Im Südosten viel Neues

Die sechste Ausgabe des Let’s CEE Filmfestivals zeigt ab heute bis 22. April mehr als 150 Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilme in acht Wiener Spielstätten.

 

Gefährlich gute Filme“ lautet das Motto der diesjährigen Ausgabe des – siehe Titel – auf Filme aus Zentral- und Osteuropa spezialisierten Festivals. Wie bitte? Was heißt das genau? Magdalena Zelasko, die aus Polen stammt und mit dem Wiener Ex-Journalisten Wolfgang P. Schwelle im Jahr 2012 das Festival gegründet hat und seither auch gemeinsam leitet, erklärt: „Gefährlich gute Filme sind solche, die als klare Signale gegen Ignoranz, Diskriminierung und Vorurteile zu verstehen sind und die oft brennende gesellschaftspolitische Themen zum Inhalt haben. Die haben wir schon immer gezeigt.“ In Zeiten allgemeiner Austerität setzt Let’s CEE auf Expansion. Dauerte das Festival bisher sieben Tage, so sind es diesmal zehn, und erstmals werden ausgewählte Filme auch in Graz, Salzburg und Villach gezeigt. Dabei hilft ein starker Partner, in diesem Fall der Kinomarktführer Cineplexx, der dem Festival auch sein Wiener Flaggschiff, das Urania Kino, sowie Säle der Village Cinemas, des Artis und des Actor’s Studios zur Verfügung stellt. Da Cineplexx in den zentral- und osteuropäischen Ländern stark vertreten ist (45 Standorte in zehn Ländern mit mehr als 300 Sälen), ist das Engagement des Konzerns beim thematisch eindeutig positionierten Festival nachzuvollziehen.

Staub
Zelasko und Schwelle „umtriebig“ zu nennen, wäre stark untertrieben. Dass sie in der österreichischen Festivalszene voller Platzhirschinnen und -hirschen einigen Staub aufwirbeln, leugnen sie erst gar nicht, es ist eher Programm. Wien sei, kann man aus ihren Aussagen heraushören, schon aufgrund seiner historischen und geopolitischen Disposition gefordert, sich mit den (süd-)östlichen Nachbarn auseinanderzusetzen, und zwar über bloße Lippenbekenntnisse hinaus. In dieser Hinsicht orten sie bei der Politik durchaus Nachholbedarf, zumal sich das alljährliche Drama um die nötigen Fördermittel für das Festival heuer noch einmal zugespitzt hat: Die Stadt Wien – qua Festivalförderkommission – hat den ohnehin überschaubaren Zuschuss für Let’s CEE noch einmal um 25 Prozent gekürzt, und zwar ohne Angabe von Gründen. Bei der Filmabteilung des Bundeskanzleramtes stagniert man, beziehungsweise, so Wolfgang P. Schwelle, werde man „mit einem Bruchteil dessen ab(gespeist)“, mit dem andere, vergleichbare Festivals gefördert würden. Für Aufregung sorgt auch der neue Festivaltermin im April zwischen Diagonale und Crossing Europe – allerdings sei das heuer, unter anderem wegen Ostern, nicht anders möglich gewesen, argumentieren Festivalleiterin und -leiter. Dem Umfang und der Vielfalt des Festivalprogramms tut das alles keinen Abbruch, im Gegenteil. Mit über 150 Filmen in allen Längen und Genres hat man einen neuen Spitzenwert erreicht. Eine Innovation, die ins Auge fällt, ist eine Virtual-Reality-Schiene, in der Let’s CEE – „als erstes Filmfestival in Österreich“ – VR-Kurzfilme quasi als reguläre Kinovorführung anbietet. Mit Partnern wie der Stanford University, Greenpeace International, der UNO und der britischen Zeitung „The Guardian“ und in Kooperation mit dem 4Gamechangers Festival werden hier VR-Erlebnisse gezeigt, die ausschließlich sozialen und/oder ökologischen Inhalt haben. So kann man etwa in Guardians of the Forest mit einem indigenen Volk gegen die Zerstörung seines Lebensraumes in Amazonien agieren oder sich in Clouds Over Sidra von einem zwölfjährigen syrischen Mädchen durch ein Flüchtlingslager in Jordanien führen lassen, in dem 130.000 Menschen leben. Wie alle Kurzfilmprogramme bei Let’s CEE können auch die VR-Filme bei freiem Eintritt besucht werden.

