Auferstanden aus Ruinen

Nach zehn Jahren, etlichen Skandalen und diversen verbalen Ausfällen meldet sich Mel Gibson mit dem Kriegsdrama „Hacksaw Ridge“ als Regisseur zurück. Aber kann ein Film allein tatsächlich wieder gut machen, was Gibson seinem Image und seiner Karriere angetan hat? An der Seite seines Hauptdarstellers Andrew Garfield spricht er über kreative Pausen, Superhelden und die Sache mit dem Glauben.

 

Eines muss man Mel Gibson lassen: Wenn er sich schon zurückmeldet, dann mit Pauken und Trompeten. Und das nicht ganz zu Unrecht, möchte man fast meinen, denn Gibson hat sich längst nicht nur aufrichtig für seine antisemitischen Hasstiraden entschuldigt, sondern er hat über die Jahre schwer an sich und auch an seinem Alkoholproblem gearbeitet. Doch ihm ist auch klar, dass Hollywood derartige Fehltritte nicht so schnell vergibt. Umso wichtiger scheint es, dass dem reuigen Star über die Jahre immer wieder eine Reihe von renommierten A-Listern den Rücken stärkt, darunter Jodie Foster, die ihn 2011 in ihrem Film The Beaver wieder vor die Kamera holte, oder Robert Downey Jr., der kurz darauf bei einer Preisverleihung in seiner Laudatio für Gibson das Publikum darum bat, seinem Freund für dessen Ausfälle zu vergeben, so wie man auch ihm seine diversen Schnitzer immer wieder verziehen habe.

So weit, so gut. Tatsächlich aber liegt die ultimative Chance, in Hollywood wieder respektiert zu werden, noch immer in einem guten Film. Und einen solchen hat Gibson nun mit Hacksaw Ridge vorzulegen versucht. Erzählt wird darin die wahre Geschichte des amerikanischen Soldaten Desmond Doss (Andrew Garfied), der im Zweiten Weltkrieg an der Front dient und die brutalsten Schlachten überlebt, ohne jemals selbst eine Waffe in die Hand zu nehmen. Stattdessen schlägt er sich, lediglich mit der Bibel und seiner Sanitäter-Tasche ausgestattet, an der Front durch und rettet auf diese Weise über siebzig Verwundete, beider Seiten wohlgemerkt. Sein Glaube und seine Prinzipien, an denen er zeitlebens festhielt, und für die er nach dem Krieg als Held gefeiert wurde, bescheren Doss jedoch zunächst großes Misstrauen und Verachtung in den eigenen Reihen. Der schmächtige Soldat erweist sich allerdings als derart hartnäckig und standhaft, dass es ihm schließlich gelingt, den nötigen Respekt zu erlangen. Und Garfield, der diesmal ohne gekünstelte Marvel-Superkräfte auskommen und stattdessen allein auf den Willen Gottes vertrauen muss, um seine außerordentlichen Heldentaten zu verbringen, steht dem überzeugten Pazifisten, den er verkörpert, in nichts nach.

Gibson dagegen setzt alles daran, den religiös eingefärbten Hintergrund seiner heroischen Fabel in jeder nur möglichen Einstellung auf der Leinwand sichtbar zu machen. Verwundern sollte das niemanden mehr, immerhin ging es auch in seinen früheren Regiearbeiten wie Braveheart (1995), The Passion of the Christ (2004) und Apocalypto (2006) immer wieder um Martyrium, Leid und Erlösung. Und so wie in den früheren Filmen des in Australien aufgewachsenen gebürtigen New Yorkers fließt auch diesmal wieder ordentlich Blut. Denn während Doss sich vehement gegen Gewalt und Waffen wehrt, töten seine Kameraden in den schier endlos scheinenden Kampfszenen alles und jeden mit dem alleinigen Ziel, die Schlacht um Okinawa für die USA zu gewinnen. Auch wenn der Film in keinem Moment so offen und ehrlich ist wie sein unfreiwilliger Held, muss man Gibson zumindest zugestehen, dass er sein Handwerk nicht verlernt hat. Hacksaw Ridge ist gewaltiges Kriegskino in bester Studiomanier, dessen fragwürdige Begeisterung am Schlachtgewitter jedoch den Pazifismus seines Helden unterläuft, weil er am Ende wie so viele vor ihm lediglich das glorifiziert, wogegen Doss sich sein Leben lang vehement gewehrt hat.

Ob Hollywood angesichts dessen tatsächlich gewillt ist, über Gibsons Vergangenheit hinwegzusehen, wird sich zeigen. Fest steht jedoch, dass sich der heute 60-Jährige so oder so nicht unterkriegen lässt. Und wenn alle Stricke reißen, bleibt ihm am Ende zumindest die Schauspielerei, die Gibson vielleicht schon immer besser stand. Erst vor kurzem konnte er mit seiner Hauptrolle in dem durchaus sehenswerten B-Movie-Action-Drama Blood Father punkten, demnächst wird er an der Seite von Sean Penn in Farhad Safinias The Professor and the Madman vor der Kamera stehen. Nur die ganz großen Rollen will auch er in seinem Alter nicht mehr riskieren, sagt er selbst, denn damit lande man schließlich irgendwann im Krankenhaus – und das kann sich Gibson, der demnächst zum neunten Mal Vater wird, nun auf keinen Fall leisten.

Mister Gibson, zehn Jahre sind eine lange Zeit.
Mel Gibson
: Ich weiß nicht, manche Regisseure brauchen noch viel länger. Terrence Malick zum Beispiel hat 20 Jahre gewartet. So ist das eben manchmal. Und ein anderes Mal laufen die Dinge wie am Schnürchen, und man macht eine Sache nach der nächsten.

