Geister und Hexen

Das 42. Filmfestival in Hongkong

 

Als Mitteleuropäer erlebt man beim Hong Kong International Film Festival das eine oder andere Déjà-vu. Denn das Programm des ältesten Festivals in Asien überschneidet sich zu einem guten Teil mit jenem der wichtigsten Filmfestspiele, die in unseren Breitengraden stattfinden. Wegen der zeitlichen Nähe zur Berlinale sind solche Gemeinsamkeiten nur folgerichtig, zumal beide Festivals hinsichtlich der Filme aus Fernost den Empfehlungen desselben Kurators vertrauen. Aus dessen Auswahl ging auch der diesjährige Gewinner des Hauptpreises hervor, den das HKIFF in seinem internationalen Young-Cinema-Wettbewerb verleiht: Girls Always Happy kreist um die Beziehung der Mittzwanzigerin Wu zu ihrer alleinstehenden Mutter, mit der sie sich eine kleine Wohnung in einem aus sogenannten Hutongs bestehenden Viertel in Beijing teilt. Das für solche alten Wohngegenden typische Gassengeflecht wird gleich zu Beginn in einer schönen Kamerafahrt durchmessen, als die Protagonistin beschwingt auf einem Tretroller losdüst. Dabei wirken die organisch gewachsene Behaglichkeit dieses Handlungsortes sowie die gleichzeitige unübersichtliche Enge sinnbildlich für das widersprüchliche Gefüge aus Liebe und Aversion, das Mutter und Tochter aneinander bindet und das noch dadurch akzentuiert wird, dass beide Frauen sich – mit mäßigem Erfolg – der Schriftstellerei widmen.

Immer wieder kommt es zu Streitigkeiten, die mit solcher Schärfe ausgetragen werden, dass sich beim Zuschauen Befangenheit einstellt. Wus Egozentrik wird indes noch dadurch unterstrichen, dass sie von Yang Mingming verkörpert wird, die außer für die Regie gleich noch für Drehbuch und Schnitt verantwortlich zeichnet. Die junge Filmemacherin, die selbst in einer ähnliche Familienkonstellation und Wohnsituation in Beijing aufgewachsen ist, schlägt im Umgang mit ihrer Hauptfigur einen ebenso sensiblen wie messerscharfen Erzählton an, dessen Souveränität umso beachtlicher ist, da es sich bei Girls Always Happy um ihr Spielfilmdebüt handelt. Yang lädt das Publikum dazu ein, gegenüber ihrer Protagonistin stets distanziert zu bleiben – und lässt gerade dadurch subtil Zuneigung für ihr Alter ego aufkommen.

Ähnlich ambivalent ist die weibliche Hauptfigur eines anderen chinesischen Debütfilms angelegt, der beim 42. HKIFF präsentiert wurde:The Widowed Witch von Cai Chengjie beginnt mit einer faszinierenden Szene, deren Bilder einer spröden Winterlandschaft sogleich die Frage aufwerfen, ob es sich um einen Traum oder eine Erinnerung handele. Dann nimmt die Kamera die Perspektive der Protagonistin Erhao ein, die mit Schrecken realisiert, dass sie vorübergehend gelähmt und stumm ist. Allmählich stellt sich heraus, dass sie Opfer einer Explosion in einer Feuerwerkskörperfabrik wurde, die ihr Ehemann illegal betrieb, der bei dem mutmaßlichen Unfall starb. Somit ist die Frau bereits zum dritten Mal Witwe geworden, was bei ihren Nachbarn den Verdacht aufkommen lässt, dass ein Fluch auf ihr laste – weshalb man sie, kaum dass sie wieder genesen ist, kurzerhand aus dem Dorf vertreibt.

Während Yang das Bild einer Pekinger Gesellschaft entwirft, in der jede zwischenmenschliche Beziehung von Narzissmus und Materialismus durchdrungen ist, zeichnet Cai die Bewohner der Provinz Hebei als so verroht, dass sie unerwünschte Töchter einfach verkaufen und bettlägerige Alte ihrem Schicksal überlassen. Unter diesen Vorzeichen werden sogar die besten Absichten einer guten Fee mitunter ins Gegenteil verkehrt. Nachdem ein Nachbar durch eine wütende Ohrfeige Erhaos angeblich von seinem Nackenleiden geheilt worden ist, wird die Witwe jedenfalls mehrfach um magische Hilfe gebeten. Und dieser versponnen mäandernde Film verdankt seinen eigentümlichen Charme nicht zuletzt der Nonchalance, mit der Cai den daraus folgenden Mummenschanz inszeniert. Die Frage, ob seine Protagonistin tatsächlich über Zauberkräfte verfügt, scheint den Filmemacher indes kaum zu kümmern. Doch die Unentschiedenheit erscheint ebenso wenig als Makel wie die Willkür, mit der sich Farbe und Schwarzweiß abwechseln.

