Der Musterschüler

Sieben Golden Globes und kein Ende des Preisregens in Sicht: Damien Chazelle, Hollywoods neues Musikfilm-Wunderkind, hat mit „La La Land” ein Musical auf dem Reißbrett entworfen – mit gemischten Resultaten.

 

Es fängt gut an: Zunächst Normalbild, zunächst Schwarzweiß, sodass man kurz das Gefühl haben könnte, im falschen Film gelandet zu sein. Doch dann öffnet sich die Leinwand zum Cinemascope-Format, und es erstrahlen gleißende Farben. So, und nur so, denkt man, muss ein Hollywood-Musical sein. Dann sehen wir einen Highway in Los Angeles und den täglichen Stau der morning rush hour. Plötzlich jedoch springen die Menschen aus ihren stehenden Vehikeln und beginnen zu singen und zu tanzen, zwischen den Autos und über deren Dächer hinweg, zu zweit, allein, in Gruppen – ein wahrhaft fulminanter Auftakt, der wahrscheinlich auch dem legendären Musical-Choreografen Busby Berkeley Freude gemacht hätte. In einem der Autos sitzt Mia (Emma Stone), die, wie so viele andere junge Frauen vor ihr, aus der Provinz in die Glitzermetropole an der Westküste gekommen ist, um eine berühmte Schauspielerin zu werden. Auf das Warner-Bros.-Studiogelände hat es Mia immerhin schon geschafft, allerdings nur als Kellnerin im dortigen Coffeeshop. Ansonsten absolviert sie eine erfolglose Casting-Session nach der anderen und erfährt hautnah, wie brutal, banal und arrogant das „Business“ sein kann.

Bei einer Party, zu der sie ihre Mitbewohnerinnen geschleppt haben, um „wichtige Leute“ kennenzulernen, trifft sie zwar keine solchen, dafür aber den ebenso erfolglosen Jazzpianisten Sebastian (Ryan Gosling), der davon träumt, seinen eigenen Jazzclub zu eröffnen, womöglich am Ort des legendären (erfundenen) Van Beek, wo einst seine Idole Thelonius Monk und Bud Powell aufgetreten waren und wo sich jetzt – er rümpft die Nase – ein Samba-plus-Tacos-Lokal befindet. Sebastian, erkennt Mia, das ist jener junge Mann, der sie auf dem Highway angehupt hatte, während sie wieder einmal in ihre Karriereträume versunken war. Die beiden fliehen von der Party und absolvieren eine erste Tanznummer auf einem Parkplatz. Die Lichter der Großstadt liegen unter ihnen. So weit, so gut.

Es fällt nicht schwer, zu sehen, dass es sich bei La La Land um den ehrenwerten Versuch handelt, der Goldenen Ära des Hollywood-Musicals, ja mehr noch Jacques Demys herrlich farbenfrohen Filmen Les Parapluies de Cherbourg (1964) und Les Demoiselles de Rochefort (1967) Reverenz zu erweisen. Entworfen wurde das ambitionierte Projekt vom 31-jährigen Hollywood-Wunderkind Damien Chazelle. Demy, das hat er inzwischen mehrfach betont, ist sein Säulenheiliger. Das konnte man im Übrigen schon anhand seines 2009 entstandenen Musicalfilms Guy and Madeline on a Park Bench, der auch bei der Viennale zu sehen war, feststellen. Dass dies ein Herzensprojekt war, sah man unter anderem auch daran, dass er nicht nur Regie und Drehbuch verantwortete, sondern auch Kamera, Schnitt und die Songtexte. Mit La La Land hat er nun seinen Debütfilm quasi mit großem Budget weiterentwickelt, genauso, wie sein hochgelobter zweiter Spielfilm Whiplash (2014) eine „Verlängerung“ seines gleichnamigen früheren Kurzfilms war. Der Erfolg, wir erinnern uns, gab Chazelle Recht: Das Drama um einen jungen Jazz-Schlagzeuger (Miles Teller), der an seinem unerbittlich strengen Lehrer (J.K. Simmons) zu zerbrechen droht, wurde mit drei Oscars (Simmons als bester Nebendarsteller, Tom Cross als bester Editor, bester Ton) ausgezeichnet und war darüber hinaus als bester Film und für das beste adaptierte Drehbuch nominiert. Das war in jedem Fall sehr viel Ehre für einen so jungen Mann, der ohne Zweifel ein Faible für und eine Liebe zur Musik hat, wenngleich er seine eigene Karriere als Jazz-Drummer „mangels Talent“, wie er selbst sagt, früh an den Nagel gehängt hatte.

