Happy End

Von Haneke gibt es kein glückliches Ende, aber wieder einen geglückten Film.

 

Mit zwei Goldenen Palmen und zwei Regiepreisen einer der in Cannes meistdekorierten Filmautoren überhaupt, war Haneke heuer mit Happy End an der Croisette zu Gast. Die Reaktionen fielen allerdings aus, als wäre Bayern München daheim gegen Mainz gestolpert. Einige Buhrufe, geschmäcklerisches Genörgel der Kritiker, es fehle an der Konsequenz von früher, bloß ein Potpourri bewährter Ideen, gar ein Ende der Arbeit Hanekes wurde insinuiert: Der Film wirke wie „das Fazit eines an pessimistischen Diagnosen reichen Werks“.

Was ist da passiert? Ist der große Analytiker der „emotionalen Vergletscherung“, der Pathologe der Konsumgesellschaft, vor vier Jahren noch mit dem Oscar gekrönt, plötzlich pensionsreif? Wird jener Mann, den die IMDb „one of the greatest film artists working today“ nennt, seiner Filmografie ab sofort nur noch Fußnoten hinzufügen?

Herausgelöst vom Ruhm seines Regisseurs, ist Happy End ein gelungener und ein sehenswerter Film. Es ist kein Problem, dass ein Filmemacher seinen Themen neue Facetten abgewinnt und dabei in seinen Mitteln eher subtiler als drastischer wird. Wenn die pure, metaphernlose bürgerliche Gesellschaftskritik, welche Haneke seit jeher in seinen Kinoarbeiten übt, nun nicht mehr ganz so gnadenlos daherkommt – dafür an Stellen im blauen Licht eines Computerbildschirms –, bedeutet das per se noch keinen Verlust an künstlerischem Wert. Der Autor Ferdinand von Schirach im lesenswerten Nachwort des bei Zsolnay erschienenen Drehbuchs: „Hanekes Filme sagen genau das, was sie sagen wollen, nichts anderes.“ Das gilt auch für Happy End, die Geschichte einer durch Lügen zusammengehaltenen, reichen französischen Bauunternehmerfamilie, streckenweise erzählt aus der Sicht der 13-jährigen Eve, die am Ende in die Funktion eines Todesengels gedrängt wird: nicht eine reine, unschuldige, aber eine wahrhaftige Figur im Kontrast zu den Repräsentanten einer egozentrischen, geistig abwesenden Gesellschaft, deren soziale Beziehungen jederzeit zu brechen drohen. Eves selbst kommentierte, hochkant die Illusionsbreite des Films konterkarierenden iPhone-Videos zählen zu den erstaunlich berührenden Momenten eines komplex konstruierten Kunstwerks. Dies ist kein minder radikaler Film als der vielgepriesene Oscar-Gewinner Amour. In den Rollen von Tochter und Vater glänzen erneut Isabelle Huppert und Jean-Louis Trintignant, der als dementer Patriarch letztlich Klarheit in die Familienangelegenheiten bringt. Für ihn darf mit 87 Jahren Schluss sein, für Haneke ist es das mit 75 hoffentlich nicht.

 

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Drama, Frankreich/Österreich/Deutschland 2017


Regie, Drehbuch Michael Haneke
Kamera Christian Berger
Schnitt Monika Willi
Szenenbild Olivier Radot
Kostüm Catherine Leterrier
Mit Isabelle Huppert, Jean-Louis Trintignat,
Mathieu Kassovitz,
Fantine Harduin,
Franz Rogowski, Nabiha Akkari, Toby Jones
Verleih Filmladen, 117 Minuten
Kinostart 6. Oktober



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