Gedenkjahr
Dass 2018 ein besonderes Gedenkjahr in globaler, europäischer und österreichischer Hinsicht ist, schlägt sich im Programm deutlich nieder. Dem Ende des Ersten Weltkriegs widmet sich etwa die Reihe „Women and War“, die die Rolle von Frauen im und um den Krieg beleuchtet – aber beileibe nicht nur die Opferrolle. Dabei wird auch weitgehend Unbekanntes zu Tage gefördert, etwa dass es eine rumänische Kriegsheldin namens Ecaterina Teodoroiu (1894–1917) gab, die durchsetzte, als erste Frau an der Front kämpfen zu können und sich als Unteroffizierin bewährte. Mit 23 Jahren fiel sie bei der Verteidigung der Stadt Târgu Jiu, wo man ihr auch ein Denkmal setzte. Gleich zwei Filme, einer von 1931 und einer von 1978, beleuchten ihr außergewöhnliches Leben. Auch die Reihe „100 Years“ hat mit dem Kriegsende und der Neuordnung Europas zu tun und bringt hochkarätige Filme, die sich mit entscheidenden historischen Abschnitten der CEE-Staaten befassen. Mit The Shop on Main Street (1965) steht der nach allgemeinem Dafürhalten beste tschechoslowakische Film auf dem Programm. Ján Kadár und Elmar Klos beobachten darin das Leben in einer Kleinstadt im von den Nazis errichteten slowakischen Marionettenstaat der vierziger Jahre und den Versuch eines Mannes, inmitten des allgemeinen Opportunismus Zivilcourage zu zeigen. 1966 wurde The Shop on Main Street mit dem Oscar als bester fremdsprachiger Film ausgezeichnet. Vom Polen der Stalin-Ära in den frühen Fünfzigern berichtet Ryszard Bugajskis Interrogation (1982), in dem eine junge Frau sich einem peinigenden Verhör durch die Staatsgewalt ausgesetzt sieht. Der Film blieb in Polen sieben Jahre lang verboten; nach seiner Erstaufführung 1989 wurde er gefeiert und Krystyna Jand beim Festival in Cannes mit der Goldenen Palme als beste Darstellerin ausgezeichnet. Apropos Gedenken: Im Schulfilmprogramm des Festivals läuft ein außergewöhnlicher Kompilations-Dokumentarfilm, dessen Titel Occupation 1968 schon alles sagt: Es geht um die Besetzung der Tschechoslowakei durch Soldaten aus fünf „Bruderländern“. Aus eben diesen fünf Ländern gibt es nun jeweils einen Beitrag zum 50. Jahrestag – besonders berührend ist der russische, in dem ehemalige Okkupanten, diesmal friedlich, nach Prag reisen und die Ereignisse des Sommers 1968 Revue passieren lassen. Ungarische Ex-Soldaten wiederum erinnern sich daran, dass man ihnen nicht einmal sagte, wohin sie eigentlich geschickt würden.

