Leidenschaft kann man nicht erzwingen

Der US-amerikanische Schauspieler Logan Lerman über seine Rolle in “Indignation”, über Ängste bei Dreharbeiten und über die Vor- und Nachteile, wählerisch zu sein.

 

Er konnte kaum laufen, als er zum ersten Mal vor der Kamera stand, doch von dem Fluch, als Kinderstar alt zu werden, blieb Logan Lerman glücklicherweise verschont. Mit achtzehn sollte ihm als Held der aufkeimenden Percy-Jackson-Franchise der große Durchbruch gelingen, gefolgt von einer Paraderolle in der sensiblen Coming-of-Age-Komödie Vielleicht Lieber Morgen (The Perks of Being a Wallflower, 2012) an der Seite von Emma Watson und Ezra Miller. Nach einigen charakterstarken Nebenauftritten wie zuletzt unter dem Kommando von Brad Pitt in dem Kriegsdrama Fury (2014) überzeugt Lerman nun als abtrünniger Musterschüler in der Philip Roth-Adaption Indignation, dem Regiedebüt des renommierten Produzenten und Drehbuchautors James Schamus. Ein Gespräch über Karrierepläne, Passionen und die ständige Angst vor dem Versagen.

 

Herr Lerman, in Indignation haben Sie diesmal nicht nur die Hauptrolle übernommen, Sie werden außerdem als einer der Executive Producer aufgeführt. Wie kam es dazu?

Eigentlich ganz einfach: James kam mit dem Drehbuch auf mich zu, noch bevor irgendwer anders an dem Projekt beteiligt war, und wir haben dann recht schnell mit der Arbeit begonnen. Ich war bei den entscheidenden Gesprächen dabei und habe Einfluss auf bestimmte Entscheidungen gehabt, zum Beispiel was die Besetzung angeht, aber auch in Bezug auf die Crew. Im Endeffekt bestand meine Rolle vor allem darin, James dabei zu unterstützen, genau das zu bekommen, was er wollte – mal ganz abgesehen von der Tatsache, dass jemand wie James Schamus im Grunde sowieso tun und lassen kann, was er will. In Wirklichkeit hätte er mich sicher gar nicht gebraucht, aber ich bin ihm sehr dankbar, dass ich mich auch auf diese Weise in das Project mit einbringen konnte.

 

Haben Ihnen die Gespräche, an denen Sie beteiligt waren, mitunter die Augen geöffnet über ein paar Dinge, die Sie sonst vielleicht nicht unbedingt mitkriegen, wenn Sie ausschließlich als Schauspieler engagiert sind?

Das Paradoxe daran ist, dass ich oftmals auch bei anderen Filmen an den Vorgesprächen beteiligt bin, nur tauche ich deshalb nicht automatisch als Produzent im Abspann auf. Und natürlich gibt es auch Fälle, wo ich tatsächlich „nur“ als Darsteller vor der Kamera stehe. Aber in der Hinsicht war Indignation keine so große Ausnahme, nur wie gesagt, es kommt nicht alle Tage vor, dass man als Schauspieler für die ganze zusätzliche Arbeit, die manchmal dazu kommt, auch entsprechend gewürdigt wird.

 

Können Sie sich vorstellen, einmal ausschließlich als Produzent zu arbeiten?

Absolut. Ich arbeite bereits an einer Reihe von Projekten, nicht zuletzt, weil ich in Zukunft etwas mehr Kontrolle über meine eigene Karriere haben möchte, als das noch vor ein paar Jahren der Fall war. Deshalb halte ich verstärkt nach Filmen Ausschau, die mich konkret ansprechen, egal ob als Schauspieler, Produzent, oder vielleicht auch als Regisseur, wer weiß. Worauf es mir ankommt, ist, dass ich die Projekte von Anfang an mit entwickeln kann, und dass ich derjenige bin, der die Entscheidungen trifft, was und warum ich etwas tue. Die Filme, an den ich derzeit arbeite, stecken allerdings im Moment noch in der frühen Entwicklungsphase, und es dauert sicher noch mindestens zwei Jahre, bis daraus überhaupt was werden kann. Aber es ist schon gut zu wissen, dass ich, wenn sich die Gelegenheit ergibt, dann die Freiheit habe, etwas Eigenes zu machen, mein ganz persönliches Projekt zu verwirklichen. Ich brauche diese Sicherheit im Hinterkopf und eine gewisse Art von Kontrolle, damit ich nicht ständig das Gefühl habe, immer nur davon abhängig zu sein, dass mir gute Sachen angeboten werden.

