ray | Interview Josef Hader - Arthur und Claire

Ich spiele nur das, was mich berührt

Josef Hader im Gespräch über „Arthur und Claire“

 

Die deutsch-holländisch-österreichische Koproduktion Arthur und Claire passt vom Ton und Inhalt her perfekt ins Universum des Josef Hader: Der todkranke pedantische Grantler Arthur will in seinem Amsterdamer Hotelzimmer nur in Ruhe ein letztes Abendmahl genießen, bevor er am nächsten Morgen Sterbehilfe in Anspruch nimmt, als der infernalische Sound von Death Metal im Nachbarzimmer sein kurzes Leben gehörig durcheinanderbringt. Er will den Verursacher der Störung zur Rede stellen und bemerkt, dass die junge impulsive Claire ebenfalls plant, ihrem Leben mittels Tabletten ein Ende zu setzen. Das weckt die Neugier im selbstbezogenen Zyniker, und die beiden ungleichen Schicksalsgenossen driften erst widerwillig, dann immer interessierter aneinander durch Coffee Shops und Whisky Bars in einer langen Amsterdamer Nacht. Diese Selbstfindungsreise von Zynismus und Einsamkeit zu Empathie und Nähe versucht die richtige Balance zwischen Komödie und Tragödie zu finden, was durch die witzigen Alltagsbeobachtungen, die teilweise direkt aus einem Hader-Kabarettprogramm stammen könnten, über weite Strecken auch gelingt. Im Interview spricht der Kabarettist, Schauspieler und Regisseur über seine Vorliebe für minimalistische Dramaturgien, erklärt warum die Todesangst immer gleich ist und warum er Before Sunrise nie gesehen hat.

Sie sind schon recht früh zu dem Projekt gestoßen und haben auch am Drehbuch mitgeschrieben. Wie ist das zustande gekommen?
Der Koproduzent Gerald Podgornig hat mir das Drehbuch geschickt. Ich habe mir schon früh beim Lesen gedacht, dass es diese sehr minimalistische Dramaturgie hat, die ich so liebe: Zwei Menschen, eine Nacht. Das sind auch die Filme, die ich mir gern im Kino anschaue. Es gab als Vorlage das gleichnamige Theaterstück, das der Regisseur Miguel Alexandre zuerst allein überarbeitet hat. Ich habe dann mit ihm eine neue Fassung geschrieben und mich dabei sehr stark auf die Dialoge bzw. auf das Weglassen derselben konzentriert.

Das Stück ist vermutlich anders aufgebaut, es gibt ja sehr viele Outdoor-Locations im Film?
Es spielt fast ausschließlich im Hotelzimmer, wo die Beiden viele philosophische Fragen erörtern in einem speziellen Boulevardtheaterton auf sehr hohem Niveau, der aber im Film so nicht funktioniert. Im Kino gibt es diese Bühnenbeschränkung ja nicht, in einem Film will ich nicht sehen, dass die Leute angesichts von sehr konkreten elementaren Problemen die ganze Zeit nur über etwas reden in Dialogen, die einfach Theater sind – das ist keine Wertung, das passt fürs Theater schon. Wir mussten einfach schauen, dass wir vor allem Text wegbekommen. Ganz am Ende haben Miguel, Hanna Hoekstra und ich jede Szene während der Probe noch einmal überarbeitet, mindestens ein Drittel der Dialogzeilen sind so am Ende verschwunden. Hanna hat ein sehr gutes Gespür für Situationen und Dialoge, ein sehr feines Sensorium dafür, was echt wirkt in einer Szene und was nicht. Und ich habe mich bestmöglich darauf eingelassen. Außerdem kann man wenig falsch machen, wenn man in einer Stadt mit zwei Menschen dreht, dann möglichst viel sprachlose Momente einzubauen, in denen durch Situationen, Blicke, Atmosphäre oder Musik die Gefühlslage besser ausgedrückt werden kann. Deswegen habe ich sehr dafür gekämpft, Text zu streichen.

Wie suchen Sie generell Ihre Rollen aus?
Ich suche gar nicht viel aus, sondern warte, was mir angeboten wird.

Aber es wird ja wohl mehr angeboten, als Sie dann machen?
Ja, schon. Ich lese die Drehbücher und habe dann meist eine sehr klare Haltung dazu, oft auch aus dem Bauch heraus. Mir fehlt ja eine konventionelle Schauspielausbildung, deshalb fällt es mir schwer, Rollen, die mich nicht sofort anspringen, sozusagen herzuholen. Ich musste das nie, weil ich ja immer noch einen anderen Beruf als Kabarettist gehabt habe. Ich war also gewöhnt, immer nur das zu spielen, was mich irgendwie berührt. Das andere lerne ich jetzt in meinem Alter auch nicht mehr, infolgedessen bleibt dann gar nicht mehr so viel über.

