Culture Clash der Giganten

Die Band Laibach gab letztes Jahr in Nordkorea ein auch international viel beachtetes Konzert. Der norwegische Regisseur Morten Traavik hielt den Zusammenprall zweier Kulturen, des Subversiven und des Absoluten, auf durchaus unterhaltsame Weise filmisch fest.  Laibach-Gründungsmitglied Ivan Novak im Gespräch anlässlich seines Besuchs beim Wiener Let’s CEE Filmfestival.

 

Auch wenn die Vorgaben der nordkoreanischen Organisatoren sehr einschränkend waren und sich die Protagonisten die meiste Zeit nicht frei in Pjöngjang bewegen konnten, entstand mit Liberation Day doch ein recht subtiles Doppelporträt der Funktionsweise eines monolithischen Künstlerkollektivs und einer gleichzeitig stabilen und doch fragilen Diktatur. Der Film hat nicht den Anspruch, die ganze Lebensrealität von Nordkorea oder von Laibach objektiv darzustellen, aber gerade im Bemühen um ein oft schwieriges wechselseitiges Verständnis liegt einerseits die Komik des Films, aber auch seine humanistische Kraft. Ivan Novak sprach im Rahmen des Let´s-CEE-Filmfestivals, wo er auch eine Masterclass hielt, über das fehlende Elend in Nordkorea, die Perversion von Sound of Music und über die Notwendigkeit der Dialektik.

 

Wie kam dieses Abenteuer „Laibach in Nordkorea“ zustande?

Wir haben nach einem Regisseur für das Video zu „Whistleblowers“ gesucht, und ein Freund hat uns auf den Laibach-Fan Morten Traavik aufmerksam gemacht, der ein recht interessantes Video für eine skandinavische Heavy-Metal-Band realisiert hat. Er ist vor einigen Jahren einfach als Tourist nach Nordkorea gefahren, weil er sich ein eigenes Bild von diesem abgeschotteten Land machen wollte. Sozusagen als Gastgeschenk hatte er eine dekadente westliche Disco-Kugel im Gepäck, die er dann auf seine Streifzüge durch Pjöngjang mitnahm, was natürlich einiges Aufsehen erregte. Später organisierte er einige kulturelle Events, die von norwegischen und nordkoreanischen Kulturinstituten ko-finanziert wurden. Durch diese Kontakte schlug er nach dem erfolgreichen Dreh zu „Whistleblowers“ einfach den zuständigen Menschen dort vor, doch ein Konzert von Laibach in Pjöngjang zu veranstalten. Wie er das genau zustande gebracht hat, wird wohl sein Geheimnis bleiben, er betont jedenfalls immer wieder, dass seine persönlichen Kontakte dort ihm einfach vertraut hätten, dass er schon das Richtige tun werde, denn von unserer Musik und unseren Konzepten haben die Verantwortlichen in Nordkorea wohl noch nie zuvor gehört. All diese schwierigen diplomatischen Bemühungen hinter verschlossenen Türen dauerten noch ungefähr ein Jahr, bevor es das endgültige OK gab.

 

Morten Traavik hat dann ja nicht nur Regie geführt, er ist fast so etwas wie der Protagonist, zumindest am Anfang. War das so geplant, inwiefern war die Band Laibach überhaupt in die filmische Arbeit (Buch, Regie, Schnitt) involviert?

Wir haben schon zusammengearbeitet, indem wir intensiv über den Film gesprochen haben, aber wir sind erstmal ohne ein ausgefeiltes Drehbuch hingefahren. Keiner wusste schließlich, was uns dort erwarten würde. Es wurde dann einfach alles gefilmt, ca. 200 Stunden Material. Für das narrative Element war uns sehr schnell klar, dass wir eine zentrale Figur für den Film brauchten, bei der im Film wie auch in der Realität alle Fäden zusammenliefen. Er war auch immer verkabelt, so ergab sich diese Erzählerrolle für ihn ganz organisch, während wir eher eines der Themen des Films sind. Aber die Verteilung der filmischen Aufmerksamkeit war nicht so wichtig für uns, das ganze Abenteuer war so Laibachesk, außerdem ist Morten ja fast noch mehr Laibach als die eigentliche Band.

 

War die Szene, in der die anderen im Bus auf Sie warten und dann mitbekommen, dass sie allein auf einen Stadtspaziergang aufgebrochen sind, inszeniert?

