Jetzt will ich es noch einmal ein bisschen wissen!

Josef Hader über sein Regiedebüt „Wilde Maus“

 

 

Herr Hader, Sie sind mit Ihrem Regie-Debüt im Wettbewerb der Berlinale gelandet. Wie groß war die Angst?

Bereits diese Einladung ist das Größte, was mir passieren kann. Ich habe ohnehin nicht viel Angst vor Niederlagen. Je älter man wird, desto mehr denkt man: Es ist wichtig, sich etwas zu trauen. Ich habe lange keine Niederlagen erlitten, weil ich wenig gewagt und immer nur mein Programm gespielt habe. Jetzt will ich es noch einmal ein bisschen wissen. Sollte es schiefgehen, zeigt es einem, dass man noch am Leben ist.

 

Eine Ihrer Figuren sagt im Film: „Ich bin zu alt für Enttäuschungen“. Gilt das für Sie selbst dann ähnlich?

Das ist eher die Haltung, welche man mit 30 Jahren hat. Ich bin viel älter, für mich gilt: Ich bin wieder alt genug für Enttäuschungen! (Lacht).

 

Finden Sie es nicht ein bisschen unheimlich, dass jeder Josef Hader mag? Selbst bei Google lässt sich kaum etwas Negatives über Sie finden...

Das hat sicher etwas damit zu tun, dass ich viele Jahre in einem überschaubaren, gesicherten Rahmen gearbeitet habe. Nachdem die Wilde Maus so prominent im Berlinale-Schaufenster steht, werden sich nun sicher Feinde finden.

 

Welchem Genre würden Sie die „Wilde Maus“ zuordnen?

Man könnte mehrere Schubladen finden. Wilde Maus ist eine Tragikomödie. Daneben natürlich ein Beziehungsfilm, ein Buddy-Movie sowie ein asiatisches Rachedrama. Und von allem immer nur ein bisschen.

 

In wieweit ist „Wilde Maus“ ein Betrag zur Krise des Printjournalismus?.

Ich habe über Jahre beobachtet und von Journalisten erzählt bekommen, dass bei den Zeitungen nie jemand nachbesetzt wird und immer weniger Leute immer mehr Arbeit machen müssen. Wenn man sagt, man möchte einen Film über Arbeitslosigkeit im Mittelstand drehen, ist man schnell bei gedruckten Medien. Printjournalisten sind die Bergarbeiter des Mittelstands, wo die Gruben alle geschlossen werden.

 

Im Hintergrund laufen auffallend häufig Fernsehnachrichten über die Flüchtlingskrise. Dient das zur Relativierung der Beziehungsprobleme?

Wilde Maus ist eine Satire über den modernen, politischen korrekten Mittelstand. Der ist überfordert von den vielen Informationen darüber, was in der Welt passiert. Wir können viel besser entscheiden, welches Essen moralisch einwandfrei ist als zu überlegen, wer im Irak oder der Ukraine die Guten und die Bösen sind. Wir sind überinformiert und zugleich ratlos. Diese Lähmung steht nicht im Vordergrund des Films, mir ist aber wichtig, die gesellschaftliche Stimmung nicht auszublenden.

 

Wie würde Ihnen das Prädikat „Austro-Woody-Allen“ gefallen?

Das wäre für die Vermarktung vermutlich gar nicht schlecht und würde den Verleih sicher freuen. (Lacht) Ich fand die Filme von Woody Allen schon seit Ende meiner Schulzeit immer sehr inspirierend - und würde einen Vergleich als großes Kompliment auffassen.

 

Bei manchen Szenen, etwa wenn die Putzfrau unvermittelt in den Beziehungsstreit des Ehepaares platzt, fühlt man sich auch an Loriot erinnert. Gehört Vicco von Bülow zu Ihren Vorbildern?

Bei einer sehr bitteren Szene, wo zwei Menschen vor den Trümmern ihrer Beziehung stehen, ist es sehr verführerisch, plötzlich etwas ganz Komisches passieren zu lassen. Diese vollkommen realistische, aber gleichzeitig unglaubliche Absurdität hat Loriot meisterhaft vorgeführt. Das ist bei mir allerdings sehr unbewusst passiert.

 

Loriot war berüchtigt für seinen pedantische Arbeitsstil. Wie lustig ging es beim Hader-Dreh zu?

Ich habe versucht, eine Stimmung zu erzeugen, wo alle Lust hatten mitzumachen und eigene Vorschläge anzubieten. Die Schauspieler haben gewusst, dass sie mehr einbringen können als im Drehbuch steht. Ich hatte nie Angst, den Überblick zu verlieren, schon deshalb, weil ich drei Jahre an diesem Film geschrieben habe.

 

Sie bieten auch Sex-Szenen. Wie groß ist da der Spagat zwischen Eitelkeit und Masochismus?

In meinem Alter, bei meinem Aussehen kann man Masochismus nie ganz ausschließen, wenn man sich solche Szenen in das Drehbuch schreibt. Ich kannte solche Sequenzen ja bereits von früheren Filmen, wo man als Schauspieler allerdings nie die letzte Kontrolle besitzt. Insofern sind Sexszenen vielleicht sogar einfacher, wenn man zugleich der Regisseur ist.

