Die zwei Gesichter der Realität

Olivier Assayas über seinen Film „Personal Shopper“, über Kristen Stewarts Risikofreudigkeit und über seine Liebe zum Genrekino.

 

Worin lag für Sie der Reiz, die Geschichte, die Sie erzählen, ausgerechnet in der Fashionwelt anzusiedeln?

Der Film entstand auf recht merkwürdige Weise. Eigentlich sollte ich einen Genrefilm in Kanada drehen, eine recht große Produktion mit Starbesetzung und entsprechendem Budget, der dann allerdings ganz plötzlich abgesagt wurde, weil er angeblich zu teuer geworden wäre – und das alles keine 24 Stunden vor Drehbeginn. Eine absolute Katastrophe also. Kaum eine Woche später saß ich also wieder in Paris an meinem Schreibtisch und musste mir überlegen, was als nächstes tun wollte. Ich brauchte dringend Abwechslung. Etwas Neues. Etwas, das mich fordern und mir neue Energie geben würde. Mir war schnell klar, dass es eine zeitgenössische Geschichte sein sollte, die in Paris spielt, und mit einer Figur, die mit beiden Beinen im Leben steht. Ich dachte, das wäre es, zumal meine letzten Filme entweder in den sechziger, siebziger Jahren angesiedelt waren, oder, wie im Fall von Sils Maria, in einem Vakuum. Stattdessen wollte ich diesmal eine Figur in den Mittelpunkt stellen, die unterwegs ist, die durch die Straßen zieht, in der U-Bahn sitzt oder auf ihrem Scooter umherdüst. Denn das, worüber sich eine moderne Figur meines Erachtens heute am ehesten definiert, ist diese merkwürdige permanente Anspannung, dieser Druck, der Hand in Hand geht mit dem maßlosen, völlig verrückten Materialismus der Menschen in unserer westlichen Gesellschaft sowie mit der Tatsache, dass wir mit der Zeit jeglichen Kontakt zur Spiritualität verloren haben. Mit anderen Worten: Ich wollte eine Figur, die all das verkörpert, und der beste Weg dorthin schien mir die Modewelt zu sein, die für mich quasi den Inbegriff des Materialismus darstellt. Demgegenüber hat Maureen jedoch gleichzeitig mit einem der menschlichsten Gefühle überhaupt zu kämpfen, nämlich der Trauer um einen geliebten Menschen, beziehungsweise, wie man damit umgeht in einer Welt, in der Glaube und Religion ihre Bedeutung verloren haben. Denn so wie Maureen müssen auch wir heutzutage unsere eigenen Antworten zu den Mysterien finden, die uns umgeben.

 

Die Rolle von Maureen scheint unweigerlich mit der Darstellerin verbunden, die sie verkörpert.

Definitiv. Ohne Kristen hätte ich den Film nicht schreiben können. Sie war meine Inspiration. Schon als wir damals Sils Maria hatte drehten, hatte ich stets den Eindruck, dass sie viel weiter gehen könnte, als es ihre Rolle verlangte, wenn man ihr den entsprechenden Raum geben würde. Ich hatte sie also während des Schreibens die ganze Zeit im Hinterkopf, gleichzeitig musste ich mich jedoch irgendwie vor der Tatsache schützen, dass ihr das Skript eventuell nicht gefallen würde, dass es ihr zu brutal sein würde, zu düster, oder was weiß ich. Deshalb habe ich das Drehbuch schließlich auf Französisch geschrieben, auch um mir die Möglichkeit offen zu halten, notfalls auf Französisch zu drehen, was mir im Nachhinein völlig absurd erscheint. Ich glaube, Kristen ist wirklich die Einzige, die die Rolle hätte spielen können. Keine französische Schauspielerin wäre in der Lage gewesen, das in den Film zu bringen, was Kristen mit ihrer Darstellung gelungen ist. Aber so ist das. Als Regisseur ist man immer darauf angewiesen, dass es den Schauspieler oder die Schauspielerin tatsächlich gibt, dass genau die Person, die man sich vorstellt, auch in der Wirklichkeit existiert, und dass die- oder derjenige obendrein bereit ist, sich auf das Abenteuer einzulassen.

 

Was denken Sie, wie risikofreudig ist Kristen Stewart?