Nein, das ist wirklich so passiert. Wir wollten natürlich auch das ganz normale Leben der Leute auf der Straße mitbekommen, nicht nur die Techniker und die Kulturbeauftragten treffen, mit denen wir sowieso zu tun hatten. Dieser Wunsch wurde auch mehrmals geäußert, aber wir wurden immer auf den nächsten Tag vertröstet. Dann wurde es doch erlaubt, aber nur in der Gruppe, auf einer Busrundfahrt, zu der ich nicht aufgetaucht bin, weil ich im Hotel eingeschlafen bin. Als ich dann aufgewacht bin und gemerkt habe, dass die anderen inklusive unserer Aufpasser weg waren, bin ich mal vorsichtig vor das Hotel eine Zigarette rauchen gegangen. Niemand beachtete mich. Dann zehn Meter weiter. Noch immer niemand zu sehen. So habe ich mich dann alleine auf den Weg ins Zentrum von Pjöngjang gemacht und dabei auch mit einigen Menschen geplaudert, so gut es eben mit ein wenig Englisch und Zeichensprache ging. Ich hatte allerdings vergessen, dass wir um 20 Uhr zusammen zum Dinner irgendwo außerhalb verabredet waren und hatte angenommen, dass mein Verschwinden gar nicht auffallen würde, weil das für unsere Gastgeber ein sehr sensibler Bereich war. Als ich dann nicht im Hotel war, gab es erstmal ziemliche Aufregung, wie man im Film auch sieht, aber letztendlich hat dieser kleine Ausflug unser gutes Verhältnis zu den Nordkoreanern nicht getrübt. Außerdem wird es im Moment für Touristen immer einfacher, auch einmal allein die Stadt zu erkunden.

 

Im Film sagen Sie dann über ihre Begegnung mit den Einheimischen, dass diese durchaus zufrieden gewirkt hätten, eine angesichts der Umstände im Land kontroverse, zumindest naive Feststellung?

Vielleicht ist das naiv, ja. Aber so habe ich die Leute eben erlebt, nicht nur auf diesem kurzen Spaziergang. Es klingt möglicherweise seltsam, aber es war keine Spur von Elend in ihrem Verhalten, ihrer Mimik zu entdecken, da war eine andere Ausstrahlung im Vergleich etwa zu den Menschen im kommunistischen Block vor der Wende. Ich frage mich selbst auch, warum das so war. Das hat wohl auch viel mit der Abschottung des Landes zu tun, die Menschen wachsen in diesem System auf, für sie ist es die absolute Normalität, sie leben einfach ihr mehr oder weniger zufriedenes Leben. Die Umstände sind für uns vielleicht bizarr, aber von außen betrachtet schaut es natürlich anders aus, ein wenig so wie in dem Film Truman Show. Sie haben auch ihr eigenes stark zensiertes Internet. Wieviel sie wirklich von der westlichen Kultur oder Politik wissen, ist schwer zu sagen. Ich empfinde es als unhöflich, wenn man einfach fragt, ob sie z.B. die Beatles kennen. Als wir ankamen, haben wir uns auch gefragt, ob dieses organisierte Straßenleben mit den Menschenmassen nicht extra für uns in Szene gesetzt worden ist. Aber das ist einfach die Realität dort, die Regeln sind natürlich sehr strikt, aber nach irgendwelchen Regeln richten sich die Menschen im Westen auch.

 

Warum haben Sie speziell für dieses Konzert einige Songs aus dem Film Sound of Music adaptiert?

Erstens ist Nordkorea ein wenig ein Sound-of-Music-Land, schon von der Ausstrahlung, den Uniformen und den Themen her, man muss sich nur einen der dortigen Filme wie Flower Girl anschauen, um daran erinnert zu werden. Außerdem ist der Film in Nordkorea sehr bekannt, er wird als einer der wenigen westlichen Filme regelmäßig gezeigt, die Leute finden sich emotional darin wieder, lernen dabei Englisch, und es gibt sogar koreanische Versionen einiger Lieder. Das war sozusagen ein Kommunikationsangebot an die Nordkoreaner, weil sie unser restliches Material überhaupt nicht kannten. Der Film ist auf eine gewisse Art auch ziemlich pervers und offen für ganz viele verschiedene Interpretationen, auf die ich hier nicht näher eingehen möchte.

