„Ich suche nicht nach Schönheit“

Der europaweit begehrte Kameramann Piotr Jaxa, Jahrgang 1945, ist im Spielfilm („Tiere“, 2017) ebenso zuhause wie im Dokumentarbereich („Meine Schwester Maria“, 2002). Auch die Fotografie beherrscht der gebürtige Pole meisterhaft: So war er in den neunziger Jahren als Standfotograf für Regielegende Krzysztof Kieslowki tätig, woraus sich bis heute andauernde Ausstellungserfolge ergaben. „ray“ sprach im Rahmen des INNSBRUCK film CAMPUS mit dem Mann, der mit der Kamera nach der Wahrheit sucht.

 

Der 2013 von Evelin Stark ins Leben gerufene INNSBRUCK film CAMPUS erfreute sich bereits von Anbeginn an großer Beliebtheit unter jungen internationalen Filmemachern, die im schönen Künstlerhaus Büchsenhausen an hochkarätigen Workshops, Masterclasses und Diskussionen teilnehmen können. Auch unter der Leitung von Christoph Fintl, der Stark heuer ablöste, setzt der CAMPUS unverändert auf Qualität: So lud man 2018 unter anderem den renommierten österreichischen Lichttechniker Jakob Ballinger und die britische Kamerafrau Nicola Daley (Pin Cushion) als Experten ein. Mit dem gebürtigen Australier Peter Marsden kam sogar ein Digital Image Technician mit Hollywood-Erfahrung (Solo: A Star Wars StoryMary Poppins Returns) nach Innsbruck. Die Nachfrage an einer Teilnahme ist ungebrochen groß, heuer gab es rund 80 Bewerbungen für 21 Plätze.

Zu den Highlights der Woche zählte zweifellos eine Masterclass mit dem Kameramann und Fotografen Piotr Jaxa, der auf eine jahrzehntelange Karriere verweisen kann: 1945 in Borowna geboren, studierte Jaxa Kamera an der staatlichen Filmhochschule in Lodz und arbeitete danach zunächst überwiegend im Dokumentarfilmbereich. 1982 verlegte er seine Basis in die Schweiz, von wo aus er an internationalen Filmprojekten mit sozialem und politischem Anspruch mitarbeitete. Zur prägenden Figur in Jaxas Karriere sollte dabei der legendäre polnische Regisseur Krzysztof Kieslowki (1941–1996) werden: Bei dessen preisgekrönter Drei Farben-Trilogie war Jaxa als zweiter Kameramann und Standfotograf tätig. Auf Basis dieser Zusammenarbeit bereitete Jaxa in den Neunziger Jahren die Fotoausstellung „Remembering Krzystof“ vor, die schnell für Aufsehen sorgte und die seitdem durch die Galerien der Welt tourt. Seit Beginn des Jahrtausends ist Jaxa verstärkt als Kameramann für Spielfilme wie Hello Goodbye (2007) oder Les enfants de Troumaron (2012) tätig; 2017 besorgte er das Bild für die österreichisch-schweizerisch-polnische Produktion Tiere (Regie: Grez Zglinski) mit Philipp Hochmair und Birgit Minichmayr. Auf Basis dieses Films erläuterte Jaxa den Teilnehmern des CAMPUS mit Witz und Expertise seine Arbeitsweise. Oliver Stangl sprach mit Jaxa über eine außergewöhnliche Karriere zwischen Film und Fotografie.

 

Herr Jaxa, in den Credits ihrer frühen Filme werden Sie als „Piotr Kwiatkowski“ geführt ...

Nun ja, wir waren eine adelige Familie mit dem Namen Jaxa-Kwiatkowski, aber adelige Familien existierten im Kommunismus ja im Grunde nicht. Also wurde der Name zu Kwiatkowski verkürzt, ein sehr verbreiteter Name. Als ich dann in die Schweiz zog, habe ich selbst den Namen auf Jaxa verkürzt, weil Kwiatkowski zu „kompliziert“ für Menschen ist, die französisch sprechen.

 

Sie haben früher mit 35 mm gearbeitet, verwenden nun aber schon seit vielen Jahren digitale Filmkameras. Wie hat sich der Übergang für sie gestaltet?