Gegenwart
Dass Zentral- und Osteuropa in der nicht so erfreulichen Gegenwart angekommen sind, steht außer Frage. Nationalismus, Abschottungspolitik und Rechtsruck werden auch in den Let’s-CEE-Filmen thematisiert. In einem gewagten dokumentarischen Experiment hat sich der tschechische Regisseur Vít Klusák darauf eingelassen, einem bekennenden Neonazi und seiner nicht minder verpeilten Umgebung ein Forum zu bieten: The White World According to Daliborek ist das erschreckende und, ja, tragikomische Porträt eines Mannes, der alles und jeden hasst, aber am meisten wohl sein eigenes Leben in einer mährischen Kleinstadt. Er lebt, wiewohl bald 40, bei seiner Mutter, von der er sich nicht trennen kann. Ähnlich Unerfreuliches zeigt When the War Comes: Jan Gebert zeichnet das auch hier oft unfreiwillig komische, aber leider sehr reale Bild der Slovenskí Branci, der „Slowakischen Rekruten“, einer vom 18-jährigen Peter und ein paar Gleichgesinnten gegründeten paramilitärischen Organisation, die für den slowakischen Staat, für „Linke“ und „Liberale“ nur Verachtung übrig hat und sich für den „Ernstfall“, was immer das sein mag, fit macht. Mit einem düsteren Kapitel der bulgarischen Geschichte beschäftigen sich unter dem vielsagenden Titel The Beast Is Still Alive Mina Mileva und Vesela Kazakova, und zwar mit der Unterdrückung antikommunistischer Widerstandsgruppen nach dem Zweiten Weltkrieg. Mit Hilfe animierter Sequenzen und von Zeitraffer-Aufnahmen tritt eine junge Frau in einen fiktionalen Dialog mit ihrem verstorbenen Großvater, der von der rücksichtslosen Verfolgung durch die Geheimpolizei betroffen war – wenig überraschend waren einige dieser Agenten auch nach der Wende immer noch oder erneut in hohen Ämtern zu finden. Stichwort Bulgarien: Nach dem viel beachteten „rumänischen Filmwunder“ der letzten Jahre schickt sich nun das Nachbarland an, eine fixe Größe im europäischen Filmschaffen zu werden. Nicht nur, dass mit Glory zum ersten Mal seit langer Zeit ein bulgarischer Film den Sprung in die deutschsprachigen Kinos schafft (mehr darüber in der Mai-Ausgabe von „ray“), auch bei Let’s CEE sind einige bemerkenswerte bulgarische Spielfilme zu sehen. Herausragend dabei ist Directions von Stephan Komandarev. Ein Kleinunternehmer, der nebenbei Taxi fährt, um seiner Tochter eine gute Ausbildung zu ermöglichen, tötet in einer Mischung aus Wut und Verzweiflung den Bankangestellten, der ihm mitteilt, dass er zur Erlangung eines Kredits ein höheres Schmiergeld zahlen müsse. Danach schießt er sich selbst eine Kugel in den Kopf, überlebt aber schwer verletzt. Die Tat löst Bestürzung und heftige Diskussionen über den Zustand einer Gesellschaft aus, in der die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinanderklafft. Diese Debatten hören wir großteils aus den Radios in Taxis, die in Sofia durch die Nacht fahren, oder von den Fahrgästen. Der Regisseur zeichnet ein düsteres Bild Bulgariens. In Heights, einem der größten nationalen Kassenerfolge der letzten Jahre, geht es um den Unabhängigkeitskampf des Landes gegen die türkische Herrschaft in den 1870er Jahren, und in Radiogram, einem „Film über die Freiheit und die Macht der Musik“, schildert die junge Regisseurin Rusie Hassanowa eine Begebenheit aus dem Jahr 1971, als ein Vater 100 Kilometer zu Fuß zurücklegt, um in der Stadt ein Radio für seinen Sohn zu kaufen, der dem Rock’n’Roll verfallen ist – es handelt sich bei den beiden, so die Filmemacherin, um ihren Großvater und ihren Vater. In der Nähe von Sofia liegen die ehemaligen staatlichen Filmstudios, die 2006 von Nu Image/Millennium Films, der Firma des Hollywood-Produzenten Avi Lerner, aufgekauft und komplett restrukturiert wurden. Sie gehören heute unter dem Namen Nu Boyana zu den bestausgestatteten und meistfrequentierten Studios Europas. Nicht nur Hollywood-Produktionen aller Art und Größenordnung sind hier zu Gast. Lerners Sohn Yariv ist Direktor von Nu Boyana und wird in Wien im Rahmen einer Masterclass die Studios vorstellen. Aber nicht nur das: Er wird auch zwei neuere Produktionen mitbringen, die teilweise in Sofia entstanden: den Boxerfilm Chuck über Chuck Wepner, der 1975 tapfer gegen Muhammad Ali kämpfte, und das Action-Drama Bullet Head mit spektakulärer Besetzung: Adrien Brody, Antonio Banderas und John Malkovich. Yariv Lerner stiftet auch einen prominenten Preis bei Let’s CEE: Neben einem Cash-Preis werden 50.000 Euro in Form von Produktionsbudget in den Nu Boyana Studios vergeben. Zusätzlich zu zahlreichen weiteren Preisen für das aktuelle Filmschaffen werden auch zwei Lifetime Achievement Awards vergeben: an die ukrainische Regisseurin Kira Muratowa, deren noch in der Sowjetunion entstandenes Meisterwerk The Asthenic Syndrome (1989) ebenso zu sehen ist wie Aurora Borealis, der neue Film der 86-jährigen ungarischen Pionierin Márta Mészáros, die ebenfalls den Preis für ihr Lebenswerk erhält.

www.letsceefilmfestival.com



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