Marcel Odenbach: Beweis zu nichts

Mit „Beweis zu nichts“ bietet die Kunsthalle Wien erstmals in Österreich einen umfassenden Einblick in das Werk Marcel Odenbachs. Ein Gespräch mit der Kuratorin Vanessa Joan Müller über die Konzeption einer Ausstellung, die auch darüber Aufschluss gibt, wie viel die Collagen des Künstlers mit filmischen Verfahren zu tun haben.

 

Bevor wir zur Ausstellung von Marcel Odenbach übergehen, eine Frage zu Ihrer Stellung im Hause. Sie leiten die Abteilung Dramaturgie, was darf man sich darunter in einem Ausstellungshaus vorstellen?

Das ist in der Tat ein Novum in einer Institution für zeitgenössische Kunst. Als Nicolaus Schafhausen Direktor der Kunsthalle Wien wurde, fragte er mich zuerst, ob ich einen kuratorischen Posten einnehmen wolle. Dann allerdings überlegten wir gemeinsam, ob es vielleicht sinnvoll wäre, ähnlich wie im Theater eine Abteilung für Dramaturgie einzuführen, die wie auch im Theater die verschiedenen Abteilungen miteinander verknüpft. Das bedeutet, ich arbeite eng mit den Kuratoren zusammen, mit der Direktion, wie auch mit der Presse- und Marketingabteilung. Ich bin ein bisschen die Figur im Hintergrund, die sich auch um diskursive Fragestellungen kümmert. Als solche bin ich für die Publikationen, Booklets, Wandtexte etc. zuständig, begleite das Programm des Hauses auf einer sozusagen Metaebene und schauen, wie die Dinge sich langfristig miteinander zu einer Gesamtprogrammatik verknüpfen lassen.

In der Ausstellung Marcel Odenbach, „Beweis zu nichts“, werden neben fünf Videoarbeiten sechs teilweise große Collagen zu zwei unterschiedlichen Themenbereichen gezeigt. Erfolgt die Auswahl der Arbeiten gemeinsam mit dem Künstler?

Als wir ihn eingeladen haben, hat Marcel Odenbach den Vorschlag gemacht, einen neuen Film zu realisieren, dessen Idee er bereits länger verfolgte. Das ist „Beweis zu nichts“, der auch der Ausstellung den Titel gibt und verschiedene Momente einer längerfristigen Beschäftigung mit der Topologie des Mahnmahls aufweist, die sich wie ein roter Faden durch das Werk des Künstlers zieht. Im Falle von „Beweis zu nichts“ ist es die Figur Bertolt Brechts, die für Odenbach immer schon wichtig war, und jene Ingeborg Bachmanns, die er besonders als Lyrikerin schätzt. Brecht korrigiert das Gedicht Bachmanns, weil er sich wohl an der Offenheit stört, ebenso entwirft er gemeinsam mit Fritz Cremer das Mahnmal der Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald. Diese Elemente finden sich im jüngsten Film wieder. Aus heutiger Sicht wirkt das Mahnmal merkwürdig, denn es ist quasi die Umcodierung eines Mahnmals zur zentralen Gedenkstätte der DDR mit einer sehr ideologisch aufgeladenen Form des Gedenkens.

Der Film ist das Kernstück der Ausstellung. Von hier aus haben wir angefangen mit den Überlegungen, was dazu passt. Mit „Im Kreise drehen“, der filmischen Beschäftigung mit dem Mahnmal im polnischen Konzentrationslager Majdanek, zeigen wir sozusagen einen Zwilling. Das zweite Thema neben der Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit ist die Kolonialgeschichte. Beide haben ja durchaus etwas miteinander zu tun. Hier hatte ich mir bereits früh überlegt, die Collage „Durchblicke“ zu zeigen. Es handelt sich dabei um einen dichten Dschungel ohne Durchblick. Erst aus der Nähe sieht man, dass das Werk zusammengefügt ist aus Zeitschriften und Zeitungen und gleichsam gezoomt die Geschichte Afrikas wiederspiegelt. Es war mir bei dieser ersten größeren Ausstellung von Odenbach in Österreich wichtig zu zeigen, wie sehr bei diesen Papierarbeiten filmische Verfahren angewandt werden.

