Schritt zurück nach vorn

Meg Ryan erhielt beim 71. Locarno Festival den Leopard Club Award.

 

Strahlender Blick, leuchtende Augen und ein markantes Lächeln, das die Mundwinkel in Windeleile nach oben schnellen lässt. So erhellte Meg Ryan mit ihrer Präsenz am vergangen Wochenende das diesjährige Locarno Festival, um den Leopard Club Award 2018 für ihren Beitrag zur Filmgeschichte entgegenzunehmen, mit dem vor ihr bereits Faye Dunaway, Mia Farrow, Andy Garcia, Stefania Sandrelli und Adrien Brody ausgezeichnet worden waren. Höchste Zeit für eine Auszeichnung dieser Art war es allemal, auch wenn sich die US-amerikanische Schauspielerin seit ihrem Regiedebüt Ithaca (2015) auf der Leinwand eher rar gemacht hat. Dennoch ist ihre Karriere, die 1981 mit einer Nebenrolle in George Cukors Rich & Famousihren Anfang nahm, es durchaus wert, aufs Neue entdeckt zu werden. Filme wie When Harry Met SallySleepless in Seattleund You've Got Mail machten Ryan nicht nur berühmt, sondern prägten ihr Image als All-American Sweetheart bis in alle Ewigkeit. Dabei hat die mittlerweile 56-jährige Powerfrau ihr schauspielerisches Können stets auch in anderen Genres und Formaten unter Beweis gestellt, wie beispielsweise mit ihrer Hauptrolle in dem schwer umstrittenen Erotikthriller In the Cut unter der Regie von Jane Campion, der in Locarno ebenfalls im Rahmen der Preisverleihung gezeigt wurde. Ryan selbst hat eine Weile gebraucht, um mit der damaligen bisweilen harschen Kritik an ihrer Darstellung der verängstigten New Yorker Literaturdozentin Frannie Avery ihren Frieden zu finden, gesteht sie im Gespräch. Aber nicht nur ihre Offenheit, sondern auch ihr endloser Charme und eine gesunde Bodenständigkeit lassen darauf schließen, dass Ryan heute, zwölf Jahre, nachdem sie Hollywood den Rücken kehrte, um zu ihren Wurzeln zurück nach New York zu gehn, ganz mit sich im Reinen angekommen ist.

 

Tom Hanks hat einmal über Sie gesagt, Sie seien hart im Nehmen. Wie sehen Sie das?

Ich weiß nicht genau, in welchem Zusammenhang er das gesagt hat, aber ich denke, als berühmte Person sollte man in jedem Fall mit einer gewissen Schussfestigkeit gewappnet sein. Man muss sich eine Rüstung anlegen, um nicht unterzugehen. Denn im Grunde kann einem alles passieren. Die Leute können über dich sagen, was sie wollen, wann sie wollen, und damit muss man umgehen können. Ein Teil davon, was es bedeutet, tough zu sein, ist es deshalb auch, einen guten bullshit detector in sich zu haben, der einem Warnsignale sendet, so dass man sich fragt: Achtung, wie echt verhält sich diese oder jene Person mir gegenüber? Was genau wollen die von mir? So wägt man alles ständig ab. Irgendwann habe ich mir jedoch eingestanden, dass es ziemlich beschissen ist, so zu leben. Das ist es wirklich. Und wenn Menschen heute nett und warmherzig zu mir sind, dann bin ich es eben auch, selbst Fremden gegenüber. Das macht das Leben um so vieles einfacher. Dazu kommt, dass ich nichts lese, was über mich geschrieben wird, denn auch dafür bin ich nicht tough genug.

 

Wie steht es damit, sich selbst auf der Leinwand oder im Fernsehen zu sehen. Fällt Ihnen das leichter?

Nein, wenn ein Film in Fernsehen läuft, schalte ich aus. Meine Tochter Daisy hat neulich ein paar Filme von mir gesehen. Eine Freundin von mir hat sie ihr gezeigt. Ich war nebenan und habe meine Stimme von vor 25 Jahren gehört und dachte nur: Oh Gott! Als ich zufällig eine Szene aus French Kiss aufschnappte, fand ich es dann allerdings auch schon wieder ganz lustig – Kevin Kline ist einfach phantastisch. Aber prinzipiell ist es so, dass ich die meisten Filme gesehen habe, als sie ins Kino kamen, und dann nie wieder.

 

Sie haben sich vor einiger Zeit bewusst aus der Schauspielerei zurückgezogen. Warum?