 

Ihre Partnerin Pia Hierzegger hatte vorgeschlagen, das ganze Team solle dabei nackt sein. Weshalb wurde diese Idee nicht verwirklicht?

Es wäre sicher lustig gewesen, das ganze Team einmal nackt zu sehen. Statt jener leisen Beklemmung, die bei solchen Szenen herrscht, wäre die Stimmung vermutlich sehr ungezwungen und heiter ausgefallen. Allerdings kamen wir direkt von einem Dreh im Prater, wo es unglaublich kalt war. Alle waren noch halb erfroren, da hatte keiner Lust, sich auszuziehen.

 

Sie scheinen weniger kälteempfindlich. In einer recht langen Szene stampfen Sie, nur mit Unterhose bekleidet, durch kniehohen Schnee. Sind Sie ohne Erkältung davon gekommen?

Bei dieser Schnee-Szene hat das Team viel mehr gefroren. Für mich stand hinter der Kamera immer sofort eine Wärmestation bereit. Nicht sehr luxuriös, schließlich handelt es sich um einen österreichischen Film. Das war ein Auto mit einem Gasbrenner. Diese Schneetage bedeuteten eine Art verschärfte Wellness: Von äußerster Kälte in äußerste Hitze und wieder zurück.

Beim Stolpern durch den verschneiten Wald kann man sich an „Shining“ erinnert fühlen. Zufall oder Absicht?

Ich bin ein großer Fan von Shining, aber dabei habe ich eher an Schießen Sie auf den Pianisten von Truffaut gedacht. Schnee im Film bekommt eine ganz besondere Bedeutung, die ganze Umgebung ist weiß und alles klingt ganz leise. Es ist, als würde ein neuer Film beginnen. Von einem Finale im Schnee träume ich seit vielen Jahren, nun konnte ich es endlich verwirklichen.

 

Einmal lassen Sie den traurigen Helden sagen: “Seit ich auf der Welt bin, sind andere Menschen wie Außerirdische für mich!“. Wie groß ist die Schnittmenge zwischen Ihrer Figur und Ihnen selbst?

Ich habe sicher einige Gefühle mit dem Helden gemeinsam, verfüge aber über eine geschicktere Art, damit umzugehen.

 

Kann man sich Josef Hader als glücklichen Menschen vorstellen?

Weitestgehend bin ich schon ein glücklicher Mensch. Ich lebe mit einigen wenigen Menschen zusammen, die ich sehr mag. Gleichzeitig habe ich das große Glück, einen Beruf auszuüben, der mir unglaublich Freude macht. Mit diesem Film habe ich es geschafft, tatsächlich mit Mitte 50 nochmals zum Anfänger zu werden. Ich bin derzeit also rundum glücklich - aber es ist ja noch nicht das Ende der Geschichte.

 

Wie sammeln Sie Ihre Ideen für ein Bühnen-Programm oder einen Film?

Ein neues Projekt beginnt mit einem leeren Buch. Darin notiere ich vormittags Ideen, was ich gerne in einem Kaffeehaus mache. Am Nachmittag folgt dann die Ausarbeitung am Computer. Es ist allerdings nicht so, dass ich ständig dieses Notizbuch bei mir führe. Ich bin im Grunde sehr faul und schreibe nur dann, wenn ich es tun muss. Es ist ein bisschen wie in der Schule: Ohne Druck geht bei mir gar nichts.

 

Wollten Sie deshalb früher gerne Lehrer werden?

Ich hätte sehr gerne unterrichtet, ich glaube, als Lehrer wäre ich sehr glücklich geworden. Im Grunde ist dieser Beruf gar nicht so anders. Natürlich erleben Pädagogen viele Enttäuschungen, aber als Kabarettist hat man auch nicht jeden Abend ein tolles Publikum. Der Vorteil ist, dass die Zuschauer Eintritt bezahlen. Womit sie ein besseres Verhältnis haben zu dem, was da vorne passiert.

 

Wie würden Sie Ihr komödiantisches Konzept beschreiben?

Ich achte sehr darauf, dass Pointen wirklich der Geschichte dienen und aus der Situation heraus entstehen. Ich hasse Pointen aus dem reinen Dialog heraus. Eine Komödie, die ausschließlich lustig ist, hat das Problem, dass keines der Probleme noch irgendetwas wert ist. Der Zuschauer bekommt das Gefühl, es geht ohnehin alles gut aus. Viel spannender finde ich Filme, wo man das glaubt, die Geschichte wird fruchtbar schlecht enden - und plötzlich kommt eine Pointe und man kann wieder lachen.

 

Über Wortwitze können Sie nicht lachen?

Die meisten Kabarettisten hassen Wortwitze inbrünstig. Man kann einem Kabarettisten nichts Schlimmeres antun, als am Abend mit ihm beisammen zu sitzen und Wortwitze zu machen.

 

Noch schlimmer soll es sein, wenn Ihnen Fans mit Zitaten aus Ihren Programmen begegnen?

Aus meinen Programmen zu zitieren ist ganz furchtbar. Erstens erkenne ich die Zitate meist nicht, weil es aus einem anderen Zusammenhang stammen. Zweitens sind die Sachen oft schon Jahre alt. Für mich geraten Zitate immer zum Rätselraten. Da würde ich lieber über Fußball reden.

 



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Interview ~ Dieter Oßwald



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