Mein letzter analoger Film war Meine Schwester Maria mit Maximilian Schell. Es gab keinen Übergang. Alles war ganz organisch und simpel. Wenn man zunächst ein Auto mit Gangschaltung hat und dann auf Automatik wechselt, braucht man auch nur ein paar Tage, um sich umzustellen. Alles ganz einfach. Als ich von Polen, wo man mich ein bisschen kannte, 1982 in die Schweiz zog, war ich dort ein Niemand. Sogar das Fernsehen wollte mir keinen Job geben. Aber ich bekam Angebote vom japanischen Fernsehen. Da habe ich dann zum ersten Mal mit einer Betacam gearbeitet, die absolut revolutionär war, was digitales Filmemachen betrifft. Ich begriff, dass dies definitiv die Zukunft war.

 

In der Masterclass haben Sie Fotos aus ihrer internationalen Ausstellungsreihe „Cinematographers“ gezeigt. Auf einem der Fotos war der kürzlich verstorbene Kameramann Robby Müller zu sehen, der mit Wenders oder Jarmusch gearbeitet hat. Robert Altman hat Müller jedoch nach kurzer Zusammenarbeit gefeuert, weil er dessen Bilder als zu schön für seine Art von Film empfand. Gibt es Filmbilder, die „zu schön“ sind?

Was bedeutet „schön“? Wenn man einen Film dreht, will man eine Geschichte erzählen und die Frage nach der Schönheit ist nicht die wichtigste. Das Wichtigste für mich sind Bilder, die der Geschichte und dem Regisseur dienen. Ich suche überhaupt nicht nach Schönheit.

 

Sie sagen, dass Sie der Story und dem Regisseur dienen. Wenn ich Sie aber nach ihrem spezifischen Stil fragen würde, was würden Sie sagen?

Dass meine Basis zweifellos das Dokumentarische ist. Nach der Filmschule wollte ich gar nicht zum Spielfilm. Ich war sehr am Dokumentarfilm interessiert, der es mir erlaubte, verschiedene Teile der Welt zu sehen, was zur Zeit des Kommunismus viel schwieriger war als heute. Ich filmte das Ende des Vietnam-Kriegs, den Balkan-Krieg, ich war beim Jugendfestival in Kuba unter Fidel Castro und danach in Rom bei der Papstmesse von Johannes Paul II. Mit der Zeit haben Regisseure dann verstanden, dass die Zeit des Filmemachens mit schwerem Gerät zu Ende ging, dass es Wege gab, schneller zu arbeiten, mit Naturlicht, in Wohnungen, an natürlichen Locations. Als Dokumentarfilm-Kameramann hatten wir diesbezüglich schon jede Menge Training gehabt: Einfachheit, wenig Equipment und eine kleine Crew. Für mich ist das alles weniger eine Profession als eine Leidenschaft. Nachdem ich die Filmhochschule in Lodz beendet hatte, hielt ich die Eintrittskarte für ein interessantes Leben in Händen. Ich habe mit 13 zu fotografieren begonnen. Ich fotografiere jeden Tag. 

 

Ihre kunstvollen Stills für die Kieslowski-Filme haben viele Bewunderer. Wie war es, mit ihm zu arbeiten?

Er war wie ein älterer Bruder, hat mich ständig kritisiert. Er hat mich beobachtet und mir gesagt: „Piotr, du musst lernen, was Kompromiss heißt.“ Er war ein überaus wichtiger Mensch für mich. Er ist mit 55 gestorben und ist immer noch wichtig für mich. Als ich Szenenfotos für ihn anfertigte, hatte ich immer eine Minute Zeit, um ein Foto zu machen. Dabei hat er mir Freiheit zugestanden. Damals haben wir auch darüber geredet, ein Making-of-Buch über die „Drei Farben“-Trilogie zu machen, aber dazu kam es dann nicht. Wir fanden keinen Verlag. Damals habe ich die Auswahl der Bilder der Agentur überlassen, aber die hat „schlechte“ Fotos für die Promotion und die Poster ausgewählt: die Bilder waren zu klassisch. Dann habe ich mit einer Ausstellung begonnen, die auf europäischen Festivals gezeigt wurde, auch in den USA und Israel. Heute ist Kieslowski sehr wichtig für die junge Generation von Filmschaffenden, und das Buch könnte, so hoffe ich, vielleicht doch noch erscheinen. Nicht jeder Traum geht in Erfüllung, aber ein paar Träume, die ich im Leben hatte, sind bereits wahr geworden. Ich bin ein Glückspilz, oder?