 

Bereuen Sie es, dass Sie in Ihrer Jugend diese Kontrolle nicht hatten und oftmals andere Leute für Sie darüber entschieden haben, welche Rollen gut für Ihre Karriere sind, und welche nicht?

Definitiv. Ich habe in meiner Kindheit und Jugend einige Rollen gespielt, die ich persönlich nicht machen wollte, die man mir quasi aufgeschwatzt hat. Aber auch wenn diese Erfahrungen vielleicht nicht immer positiv waren, kann ich nicht leugnen, dass sie sich letztendlich trotzdem sehr positiv auf meine Karriere ausgewirkt haben. Wenn ich heute zurückblicke, weiß ich, dass mich vor allem diese Rollen am Ende zu einem besseren Schauspieler gemacht haben. Von den eigenen Fehlern zu lernen ist überhaupt eine der wichtigsten Lektionen, die ich bisher in dem Beruf gelernt habe. Und im Nachhinein ist es auch gut, dass ich meine gröbsten Fehler als Kind gemacht habe, weil einem in der Hinsicht in jungen Jahren mehr Freiheiten zustehen. Anders ist es, wenn man sich als gestandener Schauspieler einen Ausrutscher leistet, denn dann wird alles immer gleich schrecklich genau unter die Lupe genommen. Ich hoffe, das bleibt mir jetzt vielleicht erspart.

 

Wonach wählen Sie Ihre Rolle heute in erster Linie aus?

Das Drehbuch muss natürlich gut geschrieben sein, aber am wichtigsten ist mir, dass die Rolle wirklich auf mich passt. Was das genau bedeutet, ist schwer zu sagen, weil ich selbst nicht weiß, was das konkret heißt. Aber das Ganze muss eine gewisse Substanz haben, anders sein und mich herausfordern. Und ich darf mich nicht wiederholen. Ich habe vor kurzem beispielsweise eine Rolle abgelehnt, weil sie zu ähnlich zu der Figur war, die ich  im Film davor gespielt habe. Es gab sogar einen Fall, da hat es mir fast das Herz gebrochen, nein zu sagen, aber ich wollte unbedingt vermeiden, dass mich die Leute in eine Schublade stecken, aus der ich dann nur schwer wieder heraus komme. Abwechslung ist in der Schauspielerei immer gut.

 

James Schamus hat sehr offen darüber gesprochen, was es für ihn bedeutet, jüdisch zu sein, und inwiefern ihn die Geschichte, um die es in Indignation geht, auch aus diesem Grund angezogen hat. War das für Sie ähnlich?

Absolut. Zunächst einmal wäre es mir um einiges schwerer gefallen, etwa einen jungen Christen zu spielen, weil mir das grundsätzlich total fremd ist. Dagegen konnte ich mich recht problemlos in die Messner-Familie hineinversetzen, eben weil ich selbst jüdisch aufgewachsen bin und auch jüdisch erzogen wurde. Ich fühle mich denselben Werten verpflichtet wie Marcus, und das war in dem Fall extrem hilfreich. Trotzdem muss ich dazu sagen, dass dieser Aspekt nicht der entscheidende Punkt war, warum ich mich sofort für das Projekt interessiert habe. Mich hat die Geschichte an sich fasziniert, vor allem das Potential und die Tiefe, die in der Figur von Marcus steckt. Und noch mehr als alles andere war es die geniale Schlüsselszene zwischen Marcs und dem Dekan, die mich sofort begeistert hat. Für mich war dieser Moment im Film von Anfang an etwas ganz Besonderes und deshalb wollte ich unbedingt Teil des Projekts sein.  Aber genauso euphorisch, wie ich zunächst war, umso zerknirschter war ich, als ich plötzlich tatsächlich kurz vor dem Dreh stand.

 

Wovor hatten Sie Angst?

Dass ich es einfach nicht auf die Reihe kriegen würde. Verstehen Sie mich nicht falsch, die Szene ist mit Abstand das Spannendste, was  mir bisher in einem Drehbuch untergekommen ist, vor allem im Vergleich dazu, was mir sonst so angeboten wird. Nichtsdestotrotz war es zugleich eine enorme Herausforderung für mich, weil wir das Ganze jedes Mal von Anfang bis Ende neu durchspielen mussten, Zwischenschnitte gab es nicht. Und 18 Minuten pro Take sind kein Kinderspiel, das können Sie mir glauben.

 

Aber war es tatsächlich so schlimm, dass Sie deshalb fast austeigen wollten?