Hatten Sie Schwierigkeiten damit, einen Stoff zu finden, der Sie interessiert?
Mel Gibson
: Das nicht. Aber grundsätzlich geht es mir darum, meine eigenen Ideen umzusetzen, wenn ich selbst Regie führe. Es gibt gerade ungefähr fünf Projekte, an denen ich arbeite. Nur ist das Problem, dass keiner die Sachen produzieren will, die mich interessieren. Und das war früher nicht anders. Braveheart, Apocalypto, The Passion – keiner wollte diese Filme machen. Wirklich keiner. Das heißt, man muss in die eigenen Taschen greifen. Nur kann man damit finanziell natürlich auch ganz schön auf die Nase fallen, und irgendwann hatte ich keine Lust mehr dazu. Hacksaw Ridge ist in dieser Hinsicht Neuland für mich, weil die Idee nicht von mir stammte. Aber das war mir in dem Fall egal, weil das Drehbuch einfach etwas derart Fesselndes an sich hatte, dass ich dachte, okay, ich kann die Geschichte erzählen. Und es war mir wichtig, sie zu erzählen.

Was genau hat Sie daran so fasziniert?
Mel Gibson
: So viele Dinge. Für mich gibt es drei Elemente, die in jeder großen Geschichte stecken müssen. Zunächst einmal muss man die Zuschauer unterhalten können. Egal wie grausam oder düster der Stoff ist, Unterhaltung steht an erster Stelle. Außerdem muss man das Publikum damit in irgendeiner Weise bilden. Und wenn man das Ganze dann noch auf eine höhere Ebene heben kann, umso besser. Das Drehbuch hat für mich alle drei Dinge erfüllt, es ist unterhaltsam, man lernt etwas dabei und am Ende fühlt man sich quasi geistig beflügelt, weil man gesehen hat, was ein Mensch allein schaffen kann, oder in dem Fall, was Desmond Doss geschafft hat und wie viele Menschen er gerettet hat, in einer der grausamsten Situationen, die man sich überhaupt vorstellen kann.

Andrew, haben Sie sich bei den Dreharbeiten selbst als Desmond Doss versucht, oder hatten Sie Hilfe?
Andrew Garfield
: Natürlich versucht man es erst einmal selbst. Ich weiß noch, als wir zum ersten Mal eine der Kriegsszenen drehten, hat mich der Stunt-Coordinator gefragt, ob sie mir helfen sollten, die Leute übers Feld zu ziehen, bis sie aus dem Bild waren. Und ich meinte nur: „Nein, nein, nein, ich versuche einfach genau das zu machen, was Desmond getan hat.“ Aber schon nach dem ersten Typen ging mir die Puste aus, und ich musste mir helfen lassen. Man glaubt es nicht, aber er hat ja Männer von Mels Statur gezogen, immer und immer wieder. Dabei war er selbst ein Typ wie ich, wenn nicht sogar noch schmächtiger. In dem Moment wurde mir bewusst, dass Desmond das nicht allein geschafft hat. Man hört sowas ja auch immer wieder in den Nachrichten, wenn Mütter Autos heben, um ihre Kinder darunter hervorzuholen. Dazu braucht man andere Kräfte, und die hatte er auch. Selbst wenn er nur fünf Soldaten in zwei Stunden auf diese Weise gerettet hätte, hätte ihm das schon eine Medaille eingebracht und er wäre als Held gefeiert worden.

Ging es Ihnen auch darum, dass man sich am Ende fragt, wie würde ich in der Situation reagieren?
Mel Gibson
: Ja, genau das ist der springende Punkt. Dass man sich anschaut, was andere Menschen schaffen können, und sich dann fragt, wer bin ich? Könnte ich das auch? Ich weiß nicht, ob ich es könnte. Ich denke, nur wenige Menschen wären tatsächlich dazu im Stande, aber es ist wichtig, dass man weiß, dass es immer wieder Menschen wie Desmond gibt.
Andrew Garfield:  Es gibt diesen unheimlich starken Moment im Film, wenn Desmond vor der Frage steht, ob er einem japanischen Soldaten, der verwundet ist, helfen soll. Und er denkt keine Sekunde darüber nach, sondern macht sich stattdessen sofort daran, die Wunden zu verarzten, wie er es bei jedem seiner Kameraden auch getan hätte. Und das ist das Faszinierende, finde ich. Selbst als seine Vorgesetzten ihm befahlen, er solle damit aufhören, sich auch um die Japaner zu kümmern, hat er einfach weitergemacht, als ob er jegliche Kontrolle über sein Tun abgegeben hätte und einer inneren Stimme folgte, die ihm sagte, er müsse weitermachen. Er sah einfach nur Menschen, die Hilfe brauchen, egal ob Amerikaner oder Japaner.

Das gesamte Interview können Sie in der Dezember-Ausgabe lesen.



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Text + Interview ~ Pamela Jahn

Hacksaw Ridge – Die Entscheidung / Hacksaw Ridge


Drama/Kriegsfilm/Biografie, USA/Australien 2016
Regie
Mel Gibson
Drehbuch
Andrew Knight, Robert Schenkkan
Kamera
Simon Duggan
Schnitt
John Gilbert
Musik
Rupert Gregson-Williams
Production Design
Barry Robison
Kostüm
Lizzy Gardiner
Mit
Andrew Garfield, Sam Worthington,
Luke Bracey, Teresa Palmer,
Hugo Weaving, Rachel Griffiths,

Vince Vaughn
Verleih
Constantin Film, 131 Minuten
Kinostart
27. Jänner



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