Ich glaube, Kristen ist der mutigste Mensch, den ich kenne. Sie überrascht mich immer wieder, vor allem mit der Art und Weise, wie es ihr gelingt, konsequent ihre Freiheit zu behaupten. Sie hat diese ganz besondere Fähigkeit, sich nicht den üblichen Regeln anzupassen, die in Hollywood herrschen. Die Entscheidungen, die sie trifft, sind nicht karrieregesteuert, sondern richten sich vielmehr danach, was sie persönlich begeistert, was sie inspiriert. Sie ist ein Freigeist, wie es sie in der amerikanischen Filmindustrie heute nur noch äußerst selten gibt.

 

In Ihrem Film geht es unter anderen darum, sich in die Rolle einer anderen Person hineinzuversetzen, eine andere Persönlichkeit anzunehmen. Haben Sie diesen Aspekt im Vorfeld mit Kristen Stewart besprochen?

Ich bespreche grundsätzlich nichts mit meinen Schauspielern. Der Hauptgrund dafür ist, dass es in meinen Filmen oftmals um intime, sehr fragile Emotionen geht, und ich Angst habe, dass diese Gefühle dadurch abgeschwächt werden, indem ich ihnen Worte auferlege, um sie zu beschreiben. Denn jedes Wort würde in dem Moment automatisch die Oberhand gewinnen. Deshalb versuche ich lieber, so viel wie möglich unausgesprochen zu lassen. Was nicht heißt, dass ich grundsätzlich ein verschwiegener Mensch bin. In meinen Privatleben rede ich sehr gerne und viel, manche würden sicher sagen zu viel. Aber wenn ich Regie führe, dann konzentriere ich mich extrem auf das, was ich sage, um nicht zu viel herzugeben.

 

Sie haben erwähnt, dass Sie eigentlich vorhatten, einen Genrefilm zu drehen. Gibt es in der Hinsicht Parallelen zwischen „Personal Shopper“ und dem Film, den Sie letztendlich nicht realisieren konnten?

Die Figur von Maureen hätte ich ohne den anderen Film nicht schreiben können. Aber das ist alles. Es gibt einige wenige Horror-Elemente in Personal Shopper, aber das macht ihn noch lange nicht zu einem Genrefilm. Ich brauchte diese Zutaten, um die Geschichte erzählen zu können, um die es hier geht, in der eine junge Frau darauf hofft, ein Zeichen von ihrem verstorbenen Bruder zu erhalten. Aber mit der Hoffnung allein kommt man im Kino nicht weit. Um das Ganze glaubwürdig zu machen, müssen Sie die Möglichkeit schaffen, dass so etwas wie eine andere Welt existiert beziehungsweise dass es Schnittstellen zwischen der anderen und unserer realen Welt gibt. Auf diese Weise erweitern Sie die Realität, um Raum für Unerwartetes zu schaffen, was wiederum nicht heißt, dass das zwangsweise etwas Schlechtes bedeuten muss. Es können genauso gut positive Dinge daraus entstehen. Und vielleicht hat Maureen Recht, und ihr Bruder setzt sich tatsächlich irgendwann mit ihr in Verbindung. Indem ich die Möglichkeit nicht ausschließe, gebe ich dem Zuschauer die Chance, sich mit Maureen zu verbünden, mit ihren Ängsten sowie mit der Hoffnung, dass das Zeichen irgendwann kommt.

 

Was finden Sie persönlich so spannend am Genrekino?

Die Tatsache, dass man als Zuschauer nicht nur geistig, sondern auch körperlich bei der Sache ist, allein durch den Nervenkitzel, den Genrefilme bieten. Diese körperliche Beziehung zwischen Film und Publikum ist etwas, das im Independent-Kino oftmals zu kurz kommt, dabei ist sie meines Erachtens unheimlich wichtig. Die Art und Weise, wie mein Körper auf das reagiert, was sich vor meinen Augen auf der Leinwand abspielt, hat einen großen Einfluss darauf, wie ich den Film insgesamt wahrnehme. Mich hat diese Körperlichkeit des Genrekinos schon immer fasziniert, wobei ich dazu sagen muss, dass ich selbst oft überreagiere, wenn ich einen Horrorfilm anschaue. Wenn es zu schlimm wird, muss ich meistens die Augen zu machen, weil ich sonst nicht damit fertig werde. Es braucht nicht viel, um mich zu gruseln.

 

Sie haben früher selbst als Filmkritiker gearbeitet, bevor Sie sich dazu entschlossen, hinter die Kamera zu wechseln. Schauen Sie Filme heute immer noch automatisch mit dem Kritiker-Blick von damals, oder können Sie auch ganz gut abschalten, wenn Sie privat ins Kino gehen?