Gibt es abgesehen vom instinktiven Zugang noch etwas, was Sie gereizt hat, Arthur zu spielen?
Grundsätzlich war es eben die Dramaturgie, diese Zwei-Personen-Konstellation. Das hängt vielleicht auch damit zusammen, dass Indien die erste Hauptrollenfilmerfahrung für mich war. Seither habe ich als Zuschauer und als Schauspieler eine Schwäche für solche Konstruktionen. Dann hat mich auch die fremde Stadt Amsterdam gereizt, auch das andere Arbeitsumfeld, die neuen Kollegen außerhalb des typischen österreichischen Umfelds. Ein deutsch-portugiesischer Regisseur, eine holländische Kollegin und eine Rolle, die ich gut ausfüllen kann. Das ist eine interessante Konstellation.

Schauen Sie sich während der Vorbereitungen eigentlich andere Filme an, die ähnlich funktionieren? Zum Beispiel erinnert mich Arthur und Claire vom visuellen Konzept stark an Before Sunrise, in dem Wien auch abseits der Touristenpfade gezeigt wird?
Before Sunrise habe ich nie gesehen. Es war mir damals eine Spur zu in, die halbe Falter-Mannschaft war begeistert als Komparsen dabei. Ich habe immer eine Abneigung gegen Sachen gehabt, die zu hip geworden sind. Dann habe ein paar Ausschnitte gesehen, wo ich mir gedacht habe, dass der Blick auf die Stadt doch sehr touristisch ist. Wenn ich das Gefühl habe, ich suche noch ein wenig nach der Essenz einer Figur, kann es schon sein, dass ich mir ein paar Filme anschaue, um in eine bestimmte Stimmung zu kommen, um vielleicht noch etwas Neues zu entdecken. Bei der Figur habe ich mir gedacht, dass die Herausforderung darin besteht, die Schwäche und die Krankheit zu spielen. Der passende Film wäre Tod eines Handlungsreisenden gewesen, wo der damals noch ziemlich junge Dustin Hoffmann einen viel älteren Mann spielen musste. Ich habe dann auch eine Dokumentation über den Film von Volker Schlöndorff gesehen, der sehr nahe an der Theateraufführung dran ist, wo man sieht, wie Dustin Hoffmann sich auf Turngeräten vorbereitet, damit er dann auf der Bühne schwach und zittrig ist und nicht nur so tut.

Der Tod ist zwar im Hintergrund stark präsent, aber nicht das eigentliche Thema des Films. Denkt man ab Mitte 50 verstärkt an die eigene Sterblichkeit?
Ich habe mich schon immer damit beschäftigt. Ich habe auch als junger Mensch nie das Gefühl gehabt, ich habe mein ganzes Leben noch vor mir, sondern eher: Es kann jeden Moment irgendwas passieren. Und das denke ich noch immer, also hat sich da nichts geändert durch das Älterwerden. Andererseits denke ich dann auch, dass ich doch schon viel überlebt habe, viele Gefahren sind auch schon wieder vorbei, andere werden dafür dringender. Insofern ist die Todesangst immer gleich.

Was ist Ihr persönlicher Zugang zum Thema Sterbehilfe?
Ich finde, jeder Mensch hat das Recht, das so zu entscheiden, wie er möchte. Ich weiß selber nicht, wie ich mich entscheiden würde, wenn ich eine Krankheit hätte, die ein sehr qualvolles Ende nach sich zieht, trotz der fortgeschrittenen Möglichkeiten der Palliativmedizin. Dann könnte ich mir leicht vorstellen, auch zu dem Entschluss zu kommen.

War das Ende immer schon so geplant?
Zu Beginn gab es eine Offstimme am Anfang und am Ende, die das Ganze etwas ins Metaphysische brachte. Davon sind wir dann abgekommen. Wir wollten ein Ende, wo nichts beschönigt wird, es ist immer noch klar, dass er sterben wird, aber alles andere bleibt in der Schwebe. Es gibt keine Sicherheit, aber die gibt es ja auch für ganz gesunde junge Menschen nicht.

Hat sich Ihr Blick am Set verändert, nachdem Sie bei Wilde Maus das erste Mal selbst Regie geführt haben?
Der Blickwinkel ist der, dass man heilfroh ist, dass man nicht die ganze Verantwortung für das Projekt hat und sehr dankbar ist, dass man sich ganz auf die Schauspielerei konzentrieren kann. Das ist vergleichsweise lockerer, man ist nicht so an der Grenze zur Überforderung. Was jetzt nicht heißt, dass Wilde Maus keine positive Erfahrung war. Wenn mir ein geeigneter Stoff einfällt, den ich erzählen möchte, dann möchte ich den schon selber inszenieren, ich sehe mich nur nicht als jemanden, der ständig die Bücher von anderen Leuten verfilmt. Regisseur als ausschließlicher Beruf wäre wahrscheinlich nichts für mich, dafür bin ich zu gern Kabarettist. Interessant wäre es natürlich, wieder einmal eine ganz andere Rolle zu spielen, ansatzweise habe ich das schon einige Male gemacht, aber irgendetwas gegen mein bisheriges Rollenfach wie ein Serienmörder würde mich schon reizen. Vielleicht ein Kammerspiel mit seinem letzten Opfer (lacht).

 



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