Alter Duft aus Märchenzeit

Auf dem 18. Wiesbadener GoEast dominierte große Filmkunst

 

Schönheit und Grausamkeit liegen dicht beieinander in einem mittelalterlichen Zauberwald. Das Wasser glitzert unter den Strahlen der Sonne, eine Prinzessin aus Tausendundeiner Nacht steht traurig am Ufer, ihr Spiegel reflektiert das Licht. Ihr Liebster wurde von einem Banditen getötet und an einen Baum gefesselt, dort hängt der Zarensohn nun mit einem Pfeil in der Brust wie der heilige San Sebastian, bestaunt von Pilzen in menschlicher Gestalt. Was für ein Schicksal trifft nun seine schöne Braut? Wird sie an dem Angreifer, der sie lüstern bedrängt, Rache nehmen, seiner Gewalt unterliegen und entehrt an Selbstmord denken oder sich ihm freiwillig hingeben? Eine alte Hofdame, die dieses Märchen einem Großfürsten erzählt, stellt unterschiedliche Versionen zur Disposition.

Der russische Altmeister Rustam Khamdamov ließ sich in seinem jüngsten Werk von Ryūnosuke Akutagawas Erzählung  Rashomon inspirieren, die zuvor schon Akira Kurosawa in einem Meisterwerk filmisch umsetzte. Meshok Bez Dna (Der unerschöpfliche Beutel) ist ein fantasiereicher, geheimnisvoller, ausgesprochen poetischer Schwarzweißfilm, der mit seiner surrealen Bildsprache an Regiegrößen wie Jean Cocteau und Andrej Tarkowski erinnert, und nicht zuletzt auch dank der passenden Untermalung mit elegischen Kompositionen Edward Elgars große Filmkunst bietet. Exemplarisch unterstreicht er den auffallend hohen Anspruch, der den 18. Wettbewerbsjahrgang in Wiesbaden prägte.

Gerade vor dem Hintergrund enttäuscht es allerdings, dass mit November ausgerechnet der Beitrag die Goldene Lilie für den besten Film gewann, der aus dem hohen Gesamtniveau herausfiel. Dabei hat sich der Estländer Rainer Sarnet alle Mühe gegeben, seinen Film, den er ebenfalls in Schwarzweiß inszeniert- und mit surrealen Elementen anreichert, kunstvoll aussehen zu lassen. Aber das täuscht nicht darüber hinweg, dass seine Geschichte um Menschen - die, geplagt von Hunger, Kälte und Seuchen, ihre Seelen verkaufen - eine  geistlose ist, in der Teufelsgestalten, Hexen, Werwölfe und andere übernatürliche Wesen wenig Spannung aufbauen.

Die ausgewählten Sozialdramen überzeugten dagegen rundum. Unaufdringlich inszenieren viele osteuropäische Filmemacher aufwühlende Geschichten, gesellschaftliche Zustände bilden nur den Hintergrund.

Am Beispiel einer gehörlosen jungen Mutter, die den Tod zweier Menschen herbeiführt, um die Zukunft ihrer Kinder zu sichern, offenbaren sich in dem kasachischen Drama Sveta die verheerenden Zustände in einem Land, in dem sich nur die Abgebrühten über Wasser halten können. Regisseurin Zhanna Issabayeva vermittelt das mit einer nahezu unerträglichen Schonungslosigkeit. Mehr und mehr avanciert  ihre Heldin, mit deren begründeten Sorgen man anfangs mitfühlt, zu einer widerwärtigen Hyäne. Noch nicht einmal für die kleine Tochter der Arbeitskollegin, die Sveta auf dem Gewissen hat, und nun in ein Kinderheim muss, bringt sie Mitgefühl auf, sträubt sich vielmehr noch dagegen, die Kleine übergangsweise für ein paar Tage bei sich aufzunehmen.

Nicht minder rau erscheint das gesellschaftliche Klima in Warschau, wo der Pole Andrzej Jakimowski sein Drama Pewnego Razu W Listopadzie (Es war einmal im November) verortet. Eine obdachlos gewordene Lehrerin und ihr erwachsener Sohn leiden hier unter bürokratischer Willkür und Herzlosigkeit. Das Konto, auf dem das Stipendium für den Sohn eingeht, bleibt gesperrt, in keine Notunterkunft darf die Tierfreundin ihren treuen Hund mitnehmen. Die prekäre Situation der Wohnungslosen spitzt sich lebensbedrohlich zu, als gewaltbereite Rechtsextreme Jagd auf ihren einzigen Schutzraum, eine linke Kommune, machen. Mit dokumentarischen Aufnahmen belegt der Film die Demonstrationen dieser rechtsnationalen „Patrioten“, an denen im Herbst 2016 über 60.000 Menschen teilnahmen.