 

Kieslowski war ein Gigant des sogenannten Arthouse-Kinos, der mit anspruchsvollen Filmen viele Menschen ins Kino gelockt hat. Wie hat sich das Filmemachen seit seinem Tod 1996 verändert?

Das alles ist eine Industrie, die vom Vertriebssystem und von Geld kontrolliert wird. Ich glaube, für die jungen Leute, die hier am Campus teilnehmen, ist es sehr wichtig, in Anbetracht dieses Systems über eine Evolution – oder eine Revolution – nachzudenken. Ein Teil davon passiert im Internet. Wenn man reich werden will, soll man Werbeclips drehen, aber der „Kunstfilm“ hat ein besonderes Publikum. Wir haben eine Menge an Zusehern verloren, das „Box office“ wird von den Verleihern kontrolliert. Ich glaube aber, dass digitales Filmemachen Demokratie ins Kino gebracht hat. Wenn man eine gute Idee hat, kann man sie umsetzen. Unter bestimmten Bedingungen kann man einen Film sogar mit einem Smartphone machen.

 

Sie haben auch erwähnt, dass man heutzutage viel weniger Drehtage zur Verfügung hat. Ist der Druck, der auf Filmschaffenden lastet, größer geworden?

Viel größer. Es herrscht enormer Druck. Wir als Gesellschaft sind der Auffassung, dass Geld alles ist. Bestimmte Dinge kann man aber nicht kaufen. Um bestimmte Elemente für das Kino zu kreieren, braucht man Zeit. Man muss warten können. Ich mit meiner Erfahrung komme mit dem Druck zurecht, aber für junge Leute ist es schwierig. Auf ihnen lastet Druck und sie haben keine Antworten. Das ist auch mit ein Grund, warum ich an solchen Workshops teilnehme: um den jungen Menschen die Wahrheit zu sagen. Was wird in ihrem Leben passieren?

Man hat auch den Eindruck, dass Sie es genießen mit jungen Menschen zu diskutieren und zu arbeiten.

Ich mache das auch oft. Wenn ich mit Filmstudenten spreche, erzähle ich Ihnen die Wahrheit über den Filmberuf heute. Als ich damals auf der Filmhochschule war, gab es für mich eine Job-Garantie. Heute haben junge Filmemacher eine Garantie auf Arbeitslosigkeit. Die Professoren an der Filmschule tragen zur Theorie bei, ich zur Praxis. Theorie und Praxis in Kombination sind sehr wichtig, manchmal aber auch schmerzhaft. Ich werde immer Zeit finden, um zu unterrichten. Oder sagen wir lieber: um meine Erfahrungen zu teilen. Ich bleibe auch gerne länger, um zu erfahren, was die jungen Leute von uns wissen wollen. Ich finde es sehr wichtig, dass dir Tiroler Landesregierung Geld in die Hand nimmt, damit Filmstudenten hier eine Woche mit interessanten Leuten unter tollen Bedingungen verbringen können. Das ist ein Vergnügen und ein Privileg.

 

Gibt es abseits der Wahrheit Kriterien, nach denen Sie ihre Projekte auswählen?

Die Projekte wählen mich aus.

 

Was haben Fotografie und Film gemeinsam?

Mein Beruf ist im Grunde simpel: Ich bin Übersetzer. Beim Film gibt ein Drehbuch, dass ich in Bilder übertragen muss. Das ist es im Grunde. Es muss allerdings präzise sein. Auch Fotos erzählen Geschichten. Präzision und eine Geschichte sind wichtig, nicht die Schönheit. Nehmen wir den Film Tiere von Greg Zglinski: Am Anfang gibt es eine Fahrt durch einen Tunnel, sehr simpel. Ein Unterscheidungsmerkmal ergibt sich aber dadurch, dass ich Objektive mit großem Weitwinkel verwende. Als ich dem Produzenten sagte, dass ich ein 8mm-Objektive brauchen würde, hieß es zunächst, dass so etwas in der Schweiz nicht vorrätig sei. Darauf meinte ich, dass man es in München mieten könne. Das erste, was ich von Produzenten höre, ist meist: „Piotr, wir haben das Geld nicht.“ Naja, wenn man das Geld nicht hat, sollte man auch den Film nicht machen. Wenn man das Geld nicht hat, ist man kein Profi. Denn ein echter Profi wird auch das Geld auftreiben. Man sollte niemals der Crew die Schuld geben, wenn man selbst kein Profi ist. Dann sollte man Zahnarzt werden oder Doktor. Naja, sie mögen mich nicht, wenn ich so rede. (Lacht.)

