Mein Leben als Zucchini / Ma Vie de courgette

Modernes Märchen über Kameradschaft und kindliches Liebesbedürfnis

 

Sie sind etwa 30 Zentimeter groß, haben grellfarbene Haare aus Latexschaum, riesige Kunstharz-Rundköpfe und Kulleraugen wie Pingpong-Bälle mit aufgeklebten Pupillen, ihr Skelett ist aus Metall, und die Gliedmaßen sind aus Silikon. Trotz der stark stilisierten Gestaltung haben die Puppen in Ma Vie de courgette eine zutiefst menschliche Ausstrahlung, man empfindet Mitgefühl und hat sie am Ende richtig liebgewonnen – diese zauberhafte Wirkung ist vor allem der Kunst der Stop-Motion-Animatoren, den Synchronsprechern und dem Drehbuch von Céline Sciamma zu verdanken, die selber eine erfolgreiche Filmemacherin ist.

Das Handlungsgeschehen ist manchmal hochkomisch, oft rührend, aber nie rührselig und weniger drastisch als in der Romanvorlage von Gilles Paris. Es ist in mehrerlei Hinsicht ungewöhnlich: Ein Kinderheim erscheint hier als gemütlicher Hort der Geborgenheit, und ein Polizist ist die mit Abstand netteste Person im Film.

Charakterisiert werden die Figuren nicht nur durch Worte, Gesten und Taten, auch die Kleidung und andere Details verraten etwas über ihre Persönlichkeit. Die zehnjährige Camille beispielsweise liest „Die Verwandlung“ von Franz Kafka. Emotionen werden vor allem über die Augen und Münder vermittelt, sie geben auch Aufschluss über das Seelenleben der Kinder. Die blauhaarige Hauptfigur mit dem Spitznamen Zucchini ist ein neunjähriger Bub, der unabsichtlich den Tod seiner alkoholsüchtigen Mutter verursacht hat – im Film stürzt sie eine Treppe hinab, im Buch erschießt ihr Sohn sie – und ins Kinderheim kommt (der Vater hatte die Familie schon früher im Stich gelassen). Dort trifft er auf sechs andere Kinder, die ebenfalls leidvolle Erfahrungen im Elternhaus gemacht haben. Die verstörte Alice beispielsweise war von ihrem Vater sexuell missbraucht worden. Simons Eltern sind drogenabhängig, der Bengel mit der Hahnenkamm-ähnlichen roten Haartolle spielt sich frech als Boss in der Kindergruppe auf und schikaniert Zucchini zunächst, bis der ihn im Kampf besiegt und so Respekt gewinnt.

Die Kinder stehen an der Schwelle zu Pubertät, und da ist häufig die Rede von explodierenden Schniedeln, zwischen Zucchini und der kessen Camille entwickeln sich zarte Liebesbande. Mit schlicht, aber detailliert gestalteten Szenenbildern, stimmungsvoller Beleuchtung und unterstützt von einem schönen Soundtrack gewinnt der Film einen märchenhaften visuellen Charme, propagiert werden Mitgefühl, Hilfsbereitschaft und Toleranz. So kann es nicht verwundern, dass Ma Vie de courgette es als „bester nicht-englischsprachiger Film“ auf die Nominiertenliste der Golden Globes schaffte – für einen Animationsfilm eine ausgesprochene Seltenheit.

 

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Animation, Frankreich/Schweiz 2016


Regie Claude Barras
Drehbuch Céline Sciamma

Kamera David Toutevoix
Schnitt Valentin Rotelli

Musik Sophie Hunger
Production Design Ludovic Chemarin
Verleih Thimfilm, 66 Minuten
Kinostart 16. Februar



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