 

Wie haben Sie die Reaktionen des Publikums auf diese doch sehr ungewohnte Art von Musik beim Konzert miterlebt?

Ich war nur kurz inmitten des Publikums, die meiste Zeit verbrachte ich am uralten Lichtmischpult.  Weil ich ein Lämpchen vergessen habe, ist ein Mitarbeiter gekommen und hat mir von irgendwo einen Ersatz aufgetrieben, die Leute sind sehr respektvoll, höflich und nett. Für mich war es ein perfektes Laibach-Konzert. Es ist für uns sehr verdächtig, wenn die Leute zu zufrieden sind, wenn sie anfangen herumzuspringen oder in eine Trance zu verfallen. Das ist nicht das, worauf wir hinarbeiten. Die Art von zurückhaltender, eleganter Anerkennung, die uns das Publikum zuteil werden ließ, war gerade richtig für uns. Aber  natürlich war das Publikum handverlesen und nicht repräsentativ. Die meisten eingeladenen Leute – es gab keine Tickets zu kaufen – hatten in irgendeiner Form beruflich mit Musik zu tun, dazu noch einige westliche Diplomaten und 30 bis 40 Hardcore-Laibach-Fans aus der ganzen Welt, die es irgendwie ins Gebäude schafften. Das Fernsehen hat die Show auch aufgenommen und Teile davon gleich am nächsten Tag ausgestrahlt. Die Kellnerinnen im Hotel waren dann auch ganz aufgeregt und haben uns gratuliert. Wie überhaupt die jüngeren ein offensichtlich größeres Interesse an der Musik gezeigt haben, von den älteren sind doch ein paar sanft entschlummert. Aber es war keinesfalls unsere Absicht, dort eine Veränderung in die Wege zu leiten, das wäre prätentiös und naiv.

 

Da passt auch der Beatles Song „Across the Universe“ perfekt, der im Film auch vorkommt, vor allem die Textzeile „Nothings´s gonna change my world“. Zwei unveränderliche Monolithen wie Nordkorea und Laibach, die jetzt immerhin auch schon über 35 Jahre existieren. Was bleibt da noch zu tun? Vielleicht im Trump Tower auftreten?

Ja, warum nicht? Es gab Gerüchte, dass wir bei der Inaugurationsfeier auftreten sollten. Wir hielten es für einen Witz, aber wir wären natürlich aufgetreten, das wäre interessant gewesen. Wir haben uns noch nie darum gekümmert, was die Kritiker oder Rezipienten über uns denken und sagen – egal ob Faschismus oder Kommunismus-Keule – diese Vorwürfe sagen immer mehr über sie aus als über uns. Es gibt überhaupt keinen Grund, sich dagegen zu verteidigen, wir sind absolut rein – wie die Nordkoreaner. Natürlich ist Provokation für uns schon immer ein absolut notwendiges kreatives Element gewesen, es gibt schon genug Künstler, die darauf aus sind, ihr Publikum in allem zu bestärken. Wobei die Provokation nie Selbstzweck sein sollte. Wir gehen an jedes neue Projekt sehr instinktiv heran. Außerdem sind wir zwei übrig gebliebenen lange dienenden Mitglieder des Künstlerkollektivs Laibach – wir sind ja in verschiedenen künstlerischen Sparten aktiv, nicht nur Musik –  wie zwei alte Vampire. Hin und wieder brauchen wir frisches Blut. Wenn jemand aus verschiedenen Gründen nicht mehr die notwendige Energie aufbringt und aussteigt, dann bringt jemand Neuer einen anderen Blickwinkel mit, der auch für uns erfrischend ist.

 

Obwohl Laibach schon einige Erfolge vorher feierte, waren die Coverversionen oder wohl besser Neuinterpretationen von „Live is Life“ und Queens „One Vision“ so etwas wie der internationale Durchbruch. Wie sind Sie gerade auf den Opus Hit gekommen?

