GIMME DANGER

Ein nostalgischer Schlag in die Magengrube.

 

Wer hätte gedacht, dass Jim Jarmusch auch einen Film machen kann, der nicht offenkundig seine Handschrift trägt. Allerdings muss man wohl dazu sagen, dass er es bei Iggy Pop auch mit einem Protagonisten zu tun hat, der sich nicht so einfach irgendwelchen stilistischen Vorgaben entsprechend verbiegen lässt. Obendrein scheint der ewige Wilde des Punkrock viel zu gut aufgelegt, jetzt wo die Vergangenheit hinter ihm liegt und die Stooges längst Kultstatus erreicht haben, um sich der ironischen Melancholie hinzugeben, die dem Werk des wunderbaren Filmerzählers sonst eingeschrieben ist.

Tatsächlich ist Gimme Danger keine Ausnahme im Meer der gängigen Musikdokumentationen, vielmehr verwundert auf den ersten Blick regelrecht, wie gewöhnlich Jarmuschs Porträt der Stooges daherkommt. Immerhin haben wir es hier in erster Linie mit James Osterberg, aka Iggy Pop, aka Iggy Stooge, einem der wenigen überlebenden Exzentriker des Rock ’n’ Roll zu tun, der bereits in jungen Jahren seiner harmlosen Schulband den Rücken kehrte, um stattdessen mit Blues-Musikern herumzuhängen und sich auf seine spätere Karriere mit seiner berühmt-berüchtigten Bühnenpräsenz vorzubereiten. Trotzdem legt der Regisseur Wert darauf, dass neben dem ewig charismatischen Leadsänger auch die anderen Bandmitglieder, darunter die Brüder Ron and Scott Asheton, ursprünglich an Gitarre und Schlagzeug, Dave Alexander am Bass, sowie Steve Mackey am Saxophon und der spätere Gitarrist James Williamson immer wieder ins Bild rücken, sei es in privaten und öffentlichen Archivaufnahmen, Interviews, Fotocollagen oder verspielten Animationen, mit denen Jarmusch die Rohheit der Musik zu durchbrechen versteht.

Eingebettet ist das Ganze in eine relativ lineare Abhandlung der von Höhen und Tiefen geprägten Geschichte der Band,  die angesichts ihrer wilden Kompositionen aus Blues, R&B, Free Jazz und Rock seit ihrer Gründung 1967 stets mit ordentlich Gegenwind zu kämpfen hatten, bevor sie in den frühen siebziger Jahren schließlich an sich selber scheiterten. Erst posthum und nach mehreren Auflösungen und Revivals wurde ihnen die gebührende Anerkennung als Wegbereiter des Punkrock ausgesprochen, die sie zweifelsohne verdienen. Aber vielleicht macht Gimme Danger deshalb auch so viel Spaß: Weil vieles am Phänomen der Stooges ihrem erfrischend offenen und ungezwungenen Frontmann auch im Nachhinein selbst noch nicht ganz geheuer zu sein scheint, und es Jarmusch, ohne mit seiner Doku auch nur eine einzige Regel zu brechen, dennoch gelingt, bei aller Nostalgie einen Grad an Originalität und Persönlichkeit zu erreichen, der so vielen anderen Ablegern des Genres immer wieder abgeht.

 

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Dokumentarfilm USA 2018


Regie, Drehbuch Jim Jarmusch 
Kamera Tom Krueger
Schnitt Affonso Gonçalves, Adam Kurnitz
Verleih Constantin Film, 108 Minuten
Kinostart 28. April

 

 



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