Zu einem angefeindeten  Einzelkämpfer wird auch ein Bergarbeiter in dem komplexen Film Rudar (Unter Tage). Mit ihm schafft die Slowenin Hanna Slak kein einfaches Plädoyer für die Menschlichkeit.  In einer verlassenen Mine entdeckt der Protagonist Überreste von Zivilisten, die dort nach Ende des Zweiten Weltkriegs getötet wurden. Außer ihm will niemand diese Verbrechen aufklären, dies vor allem deshalb, weil die Täter die Gewinner- und die Opfer die Verlierer des Zweiten Weltkriegs waren.

Geschickt verbindet die Regisseurin das private Trauma ihres Helden, dem als Bosnier das Schicksal der in Srebrenica ermordeten Landsleute gewärtig ist, mit öffentlicher Verdrängung. Und das mit äußerst düsteren, unheimlichen, bedrückenden Bildern in den dunkelsten Abgründen des Stollen.

Wie die Vergangenheit in die Gegenwart eindringt, schildert auch Márta Mészáros, die alte große Dame des ungarischen Kinos, bewegend in ihrem komplexen Frauendrama Aurora Borealis. In dessen Zentrum steht die alte Migrantin Maria, die überraschend in ein Koma fällt und sich nach ihrem Erwachen belastenden Geheimnissen stellen muss, denen ihre Tochter, eine Wiener Anwältin, auf die Spur kommt. Eine Frau namens Edith bildet den Schlüssel zu der schmerzreichen Familiengeschichte. Die längst Verschollene war einst Marias beste Freundin und die Cousine ihrer großen Liebe. In Rückblenden erzählt Mészáros einfühlsam, wie sie sich nach Kriegsende kennenlernten, als Maria aus dem sowjetisch besetzten Ungarn geflohen war, aber nach einer Vergewaltigung durch einen Russen alleine in Wien ankam,  weil ihr Liebster an der Grenze erschossen wurde. Zeitgleich schwanger, entbanden die Freundinnen in einem österreichischen Kloster. Aber dann trennten sich aufgrund weiterer schwieriger Umstände ihre Wege und Maria, allein gelassen mit zwei Babys, musste eine schwierige Entscheidung treffen.

Den Frauen gab das 18. GoEast, dem mit der Niederländerin Heleen Gerritsen  eine neue Leiterin vorsteht, erfreulicherweise insgesamt viel Raum, sie waren auch als Regisseurinnen in Wiesbaden zahlreich vertreten. Und berührten einen sehr mit teils unfassbaren Biografien. Eine darunter ist die von Marish, die als moderne Sklavin ohne Lohn in einem Privathaushalt von früh bis spät arbeitet, selbst das Geld, das sie nebenher in einer Fabrik verdient, ihrer selbst ernannten Herrin abgeben muss und permanent noch beleidigt wird als eine nutzlose Person. Zwar erst 53 Jahre alt, sieht die verbrauchte, geschundene Mutter, der keine Zeit vergönnt ist, ihre Kinder zu besuchen, wie 70 aus.

Eine gefangene Frau (Regiepreis und Fipresci-Kritikerpreis) ist kein gewöhnlicher Dokumentarfilm, die ungarische Regisseurin  Bernadette Tuza-Ritter konnte ihn nur beginnen, indem sie die Sklavenhalterin dafür bezahlt hat, in ihrem Haus filmen zu dürfen. Zudem schwand während der Dreharbeiten zwischen der Regisseurin und ihrer Protagonistin die Distanz. Die Frauen wurden Freundinnen, und Tuza-Ritter unternahm die Initiative, Marish aus ihrem Sklavendasein zu befreien.

Marishs unglaubliches Schicksal geht noch umso mehr an die Nieren, als es sich um keinen Einzelfall handelt, allein in Europa soll es rund 1,2 Millionen Menschen geben, die unter ähnlichen Umständen in Privathaushalten arbeiten.

Gleichwohl hat sich die Jury mit dem Regiepreis, der weniger die Relevanz eines Themas, sondern die künstlerische, markante Handschrift eines Werks auszeichnen soll, etwas vergriffen. Der Preis des Auswärtigen Amtes für kulturelle Vielfalt, den mit  Druga Strana Svega (Die andere Seite von allem) ein handwerklich solider, aber weniger interessanter Dokumentarfilm aus Serbien gewann, wäre jedenfalls eine bessere Option gewesen. Und eine noch bessere ein gesonderter Dokumentarfilmpreis, den das Festival leider seit einigen Jahren nicht mehr vergibt. Er hätte womöglich die Aufmerksamkeit für die Dokumentarfilme erhöhen können, deren Perlen die Jury übersah: Ohne Musik und Kommentar, durchwirkt von kuriosen Szenen und betörend schönen, poetischen Bildern in den ursprünglichen Wäldern Litauens, in denen der Mensch als Eindringling nur stört, überragte der meditative, poetische Tierfilm Sengire (Der Sagenwald) alles, was das osteuropäische Kino bislang auf diesem Gebiet hervorbrachte.

www.filmfestival-goeast.de

 

 



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