Hand aufs Herz, und das habe ich bisher auch James gegenüber noch nie erwähnt, aber ich habe meinen Agenten vor dem Drehstart mehr als einmal angerufen, weil ich so viel Schiss hatte, in der Hoffnung, dass er mich irgendwie aus der Sache rausholen würde. Ich weiß noch, wie ich am Telefon rumheulte: „Ich kann das nicht, ich weiß auch nicht warum. Marcus ist unheimlich klug, und so gescheit bin ich nicht.“  Aber es half alles nichts. Das war zirka einen Monat vorher. Daraufhin habe ich mich komplett in die Recherche gestürzt, weil ich dachte, die Leute und die Texte, die Marcus zitiert, die muss ich komplett in- und auswendig kennen, sonst wird das tatsächlich ein Desaster.

 

Sie haben also viel Bertrand Russell gelesen?

Nicht nur gelesen, ich habe versucht, bestimmte Passagen auswendig zu lernen, weil die Szene nur funktionieren konnte, solange ich selbst komplettes Vertrauen in mich hatte. Ich musste den Dialog kennen, aber gleichzeitig auch darauf gefasst sein, im Notfall jeden Moment improvisieren zu können. Und dafür musste ich genau wissen, wovon Marcus da redet. Ich musste es für mich nachvollziehen können, sonst hätte es keinen Sinn gemacht, nicht für mich und nicht für die Zuschauer.

 

Haben Sie und Tracy Letts, der den Dekan spielt, am Ende viel improvisiert?

Ja. Improvisieren ist großartig, vor allem wenn man dabei einem so hervorragenden Schauspieler wie Tracy gegenübersteht. Jemand, der mindestens genauso gut vorbereitet ist wie man selbst, oder besser. Denn wenn man denjenigen dann plötzlich aus der Bahn wirft, oder man selbst unverhofft reagieren muss, dann ruft das oftmals eine wunderbar unverfälschte Reaktion  hervor. Das ist das Tolle an der Improvisation.

 

Sie haben bereits angesprochen, dass Sie zunehmend selektiv sind, was die Wahl Ihrer Filmrollen und Projekte angeht. Denken Sie, das macht es Ihnen zunächst schwerer, auch als Erwachsener in Hollywood mitzuhalten und erfolgreich zu sein?

Ich gebe zu, es ist anstrengend so wählerisch zu sein, weil ich ständig Angst habe, dass die Leute mich vergessen und mir plötzlich keiner mehr Drehbücher zuschickt. Zudem befinde ich mich stets im Kampf mit mir selbst, weil ich immer dann am glücklichsten bin, wenn ich mich kopfüber in die Arbeit stürzen kann, entweder am Set oder in der Vorbereitung auf eine Rolle. Und wenn mir das fehlt, werde ich schnell unsicher und die schlimmsten Befürchtungen machen sich in meinem Kopf breit. Aber ich habe mit mir selbst eine Abmachung getroffen, an die ich mich halte, weil ich keine Filme mehr machen möchte, für die ich nicht wirklich Feuer und Flamme bin. Man kann seine Leidenschaft für die Dinge nun einmal nicht erzwingen.

 

Bekommen Sie nicht manchmal Druck von Ihren Agenten?

Nein, im Gegenteil. Die wissen, wie ich funktioniere, und am Ende bin meistens ich derjenige, der zu Kompromissen bereit ist, weil ich mir mal wieder den Kopf darüber zerbreche, ob ich nicht doch den einen oder anderen Film annehmen sollte, um im Gespräch zu bleiben. Dann sind es meine Agenten, die nein sagen. Ich habe mittlerweile ein  großartiges Team um mich. Die Leute, die früher versucht haben, mich wahllos in Rollen zu stecken, habe ich längst gefeuert. Heute arbeite ich nur noch mit  Menschen zusammen, denen ich hundertprozentig vertraue, und ich denke, das zahlt sich aus.

 



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Interview ~ Pamela Jahn

INDIGNATION 
Drama, USA/China 2016


Regie James Schamus
Drehbuch James Schamus nach dem Roman von Philip Roth 
Kamera Christopher Blauvelt 
Schnitt Andrew Marcus 
Musik Jay Wadley
Production Design Inbal Weinberg
Kostüm Amy Roth
Mit Logan Lerman, Sarah Gadon, Tracy Letts, Linda Edmond, Danny Burstein, Ben Rosenfield, Pico Alexander, Philip Ettinger
Verleih Polyfilm, 110 Minuten
Kinostart 17. Februar


 

Mehr über den Film sowie ein Interview
mit James Schamus lesen Sie in der
Printausgabe (02/17).

 



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