Wissen Sie, ich habe nie darauf hingearbeitet, Schauspielerin zu werden – wirklich nicht. Es hat mir Spaß gemacht, aber es war nie mein großer Kindheitstraum gewesen. Ich war zum Beispiel immer jemand, der das Leben um sich herum lieber aus der Distanz beobachtete, als selbst im Rampenlicht zu stehen. Und trotzdem ist es anders gekommen. Berühmt zu sein, ist ein äußerst dramatischer Zustand. Ein Zustand, der wirklich alles in meinen Leben beeinflusst hat. Ich bin sehr, sehr früh berühmt geworden, und ich sehe heute, welchen Effekt das auf junge Schauspieler haben kann, vor allem weil ich mittlerweile einen gewissen Abstand habe. Das heißt aber noch lange nicht, dass ich mich frei bewegen kann. Neulich stieg ich in ein Taxi und meinte zum Fahrer: „Bringen Sie mich bitte Ecke Dreiundzwanzigste Straße und Sixth Avenue,“ woraufhin er antworte: „Oh, aber, Meg Ryan, kann ich Sie nicht nach Paris fahren?“ Und das sind so Momente, die liebe ich. Aber der Erfolg an sich, der Zustand, in dem man sich befindet, ist bizarr, und er nimmt alles ein, was einem lieb und teuer ist. Mein Ex-Ehemann hat neulich in einem Interview davon gesprochen, inwiefern mein Erfolg ihn beeinflusst hat. Und ich sehe es ja auch an meinem Sohn, der ebenfalls im Filmgeschäft tätig ist. Der Einfluss, den der Erfolg seiner Eltern auf sein Leben hat, ist so tiefgreifend, dass sein Gefühl für Identität dadurch beeinträchtigt wird, wie auch sein Bedürfnis, etwas Eigenes auf die Beine zu stellen.

 

Ihre erster Film „Rich & Famous“ war George Cukors letzte Regiearbeit. Können Sie sich noch an den Dreh erinnern?

Rich & Famous war sein letzter Film, wirklich? Damals hatte ich natürlich keine Ahnung, mit wem genau ich da zusammenarbeitete. Aber im Nachhinein ergibt es Sinn, vor allem die Tatsache, dass ich direkt an den Rom-Com-Experten schlechthin geraten bin. Es ist unglaublich, dass er mein erster Regisseur war. Obwohl man dazu sagen muss, dass er mich nicht gecastet hat. Denn eigentlich sollte Robert Mulligan, der To Kill a Mockingbird gedreht hat, bei dem Film Regie führen, woraus aber dann aus irgendeinem Grund nichts wurde und Cukor den Job übernahm. Ich weiß noch, er war knallhart, was die Schauspieler anging, weil er wollte, dass sie aufhörten zu schauspielern. Und wenn man mit einem Regisseur zusammenarbeitet, der so eine Filmografie vorzuweisen hat wie er, dann schafft das am Set automatisch eine gewisse Autorität, die das Drehen um vieles erleichtert, weil einfach jeder seine Arbeit macht. Und die Schauspieler haben ihn geliebt. Aber meine stärkste Erinnerung an ihn wird immer bleiben, wie er meinte: „Spiel nicht!“ Das war einer der besten Ratschläge, die ich im Laufe meiner Karriere bekommen habe.

 

Sie haben die verschiedensten Rollen gespielt, aber das klebrige Image des American Sweetheart verfolgt Sie bis heute. Frustriert Sie das manchmal, oder haben Sie sich längst damit abgefunden?

Das war ein richtiges Ding. Nora Ephrons Eltern waren Drehbuchautoren in den vierziger Jahren und sie haben den Begriff damals geprägt. Mary Pickford galt beispielsweise als American Sweetheart. Doch dann kam der Begriff aus der Mode, bis Nora ihn in Bezug auf mich wieder neu ins Spiel brachte. Das war einerseits sehr nett von ihr, aber andererseits birgt so ein Label natürlich immer auch Gefahren, weil es automatisch limitiert. Allerdings weiß ich nicht, ob ich wirklich mit Bestimmtheit dagegen angegangen bin. In meiner Zeit als Schauspielerin habe ich immer sehr aktiv Entscheidungen getroffen. Ich habe eine Komödie gedreht und danach ein Drama, ohne viel darüber nachzudenken, einfach weil ich die Sachen machen wollte. Ich habe in der Hinsicht immer sehr intuitiv gehandelt, egal ob große oder kleine Filme, Komödien oder Dramen. Und ich bin froh darüber, dass ich es so gemacht habe. Ich hatte ja, wie gesagt, nicht wirklich Ahnung vom Geschäft, als ich anfing, sondern habe vor aller Augen gelernt.

