Gefühle im Helldunkel

Hohe Wellen, Schaumkronen, die Gewalt des Wassers und des bewegten Meers droht den Zuschauer mit in die Tiefe zu ziehen. Ein Gefühl des Ertrinkens stellt sich ein, wenn die Kamera unter Wasser gerät und uns so in das aufgewühlte Meer eintauchen lässt. Der Beginn des neuen Films „Tereddüt“ / „Claire Obscur“ (2016) von Yeşim Ustaoğlu, auf deren Werk in der diesjährigen Ausgabe des Crossing Europe Festivals ein Spotlight gerichtet war, verbreitet eine graue und bedrohliche, zugleich von starker Bewegung geprägte Atmosphäre.

 

Tereddüt erzählt von zwei sehr unterschiedlichen Frauen, die sich an völlig anderen Enden der Gesellschaft befinden und doch mehr gemeinsam haben als es zunächst den Anschein hat. Die Psychologin Shenaz lebt in einer auf den ersten Blick glücklichen Beziehung. Sie ist gebildet, emanzipiert, genießt ihre Sexualität und lebt mit ihrem Mann in einem mondänen, luxuriös wirkenden Designerhaus mit loderndem Kamin, behaglicher Sofalandschaft und offener Küche.

Die junge Elmas ist mit einem Mann, der ihr Vater sein könnte zwangsverheiratet und muss sich um ihre mürrische, an Diabetes erkrankte Schwiegermutter kümmern. Wenn ihr Mann sich nachts über sie hermacht lässt sie es stoisch und starr – wie eingefroren – über sich ergehen. Esma führt das Leben einer Sklavin und ihre einzige Freude ist die Zigarette, die sie heimlich auf dem Balkon raucht.

Als ihr Mann und ihre Schwiegermutter eines Tages tot aufgefunden werden, wird sie in die Psychiatrie eingewiesen und Shenaz kümmert sich als behandelnde Psychologin um sie. Durch Shenaz’ behutsame Fragen, ihre Zuwendung und mit Hilfe von psychodramatischen Behandlungsmethoden gelingt es ihr, Elmas aus ihrer Erstarrung zu bewegen. Gleichzeitig erlebt Shenaz das Gefangensein in ihrer eigenen Beziehung. Auch sie ist nicht frei von der Dominanz ihres Mannes, dessen Liebe zu ihr von seinem Narzissmus überschattet wird.

Ustaoğlu zeichnet auf visuell eindrückliche Weise ein überzeugendes Psychogramm  von zwei Frauen, deren Dasein, wenn auch auf sehr unterschiedliche Weise, von Unfreiheit geprägt ist. Der Titel „Claire Obscur“ scheint hier programmatisch für das Stilmittel, das auch in der Kameraarbeit seine Entsprechung findet: Die ästhetische Wirkung wird durch den Kontrast von Hell und Dunkel, Licht und Schatten bestimmt.

Zusammen mit ihren männlichen Kollegen Nuri Bilge Ceylan, Semih Kaplanoğlu, Zeki Demirkubuz und Reha Erdem ist die Regisseurin Yeşim Ustaoğlu seit Mitte der 90er Jahre Teil der Autorenfilmbewegung eines neuen unabhängigen türkischen Films. Ihr Werk umfasst mehrere Kurzfilme, zwei Dokumentarfilme und sechs Spielfilme, von denen das Crossing Europe Festival neben „Claire Obscur“ noch vier weitere gezeigt hat. Ustaoğlus Filme beschäftigen sich mit unterschiedlichen, oft politisch unbequemen Themen. Sie tut dies jedoch auf eine Weise, die weder politisiert noch agitatorisch wirkt, sondern stellt stattdessen die Menschen in den Mittelpunkt ihrer Filme.

Im Zentrum von Günese Yolculuk / Journey to the Sun (1998) steht der junge, erst kürzlich in Istanbul angekommene Mehmet. Er hat einen Job und eine Freundin und lernt bei einer Demonstration, in die er zufällig gerät, den Kurden Berzan kennen. Berzan wird von der Polizei verfolgt und ohne so recht zu wissen warum, gerät auch Mehmet in Untersuchungshaft. Ihm wird bewusst, dass er allein schon durch seinen dunklen Teint in Verdacht gerät der kurdischen Untergrundbewegung anzugehören. Berzans Tod veranlasst Mehmet dazu, mit dessen Leichnam quer durch die Türkei zu reisen, um seinen Freund zurück in seine Heimat an der irakischen Grenze zu bringen. Bildgewaltig erzählt der Film die Geschichte eines Reifungsprozesses, einer großen Freundschaft und von einer Reise ins Ungewisse, die den jungen Protagonisten erwachsen zurückkehren lassen wird.