Ich bin ein ziemlich gewöhnlicher Zuschauer, würde ich sagen. Ich schaue mir sehr viele Filme an, es interessiert mich zu sehen, was meine Kollegen so treiben. Natürlich fehlt mir oft die Zeit, und ich würde gerne noch viel öfter ins Kino gehen, als mir das angesichts meines Berufs möglich ist, aber ich glaube nicht, dass ich als Zuschauer ein besonders technisches Auge habe. Allerdings habe ich eine stille Leidenschaft für Stummfilme, und da kommt es schon immer mal wieder vor, dass ich einen Film sehen und denke: Wie um alles in der Welt haben die das nur gemacht? Wenn ich zum Beispiel eine Einstellung sehe, von der ich weiß, dass sie nichts mit CGI oder sonstigen modernen Tricks zu tun haben kann, weil es all diese Spielereien damals noch nicht gab. Das imponiert mir in dem Moment dann schon sehr.

 

Neben Kristen Stewart arbeiten Sie erneut mit  Nora von Waldstätten sowie mit Lars Eidinger zusammen, die beide ebenfalls in „The Clouds of Sils Maria“ dabei waren.

Ja, ich finde sie beide großartig. Als ich Carlos drehte, brauchte ich dafür eine ganze Reihe deutscher Schauspieler, und erst darüber bin ich schließlich darauf aufmerksam geworden, wie viele feine junge Talente aus Deutschland kommen. Ich fand das sehr spannend, und irgendwie habe ich mich auch auf Anhieb viel besser mit denen verstanden als beispielsweise mit den französischen Schauspielern derselben Generation. Bei einem anderen Film wäre das vielleicht anders gewesen, aber in dem Fall, fand ich, lag ein gewisses grundsätzliches Verständnis zwischen uns, das mich in meiner Arbeit unheimlich förderte. Carlos war mein erster Film mit Nora, ich habe sie gewissermaßen während des Drehs entdeckt, und daraus ist schließlich eine Freundschaft entstanden. Ich habe sie sehr gern um mich. Wir haben den gleichen Sinn für Humor, und ich weiß, dass ich jederzeit auf sie zukommen kann, wenn ich eine Rolle habe, die nicht ganz eindeutig, zum Teil ironisch zu verstehen ist. Und was Lars angeht, er ist momentan ganz klar einer der spannendsten  Schauspieler in Europa.

 

Haben Sie ihn auch mal auf der Bühne erlebt?

Nein, bisher leider nicht, aber auch da höre ich nur Gutes.

 

Was, denken Sie, macht Sie zu dem ungemein vielseitigen Regisseur, der Sie zweifelsohne sind?

Ich glaube nicht, dass ich derjenige bin, der so vielseitig ist. Vielmehr ist es die Welt, in der wir leben, und deshalb gibt es auch so unendlich viele Möglichkeiten und Wege, sich mit dem auseinanderzusetzen, was um uns herum geschieht. Es ist im Grunde nur eine Frage, wie und wo man die Kamera positioniert. Es gibt Filmemacher, die bevorzugen es, auf ihrer eigenen kleinen Bühne zu dirigieren, mit ähnlichen Stoffen, ähnlichen Figuren und Schauplätzen. Und das ist gut so, denn darin drückt sich die Suche nach der Ganzheit der menschlichen Erfahrung aus. Meine Filme dagegen stellen eher den Versuch dar, einen bestimmten Ansatz, einen speziellen Weg zu finden, um über das Geschehen auf der Leinwand mit der Realität unserer modernen Welt in Kontakt zu treten, visuell und imaginär. Denn was wir sehen und was wir uns vorstellen, sind für mich die zwei wichtigsten Dinge, oder besser gesagt: die zwei Gesichter der Realität.



Sie sind nicht eingeloggt. Bitte melden Sie sich an, wenn Sie Kommentare schreiben wollen.


Kein Kommentar vorhanden.


Personal Shopper


Drama/Thriller/Horror, Frankreich 2016
Regie
, Drehbuch Olivier Assayas

Kamera
Yorick Le Saux

Schnitt
Marion Monnier

Production Design
François-Renaud Labarthe

Kostüm
Jürgen Doering
Mit
Kristen Stewart, Lars Eidinger, Anders Danielsen, Ty Olwin, Nora von Waldstaetten, Benjamin Biglay, Audrey Bonnet, Pascal Rambert

Verleih
Filmladen, 105 Minuten
Kinostart 27. Jänner



Tags


Social Bookmarks