 

Heute sind Sie über die Schauspielerei hinaus Produzentin und Regisseurin und angeblich arbeiten Sie an einem neuen TV-Projekt für NBC. Können Sie darüber schon mehr sagen?

Der Titel ist The Obsolescents, und es wird eine halbstündige Comedy-Serie. Ich mag den Titel sehr, weil es eben nicht um Pubertät geht, sondern um eine Gruppe gealterter Teenager, wenn sie so wollen. Das Wort bedeutet im Grunde so viel wie „zum Scheitern verurteilt“, und die Figuren müssen lernen, mit ihrer eigenen Sterblichkeit umzugehen. Die Geschichte ist ziemlich verrückt, und ich freue mich sehr darauf. Ich dachte zuerst auch nicht, dass ich selbst mitspielen wollte, aber je komischer es wird, um so mehr bekomme ich Lust dazu. Ich hoffe, es klappt.

 

Der ErotikthrillerIn the Cut“,den Sie mit Jane Campion zusammen gemacht haben, erscheint aus heutiger Sicht fast wie eine Dekonstruktion aller romantischen Komödien, die jemals gedreht wurden. Hat die Arbeit an dem Film in gewisser Hinsicht auch Ihre persönliche Perspektive verändert?

Ich stimme Ihnen zu, der Film war die feministische Dekonstruktion eines romantischen Mythos. Und wir wussten das, Jane und ich, wir haben darüber geredet. Aber es ging damals leider komplett verloren, weil sich alle nur für die Tatsache interessierten, dass ich nackt war. Dabei ging es genau ums Gegenteil. Und ich hoffe, dass der Film einmal aus den richtigen Gründen wiederentdeckt wird. Damals war ich schockiert, wie sehr mich die Leute ablehnten. Ich weiß nicht, ob sie den Film an sich nicht mochten, aber sie hatten definitiv etwas gegen mich und meine Darstellung.

 

Die Filmindustrie befindet sich derzeit in einer kompletten Umbruchsphase. Es geht um sexuelle Belästigung, Gehaltsunterschiede, Gleichberechtigung und Multikulturalität. Die Probleme gibt es aber natürlich nicht erst seit gestern. Wie haben Sie die Situation in den Neunzigern empfunden, als noch nicht offen darüber gesprochen wurde?

Das Filmgeschäft war damals – und ist es noch heute – ein von Männern dominiertes Geschäft. Und ich denke, dass die Zeit jetzt definitiv reif war für eine Initiative wie #MeToo. Vor allem, wenn man bedenkt, dass es noch kein Jahr her ist, seit die Anschuldigungen gegen Harvey Weinstein an die Öffentlichkeit gelangten, und schon lernt meine Tochter im Unterricht in der Schule, was es heißt, Nein zu sagen. Den Kindern wird beigebracht, dass Nein auch Nein bedeutet, also das, was den Ursprung dieser sexuellen Dynamiken ausmacht. Worum es aber langfristig geht, ist eine gerechte Beteiligung an der Macht, und das heißt nicht, dass lediglich die Männer heranreifen müssen. Jeder hat seinen Anteil daran zu tragen, dass Macht gleich und gerecht verteilt ist. Und deshalb darf man es sich auch nicht so einfach machen, zu sagen, dass alle Männer schlecht und alle Frauen gut sind. Es steckt eine ganze Menge Feinsinn in der Diskussion, der momentan noch verloren geht, aber irgendwann wird sich das Pendel auf die Mitte zubewegen und wir werden in der Lage sein, ein konstruktives Gespräch darüber zu führen, wie Menschen behandelt werden und wie wir gemeinsam voran kommen wollen.

 

Denken Sie, dass Sie eher hinter die Kamera gewechselt hätten, wenn Sie über die Jahre mehr Erfahrung mit Regisseurinnen gehabt hätten?

Ich kann mich nicht daran erinnern, den Wunsch gehabt zu haben, wenn Sie das meinen. Ich wollte zunächst einmal einfach nur raus aus dem Geschäft. Ich musste weg, um mir schließlich überlegen zu können, was ich sonst noch beitragen könnte. Denn ich liebe das Kino als Kunstform, das wollte ich keinesfalls aufgeben. Aber man spürt schnell, wenn es auf dem einen Weg einfach nicht mehr weiter geht, weil einen plötzlich alles zu stören beginnt, was man vorher als völlig normal empfunden hat. So war es zumindest bei mir und deshalb musste ich erst mal einen Schritt zurück treten, um mich neu zu orientieren, bevor ich mit neuer Energie, einer neuen Perspektive und neuen Projekten weitermachen konnte.

 



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Text + Interview ~ Pamela Jahn



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