Bulutlari Beklerken / Waiting for the Clouds (2004) ist in der Türkei des Jahres 1975 angesiedelt und erzählt die Geschichte von Ayse, die nach dem Tod ihrer Schwester von den Erinnerungen an die Vergangenheit eingeholt wird. Ustaoğlu greift auch hier ein politisch heikles Thema auf: Die Zwangsumsiedlung der aus der Pontos-Region an der Südostküste des Schwarzen Meeres stammenden türkischen Griechen,  von der in den 10er und 20erJahren des letzen Jahrhunderts Hunderttausende betroffen waren. Aber auch Waiting for the Clouds ist kein aufwieglerischer, sondern ein versöhnlicher Film, der Licht in eines der vielen, von der Militätdiktatur tabuisierten Themen der jüngeren türkischen Geschichte bringen will. Yeşim Ustaoğlu arbeitet mit präzisen Beobachtungen von Alltäglichkeiten und stelllt die Traditionen der ländlichen Bevölkerung in den Vordergrund einer dramatischen Geschichte, die der Zuschauer begreift, wenn er sich auf den Erzählrhythmus und empathisch auf die Entwicklung der Protagonistin einlässt.

Pandoranin Kutusu / Pandora’s Box (2008) erzählt die Geschichte dreier in Istanbul lebender Geschwister im mittleren Alter, deren Mutter an Alzheimer erkrankt. Sie lebt auf dem Land und die drei brechen auf, um sie zu sich in die Stadt holen. In einer mitunter auch komischen Tonlage erzählt der Film von Konflikten und Brüchen nicht nur zwischen den Geschwistern sondern auch zwischen den Generationen. Zugleich stellt er die Frage nach den Gesetzmäßigkeiten der modernen städtischen türkischen Gesellschaft, die einen Kontrast zu dem Leben auf dem Land bilden.

Araf (2012) ist Ustaoğlus fünfter abendfüllender Spielfilm. Die zentralen jugendlichen Figuren, die hübsche Zehra und der etwas ungestüme Olgun leben in einer Stahlarbeiterstadt in der Mitte der Türkei. Beide arbeiten in einer Cafeteria direkt an der Autobahn. Sie sind befreundet, verbringen viel Zeit miteinander, doch Zehra hat Sehnsucht nach der Ferne. Sie verliebt sich in einen älteren Mann, einen LKW-Fahrer, der regelmäßig an der Cafeteria Halt macht und lässt sich, wohl auch in der Hoffnung darauf, dass er sie aus der Enge ihrer Heimat befreit, auf eine Äffäre mit ihm ein. Sie erlebt eine erste, tragische Liebe, wird schwanger und gerät in ernsthafte Schwierigkeiten. Auch ihre Freundschaft zu Olgun kann dem nicht standzuhalten. Beide durchleben einen schmerzhaften Übergang zum Erwachsenendasein und erst als sie ihre Kindheit endgültig hinter sich lassen, hilft ihnen die Liebe und die Freundschaft zueinander, einen Weg in die Zukunft zu finden.

Die Szene zu Beginn des Films, wenn der glühende Stahl aus dem Tiegel geschüttet wird und sich wie Lava auf dem Boden verteilt, steht sinnbildlich für die emotionale Wucht des Films. Ohne viele Worte findet die Regisseurin sprechende Bilder, um die Sehnsucht und das Leid der jungen Zehra für den Zuschauer erfahrbar zu machen.

Trotz der unterschiedlichen Themen und der variationsreichen Bildsprache Yeşim Ustaoğlus, sind alle ihre Filme gleichermaßen von einer genauen Beobachtung und einer großen Empathie für ihre Figuren geprägt. Ustaoğlu zeichnet authentisch wirkende Charaktere, entworfen aus der Beobachtung der Realität. Ihre Filme lassen Freiräume für den Betrachter, einen eigenen Zugang zu der Erzählung zu finden und und Empathie für die Figuren zu entwickeln.

Der Ausdruck von Emotionen und Stimmungen überträgt sich in wiederkehrenden Bildern von Landschaften, Nebel und Wasser. Elemente einer unverwechselbaren Handschrift.

 

 



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