 

Sie meinten, dass Sie an der Wahrheit interessiert sind. Lässt sich diese Wahrheit sowohl im Dokumentar- als auch im Spielfilm finden?

Absolut. Ich unterscheide nicht zwischen Spiel- und Dokumentarfilm. Filme erzählen eine Geschichte und berühren einen. Kieslowski hat aufgehört, Dokumentarfilme zu machen, weil er meinte, dass die Menschen sich verschließen, wenn man sie mit der Kamera konfrontiert. Es sei viel einfacher, mit Schauspielern zu arbeiten.

 

Sie selbst bringen am Set keine Markierungen für die Schauspieler an.

Stimmt, ich schätze Freiheit. Um Freiheit und Verbrüderung mit Schauspielern zu erreichen, muss man auch freundlich zu ihnen sein. Wenn ich einem Schauspieler sage, dass er an einer bestimmten  Stelle stehen bleiben muss, störe ich sowohl seinen Rhythmus als auch den Rhythmus der Kamera. Oft heißt es: „Wenn man das Licht genau hier oder genau da einfängt, wird das wunderschön.“ Scheiß auf diese Schönheit.

 

Können Sie mir etwas über ihre Ausstellung „Cinematographers“ erzählen, für die Sie internationale Kameraleute wie Vittorio Storaro, Darius Khondji oder Fredrik Wenzel fotografierten?

Ein kleiner Teil der Ausstellung war bereits an mehreren Orten zu sehen, in Indien, Polen oder auf Teneriffa beispielsweise. Um das Projekt abzuschließen, brauche ich noch 25 weitere Fotografien. Dafür muss ich noch nach China, Japan, Australien, Mexiko und in ein paar europäische Länder. Das würde um die 30.000 Euro kosten. Und dann bräuchte es nochmals 30.000 Euro für die Prints. Ich möchte große Prints anfertigen lassen,100 x 170 Zentimeter hoch. Manche der Kameraleute sind bereits verstorben. Mein Vater war Historiker und jetzt bin ich sozusagen „Historiker der Kameraleute“.

 

Wie steht es um aktuelle Filmprojekte?

Zwei Filme sind abgedreht: der europäische Film The Witness, bei dem Mitko Panov Regie führte und der indische Film Curry Western, den Kamal Musale inszeniert hat. Ansonsten liegt mir gerade kein gutes Skript vor. Dieses Jahr werde ich sicher nichts drehen, weil ich das E-Book-Projekt „Remembering Krzysztof Kieslowski“ vorbereite. Außerdem mache ich weiter mit den Porträts der Kameraleute. Ansonsten werde ich eine Motorrad-Tour entlang der Donau machen. Ich werde auf ein gutes Low-Budget-Projekt warten, hinter dem jemand mit Leidenschaft steht und der gerne mit einem „Senior-Kameramann“ arbeiten möchte. Ich habe in Jordanien an einem Projekt für sehr wenig Geld mitgearbeitet. Auf Mauritius habe ich beinahe gratis am Projekt eines jungen Filmemachers mitgearbeitet. Meine Kinder sind erwachsen, meine Frau hat eine feste Anstellung. Ich kann mit meiner kleinen Pension überleben. Wichtig ist es, dass man etwas Bleibendes hinterlässt. Krzysztof hat es vorgemacht. Er ist gestorben, aber seine Filme, seine Gedanken sind immer noch lebendig und motivieren junge Filmemacher auf der ganzen Welt. Das ist wunderschön.

 

Sie würden also keinen Hollywood-Blockbuster drehen?

Ich habe gern die Auswahl. Wir leben in einer Epoche mit enormer Zerstörungswut, mit geistiger Verschmutzung und Umweltverschmutzung. Wir müssen über die wichtigen Dinge nachdenken. Und wir müssen damit beginnen, eine neue Öffentlichkeit für künstlerisch anspruchsvollen Film zu schaffen. Es gibt viel zu tun.

 

www.jaxa.com

www.film-campus.at

 

 



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Text + Interview ~ Oliver Stangl



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