Das Lied war damals einfach omnipräsent, man konnte ihm nicht entkommen. Und es war so simpel, so lächerlich auf eine bestimmte Art, so dass wir das Bedürfnis hatten, etwas Ernsthaftes daraus zu machen. Diese Art von Reinterpretation ist die Basis von Laibach, wir hatten nie das Bedürfnis, etwas Ureigenes zu erschaffen, uns als einzigartige Künstler zu präsentieren – obwohl wir das auf unsere Weise schon tun. Wir glauben, dass so etwas wie Originalität sowieso nicht existiert, zumindest nicht im metaphysischen Sinn. Wir behandeln das Ausgangsmaterial wie ein Regisseur, der ein Stück von Aristophanes in die Neuzeit transportiert. Und bei Live is life ist uns das ganz gut gelungen, ohne die Lyrics zu verändern, dass das Lied einen völlig neuen Ton und vielleicht auch Bedeutung bekommt. Soweit ich weiß hat es sogar Opus gefallen. Rammstein haben danach einen neuen, sehr erfolgreichem Weg eingeschlagen. Sie haben auch für den Film ein Statement in dieser Richtung abgegeben, aber irgendjemand hat sie wohl darauf hingewiesen, dass sie dann als Imitatoren dastehen würden, was ihre Bedeutung schmälern würde. Deshalb haben sie ihr Einverständnis zurückgezogen, dass ihr Statement im Film vorkommen darf, was den Regisseur extrem verärgert hat, so dass er die etwas kindischen Schlusstitel anfertigen ließ, die sich auf das beziehen.

 

Kann man Laibach als Band bezeichnen, die auch von den Ideen der deutschen Romantik beeinflusst wurde?

Wir sind von sehr vielen auch philosophischen Strömungen  beeinflusst worden, da würde ich die Romantik nicht ausschließen, auch weil sie am Anfang der Moderne steht. Wir sind auf jeden Fall auf der Suche nach einem Utopia, das wirklich funktionieren würde, also in dem Sinne schon romantisch. Wir suchen aber auch die Ambivalenz in der Kunst, so wie das Leben auch ambivalent ist. In diesem Sinne sind wir wohl die am wenigsten totalitäre Band überhaupt. Denn wir zweifeln, zweifellos. Natürlich versuchen wir gleichzeitig so etwas wie ein monolithisches künstlerisches Statement zu erschaffen, aber gleichzeitig sind wir fähig, alles in Frage zu stellen, was wohl eine unserer Qualitäten ist, hoffe ich zumindest. Der Zweifel hilft uns, dialektisch zu denken. Die meisten Bands oder Künstler finden irgendwann eine Formel für sich selbst, bei der sie dann ihre Karriere lang bleiben. Während wir die Bedeutung der Formel selber anzweifeln. Natürlich arbeiten wir auch innerhalb eines großen Rahmens, den wir aber gleichzeitig immer wieder zerstören auf eine gewisse dialektische Weise.

 

Gibt es Pläne für eine Rückkehr nach Nordkorea?

Wir würden sehr gerne wieder hin, aber zuerst ist einmal ein Aufenthalt in Südkorea geplant. Die Organisatoren dort sind sehr enthusiastisch, was unglaublich ist, schließlich ist die Kommunikation zwischen Süden und Norden nicht sehr gut. Das läuft oft nach dem simplen Schema ab, ein Freund von dir ist ein Feind von mir. Nordkoreaner dürfen keine südkoreanische Musik hören, umgekehrt ist es allerdings genauso. Mit diesem Film hoffen wir, eine Brücke zwischen den zwei Staaten zu bauen, denn eigentlich gehören sie als Volk zusammen so wie die Deutschen. Wir würden die Wiedervereinigung auf jeden Fall begrüßen, die ja sogar offizielle Politik ist, aber in absehbarer Zukunft sicher nicht passieren wird. Da sprechen geopolitische Interessen vor allem der USA und China dagegen.

 

Wäre eine Tour in China vielleicht auch interessant?

In China herrscht derzeit eine sehr dekadente Kultur, sehr in sich zerrissen, fast schizophren zwischen Ultrakapitalismus und einer seltsamen Art von Kommunismus. Außerdem ist die Zensur dort noch viel fordernder als in Nordkorea und gleichzeitig unklarer und komplizierter. Und sie sind schon verdorben durch eine ganze Reihe von westlichen Bands, die dort schon aufgetreten sind. Was Laibach macht ist sehr spezifisch, ich glaube nicht, dass das in nächster Zeit passieren wird.

www.liberationday.film

 



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Interview ~ Günter Pscheider



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