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Guter Jahrgang

Die 64. Kurzfilmtage Oberhausen verhandelten Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Kinos.

 

Für Lars Henrik Gass, den künstlerischer Leiter der Kurzfilmtage Oberhausen, scheint filmpolitisches Engagement eine Leidenschaft zu sein. Diesen Eindruck konnte man zumindest gewinnen, wenn man die Eröffnungsreden verfolgte, die er in den letzten Jahren hielt. Auch bei der 64. Ausgabe des ältesten Kurzfilmfestivals der Welt nahm sich Gass kein Blatt vor den Mund, verband Reflexionen über Film und Forderungen an die Kulturpolitik und würzte das alles mit Bonmots. Diesmal thematisierte Gass besonders den Verlust von Filmkultur durch die zunehmende Digitalisierung bzw. die technischen Endgeräte. Seine Forderung: „Höchste Zeit, über eine geregelte Musealisierung des Kinos nachzudenken.“ Das Kino müsse als kinematografische Praxis erhalten werden – und dafür brauche es eben Geld, wie er die anwesenden Politiker wissen ließ. Ein kleines Blatt nahm sich Gass dann doch vor den Mund, als er (spontan oder inszeniert?) eine Passage aus der Rede entfallen ließ: „Sonst kann man sich hier ja gar nicht mehr blicken lassen.“

Die Kurzfilmtage selbst hatten diesmal einen ausgesprochen guten Jahrgang zu bieten, was auch an gleich vier neuen Sektionen lag: „Conditional Cinema“, kuratiert vom finnischen Filmemacher Mika Taanila, umfasste Kino-Performances mit Live-Begleitung, „re-selected“ untersuchte Filmkopien auf ihre soziolgisch-ästhetische Wirkung (beispielsweise mit Nacht und Nebel von Alain Resnais, 1956), „Labs“ thematisiert die Überlebenschancen des analogen Films und „Lectures verband Bewegtbild und Performance.

In der Reihe „Profile“ konnte man die Werke der Portugiesin Salomé Lamas sehen, die ihre teils politisch-sozialkritischen Themen mit einer grandiosen Mischung aus strengen Tableaus, surrealen Bildern und dokumentarischem Gestus präsentiert. Ihre Arbeit Eldorado XXI (56 Minuten) etwa zeigt in einer einzigen Einstellung, wie endlose Menschenschlangen durch eine Mine in Peru wandern: Voice-over machen bedrückende Hintergründe und menschliche Schicksale greifbar, lassen die vorbeiströmenden Massen wie Verdammte in der Hölle erscheinen. Mit anderen Arbeiten zeigte Lamas aber auch, wie vielseitig ihr Werk ist: Die Urgewalten des Meeres (Golden Dawn) thematisiert sie ebenso wie Vater-Tochter-Beziehungen (Coup de Grâce). Die Zentralperspektive, die Lamas dabei gern einnimmt, würde Ulrich Seidl wohl gut gefallen. Eine wahrhaft starke Filmkünstlerin.

Gut programmiert war auch der internationale Wettbewerb: Selbst wenn die Machart mal etwas konventioneller war, wie im Fall von Bahador Shahidis My Moon, konnte man interessante Erkenntnisse gewinnen. Das dokumentarische Werk stellte den schwedischen Hippie und Dichter Bengt O Björklund in den Mittelpunkt, auf dessen Erlebnissen in einem türkischen Gefängnis zum Teil der Kultfilm Midnight Expressvon Alan Parker beruht. Laut Björklund war die Zeit im Gefängnis weit weniger intensiv als von Hollywood imaginiert – dafür sei er am Anpassungsdruck in einem schwedischen Gefängnis, wohin man ihn überstellte, verzweifelt.

Eines der visuell eindrucksvollsten Werke kam aus Russland: Dimitri Venkovs Gimny Moskovii (Die Hymnen Moskaus) lässt die Kamera auf dem Kopf stehend durch die Straßen Moskaus gleiten – die gewaltigen Bauten scheinen in den Himmel zu ragen. Ein grandioser Bildertrip und ein etwas anderes Städteporträt.

Stark auch die Animationswerke: Hier stach besonders der mit dem Preis der Ökumenischen Jury ausgezeichnete Magnificent Obsession von Zhong Su heraus. Der von Borges inspirierte Film thematisiert den Kapitalismus in China mit fantasievollen Bildern und bösem Witz: So gibt es etwa chinesische Versionen von Ronald McDonald und Colonel Sanders zu sehen. Gleichzeitig erzählt das in vier Kapitel unterteilte Werk von der Suche des Einzelnen nach Erkenntnis.

Es war ein guter Jahrgang in Oberhausen – dass das Publikum gerne mal plauderte oder das Smartphone zückte, musste man allerdings ebenso aushalten wie wahre Hustenepidemien. Doch was soll’s – das soziale Erlebnis gemeinsamen Filmschauens muss man genießen, solange es geht.

Alle Preisträger auf der Website des Festivals:
https://www.kurzfilmtage.de/

 

 



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