Folgt die Inszenierung der Ausstellung einem bestimmten Storyboard, gibt es eine bestimmten Parcours, mittels dem man den Besucher lenkt?

Wir haben uns gemeinsam mit dem Künstler überlegt, welcher Dramaturgie wir folgen könnten und fangen zu Beginn beinah didaktisch mit einer Collage an, die die Brecht/Bachmann-Thematik aufnimmt. Rechterhand wird man dann mit der Collage „Durchblicke“ in die weitere Ausstellung gezogen. Ansonsten haben wir zwischen den Arbeiten Dialoge geschaffen. Doch sollte es auch die Möglichkeit geben, sich die Präsentation von mehreren Seiten zu erschließen. Das passt auch zur künstlerischen Herangehensweise Odenbachs. Der Raum im Obergeschoß der Kunsthalle Wien ist ja sehr groß und leer, was bedeutet, dass wir immer temporäre Strukturen schaffen müssen, was wiederum viele Möglichkeiten der Präsentation eröffnet. Es ist eine große Qualität der Arbeiten Odenbachs, dass sie sich – wie ich oftmals erleben durfte – den architektonischen Gegebenheiten anpassen und sowohl als kleine Projektion als auch im gigantischen Kino-Format funktionieren. Diesmal haben wir für die konzentrierte Sichtweise zum Teil Boxen gebaut, zum Teil kleinere Projektionen eingerichtet. Die Arbeit „Im Schiffbruch nicht schwimmen können“ wird groß projiziert, mit einer Bank davor. So kann der Betrachter den Betrachtern im Film beim Betrachten von Géricaults „Floß der Medusa“ zusehen.

In der Ausstellung von Marcel Odenbach beträgt die Abspieldauer der Filme in Summe rund 1 ¼ Stunden, eine Zeit, die sich jeder interessierte Besucher gerne nimmt. Gibt es generell in Ihrer kuratorischen Praxis eine Grenze, wo man sagt, das wird dem Besucher zu viel?

Als Kuratorin stehe ich natürlich immer auf der Seite der Künstlerin, des Künstlers. Wenn ich mir die Ausstellung von Babette Mangolte, die wir zurzeit zeigen (www.kunsthallewien.at/#/de/ausstellungen/babette-mangolte-i-eye), ansehe, die ganz bewusst mit der Unmöglichkeit spielt, alles sehen zu können, finde ich das unter choreografischen Aspekten völlig legitim. Mit Odenbach haben wir gemeinsam überlegt, wie man eine Ausstellung programmieren kann, die einiges zu sehen bietet und dennoch zu bewältigen ist; wo man das Gefühl hat, die Leute werden die Filme mehr oder weniger in voller Länge ansehen. Das hängt aber auch damit zusammen, ob es eine inhaltliche Verbindung gibt. In diesem Falle, so wie sich die einzelnen Arbeiten ergänzen, ist es ja eine thematische Ausstellung. Bei Ausstellungen mit retrospektivem Charakter, wie jener von Josef Dabernig im mumok vor zwei Jahren, finde ich es angemessen, wenn zum Teil ausufernde Gesamtlängen erreicht werden. Es macht ja auch Spaß, solche Ausstellungen mehrmals zu besuchen und sich nach und nach ein ganzes filmisches Œuvre anzueignen. Schwieriger wird es bei Großausstelllungen wie der Documenta, wo man von Anfang an weiß, dass man nicht alles sehen kann. Da fragt sich dann die strenge Kuratorin in mir, ob es ums Konsumieren geht oder um das sich Erschließen eines Werkes.

 



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Interview ~ Daniela Gregori

Marcel Odenbach, geboren 1953 in Köln, studierte Architektur, Kunstgeschichte und Semiotik in Aachen. Seit 1976 arbeitet der Künstler in seinen Performances, Installationen und Tapes mit Video. Nach Professuren an der Hochschule für Gestaltung Karlsruhe und an der Kunsthochschule für Medien Köln lehrt er seit 2010 an der Düsseldorfer Akademie.

Ausstellung: 5. Februar bis 20. April 2017

www.kunsthallewien.at

 



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