Doch so wie Jazz-Puristen mit Whiplash nicht recht glücklich wurden (es ging dabei vor allem um musikhistorische Details, die ihnen nicht stimmig erschienen), so werden wahre Musical-Fans an La La Land das eine oder andere auszusetzen haben. Zwar entwickelt sich die Liebesgeschichte zwischen Mia und Sebastian recht flott, und Emma Stone und Ryan Gosling geben ein hübsches Paar ab, dem man wirklich alles Glück der Welt gönnen würde. Beide verfolgen ihre jeweiligen Ziele mit angemessener Vehemenz, und alle Zeichen stehen auf Erfolg. Doch das berufliche Vorwärtskommen belastet ihre private Beziehung – und hier beginnen die Probleme für das Drehbuch und für das Publikum, schlicht und einfach deshalb, weil die herbeigeschriebenen Probleme eher nicht plausibel erscheinen, ja, man kommt nicht umhin, sie als aufgesetzt zu betrachten – so als wolle Chazelle mit aller Gewalt eine „kritische“ Ebene einziehen, die in einem fulminant sein wollenden Hollywood-Musical nicht ganz nachvollziehbar erscheint. Das nagt leider schwer an der Glaubwürdigkeit der Geschichte, und je länger der Film dauert, desto mehr fragt man sich, ob der junge Meister nicht vielleicht doch too smart for his own good ist. Mit anderen Worten: Irgendwann beginnt La La Land einem keine Freude mehr zu machen. Die Länge von 127 Minuten tut ein Übriges, denn gewisse Konstellationen und Konfrontationen neigen dazu, sich zu wiederholen, und schließlich baut Chazelle kurz vor Schluss noch einen erzählerischen Schlenker ein, dessen Sinnhaftigkeit doch ernsthaft in Zweifel zu ziehen ist.

Wie immer, wenn an historisch gewachsenen und nicht zu Unrecht seit mehr als einem Jahrhundert erfolgreichen Genre-Konventionen herumgedoktert wird, ist höchste Vorsicht geboten. Das gilt im Übrigen für den Horrorfilm, den Western oder das Melodram ebenso wie für das Musical. Damit das Manipulieren an den Genre-Regeln funktioniert, muss man schon sehr gewichtige Argumente ins Treffen führen können, und im Falle von La La Land scheint dies durchaus nicht der Fall zu sein. Im Gegenteil: Ab einem gewissen Punkt hört man das Papier, auf dem das Drehbuch geschrieben oder doch wenigstens ausgedruckt wurde, ganz stark rascheln. Und auf eine merkwürdige Weise tritt, je länger der Film dauert, eine Art retrospektive Enttäuschung ein. Der US-amerikanische Kritiker Keith Uhlich hat das auf slantmagazine.com sehr treffend zusammengefasst – als einer von ganz wenigen, die nicht in den allgemeinen publizistischen Jubelchor einstimmen wollten: „Hollowness results, and a crucial piece of the movie-musical illusion goes missing. Melodies are being sung, but the impassioned souls from which they’re supposed to spring are absent.”

Und tatsächlich, bei näherem Hinsehen erscheint einem das ganze Unterfangen – so liebenswert es am Anfang ist – plötzlich als gar nicht mehr so betörend, sondern als auf dem Reißbrett entworfen und auf den Effekt (Preisverleihungen aller Art) hin konstruiert. Das ist umso bedauerlicher, als vor und hinter der Kamera Spitzenkräfte aller Art tätig sind: J.K. Simmons verschwendet sich in einer Kleinstrolle, das Production Design besorgte David Wasco, seines Zeichens verantwortlich für den Look von Pulp Fiction und nahezu aller anderer Quentin-Tarantino-Filme, und auch die Kostümabteilung von Mary Zophres, die an fast allen Filmen der Coen-Brüder mitgearbeitet hat, leistet Großartiges. Mit dem Schweden Linus Sandgren engagierte Chazelle zudem einen höchst interessanten Director of Photography, den Gus Van Sant für Promised Land nach Hollywood geholt hatte und der danach zweimal mit David O. Russell (American Hustle, Joy) arbeitete. An ihnen liegt es bestimmt nicht, dass einem der Film zunehmend schal erscheint, und auch nicht an Ryan Gosling und Emma Stone, die tänzerisch beide top sind, während sie aber in puncto Gesang durchaus unterschiedlich disponiert sind: Emma 1, Ryan 0.

Was bleibt als Fazit? Manches an La La Land ist gelungen, vieles geht leider nicht auf, und ein bisschen fühlt man sich am Ende so, wie es der große österreichische Schriftsteller Werner Kofler in seinem Buch „Aus der Wildnis“ anlässlich des Besuchs von Jean-Luc Godards One Plus One (1968) geschildert hat: „Diese beschissenen Intellektuellen, sagte die Bekannte, wir haben uns unheimlich eingeraucht, um die Stones zu sehen und zu hören, und dann das!“

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Musical, USA 2016


Regie und Drehbuch Damien Chazelle
Kamera Linus Sandgren 
Schnitt Tom Cross
Musik Justin Hurwitz 
Choreografie Mandy Moore 
Production Design David Wasco 
Kostüm Mary Zophres
Mit Ryan Gosling, Emma Stone, John Legend, J.K. Simmons, Finn Wittrock, Sonoya Mizuno, Rosemarie De Witt, Josh Pence
Verleih Constantin Film, 127 Minuten
Kinostart 13. Jänner

 



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