ausstellungsrahmen bei Unlimited, als auch bei mir im Kino, wo die Aufnahmefähigkeit natürlich größer ist. Auch einen weiteren Vorteil hat das Kino: Man kann nach Filmabspann gemeinsam diskutieren.

Das diesjährige Filmprogramm setzt sich aus einer Auswahl von sowohl jüngeren als auch älteren Werken zusammen. Der Bezug zur Bildenden Kunst ist bei den meisten Filmen entweder durch die Regie oder die Inhalte gegeben. Welche Kriterien legen Sie bei der die Auswahl darüber hinaus für einen jeweiligen Jahrgang dieser wichtigen Kunstmesse an?

MZ: Die Kriterien sind immer gleich, die Resultate immer anders. Deswegen ist das Filmkuratieren so spannend. Der eingereichte Film muss natürlich zunächst einmal für eine große Leinwand geeignet sein, dass heißt inhaltlich muss er das Publikum in seinen Bann ziehen und technisch sollte er von hoher Qualität sein. Zweitens suche ich nach inhaltlich relevanten Arbeiten. Die Themen die in einem Film angeschlagen werden, sollten aktuell sein, denn ich möchte, dass das Publikum wirklich etwas von dem Film mit nach Hause nimmt. Außerdem gestaltet sich die Diskussion zwischen Filmemacherin/Filmemacher und Publikum dann auch dynamischer. Diese Auswahlkriterien mögen allgemein klingen, aber der Teufel steckt im Detail und ein ganzes Kino zu verzaubern ist keine einfache Aufgabe.

Während sich die Protagonistin in Lynn Herschman-Leesens "Conceiving Ada" zwischen den Realitäten der Gegenwart und Vergangenheit bewegt, porträtiert Ai Weiweis "Human Flow" die enorme gegenwärtige Migrationsbewegung. Xu Bings "Dragonfly Eyes" lotet den Übergang von dokumentarischem Material und Fiktion aus. Könnte die Linie, die die ausgewählten Filme der Reihe verbindet, vielleicht die Eigenschaft eines fliessenden Übergangs -zwischen den Genres, den Grenzen, den Welten, der Wahrnehmung- sein?

MZ: Sie habe eine sehr gute Beobachtung gemacht. Es ist tatsächlich so, dass wir an einer Schnittstelle angekommen sind, an der mehrere Traditionen, Formen und Genres aneinanderstoßen und aus dieser Mischung ergibt sich eine neue Richtung. Es ist sehr spannend mitzuerleben, wie diese neuen Formen, die, wie Sie richtig sagen, die Verbindung zwischen Dokumentar- und Erzählfilm neu arrangieren, sich mehr und mehr entfalten. Was aber unbedingt gleichzeitig passieren muss, ist diesem Film einen institutionellen Raum zu geben. Filmfestivals wissen oft nicht in welche Sparte sie diese Filme stecken sollen; Museen und Galerien zeigen Langspielfilme nur bedingt. Ich bin froh, dass ich durch die Art Basel diese neuen Arbeiten präsentieren kann.

Die zweiteilige Videoinstallation „TDLR“ von Candice Breitz, Teil der „Unlimited“ ist ein starkes Werk, das mit den Mitteln des Theaters, des Musicals und des Dokumentarischen experimentiert und die Forderung nach sozialer Gerechtigkeit von Seiten der priviligierten Kunst kritisch hinterfragt. Ist die aktuelle Videokunst politischer als die Bildende Kunst?

MZ: Wieder ein sehr guter Kommentar Ihrerseits! Ohne hier in einen Wettstreit der Künste einzutreten, denke ich doch wirklich auch, dass das filmische Medium sehr relevant ist wenn es um handfeste Themen geht. Liegt das vielleicht an der sozialen Herkunft des Kinos – dem Vaudeville, dem „low class entertainment“? Film war noch nie elitär, und vielleicht ist es deshalb die geeignetere Kunstform um politische Themen aufzugreifen. Ich sehe da ein riesiges Potenzial, was sich durch die neuen digitale Arbeiten nur noch vergrößern wird.

 



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