Weil alle einheimischen Kollegen sich einig schienen, dass das Hongkonger Kino – vor allem das weniger kommerzielle Kino, das fürs HKIFF primär in Frage kommt – einen unterdurchschnittlichen Jahrgang hervorgebracht habe, war es umso reizvoller, den Blick in die glorreiche Vergangenheit der regionalen Filmindustrie schweifen zu lassen. So bot sich im Rahmen einer Brigitte-Lin-Retrospektive die seltene Gelegenheit, den allerersten Film der 63-jährigen Starschauspielerin zu sehen, die sich vor nunmehr zwei Jahrzehnten von der Leinwand verabschiedet hat. Dabei ist es bezeichnend für den „pan-chinesischen“ Charakters des Hongkonger Kinos, dass die in Taipeh geborene Lin ihre Karriere in der taiwanesischen Filmindustrie begann.

Outside the Window von 1973 ist freilich kein Meisterwerk. In dem mit überdurchschnittlich vielen älteren Zuschauern gefüllten Kinosaal brandete gelegentlich Gelächter auf, wenn melodramatische Effekte beabsichtigt waren. Aus heutiger Sicht wirkt die romantische Verklärung einer keuschen Beziehung zwischen einer Schülerin und ihrem zwanzig Jahre älteren Lehrer befremdlich an. Das gilt umso mehr, als in dieser Literaturverfilmung auf Liebesschwüre regelmäßig die tränenreiche Ankündigung folgt, die heimliche Liebelei zugunsten des guten Rufes, der beruflichen Zukunft oder des familiären Zusammenhaltes des Gegenübers beenden zu wollen. Allerdings lässt Sung Tsun-Shou die Handlung auf einen Schluss zusteuern, dessen lakonische Bitterkeit lange nachhallt. Und das Spiel der 17-jährigen Hauptdarstellerin offenbart eine ungewöhnliche Mischung aus Reserviertheit und Impulsivität, die bereits Starpotenzial erahnen lässt.

In eine mögliche Zukunft des Kinos weist dagegen ein aktueller Film, der beim HKIFF seine Asien-Premiere feierte. Oder ist „Film“ gar nicht der passende Ausdruck für das Virtual-Reality-Experiment, das Tsai Ming-Liang mit The Deserted produziert hat? Jedenfalls mag man sich verwundert fragen, warum ausgerechnet der malaysisch-taiwanesische Filmemacher, dessen Markenzeichen ein besonders sprödes, minimalistisches Kino ist, sich auf so eine komplizierte, mit jugendlichem Spielspaß assoziierte Technik eingelassen hat. Doch sobald man den schweren VR-Helm samt Kopfhörern aufgesetzt hat, beantwortet sich die Frage sozusagen von selbst. Denn die dritte Dimension, die diese Technik dem herkömmlichen Kinobild hinzufügt, erscheint vordergründig als Vervollkommnung jener Ästhetik, die Tsai in der Vergangenheit kultiviert hat.

In seinen Filmen boten lange statische Einstellungen bereits reichlich Gelegenheit, den Blick über nahezu unbewegte Tableaus schweifen zu lassen. Mithilfe der VR-Technik hat der Filmemacher nun schlicht die Bildränder aus dem Weg geräumt, sodass wir den Blick frei nach oben, unten und hinten wenden können. Dabei bleiben die einzelnen Szenen so statisch und bewegungsarm, wie wir es von Tsai gewohnt sind. Auch die Darsteller sind alte Bekannte: Lee Kang-Sheng, Chen Shang-Chyi, Lu Yi-Ching. Und die Kenntnis von Tsais Œuvre ist allemal hilfreich, um sich aus den wenigen wortlosen Szenen von The Deserted eine hauchdünne Handlung zusammenzureimen: Ein Mann, der unter Nackenschmerzen leidet, lebt offenbar mit seiner Mutter in einer von Dschungel umgebenen Ruine, in der auch ein mutmaßlicher Geist in Frauengestalt zuhause ist.

Besonders wirkungsvoll sind indes die wenigen Schnitte, die die Perspektive beziehungsweise unseren virtuellen Standpunkt innerhalb der jeweils neuen Szene etablieren. Mal landen wir zwischen den Spitzen eines Bambushains; mal schweben wir über der Brüstung eines Balkons. Oder es wechseln die Proportionen des uns umgebenden Raumes mit der jeweiligen (impliziten) Einstellungsgröße, sodass wir den Eindruck bekommen, als Riese in einer Puppenstube zu stecken. Bei all dem bleibt unsere vermeintliche Anwesenheit im virtuellen Raum irritierend körperlos – was uns Tsai eindrücklich bewusst macht, wenn er uns nach einem weiteren Schnitt eine große Plastikwanne mit dem nackten Kang und einem milchweißen Karpfen teilen lässt.

www.hkiff.org.hk

 

 



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