Ein merkwürdiger Deutscher

Ein Schatz wurde gehoben: „Monty Python's Fliegender Zirkus“ in zwei deutschsprachigen Spezialfolgen auf DVD bei Pidaxfilm

 

1971: Das 500. Geburtsjahr von Albrecht Dürer, in dem in Erwartung der Olympischen Spiele der Fackelläufer schon unterwegs ist von Athen nach München. Und wenn auch die Milchleistung der Gynäkologen zu wünschen übrig lässt, und wenn auch die deutsche Auswahl im Rückspiel gegen die griechischen Philosophen unglücklich mit 0:1 verlor: Immerhin willigte die NASA ein, bei unbemannten Raumschiffen mit Start im Landkreis Füssen den Einsatz chemischer Treibstoffe zu begrenzen. In der bayrischen Gastronomie feiern die originalen Traditionen von Schuhplattler bis Zumfensterrauswerfen fröhliche Urständ. Und es gibt Hühnerfunde zu melden aus den Minen des Voralpenlandes (oder ist es Nord-Dakota?)

1971: Die fröhlichen Jungs von der Monty-Python-Truppe sind gerade mit der zweiten Staffel des Flying Circus beschäftigt, als ein merkwürdiger Deutscher auftaucht: Alfred Biolek. Der nachmalige Talk- und Kochshowstar ist auf diese bis heute beste Comedy-Truppe aufmerksam geworden – bemerkenswert früh: Noch vor dem Sketchfilm And Now For Something Completely Different, der den amerikanischen Markt öffnen sollte, konnte Biolek die Pythons dazu überreden, nach München zu reisen. Zunächst skeptisch, ließen sie sich auf das Experiment ein, schrieben und drehten zwei Specials für den WDR, in Koproduktion mit dem ORF, gedreht in Bayern. Und nur der Holzfällersong wurde, eingedeutscht, vom Flying Circus übernommen, ansonsten produzierten sie fast 90 Minuten Originalmaterial. Davon eine knappe Dreiviertelstunde auf deutsch.

Ja, auf deutsch: In „Blödeln für Deutschland“ sprechen Graham Chapman, John Cleese, Eric Idle, Terry Jones und Michael Palin ihr Material in phonetischem Deutsch, mit teils haarsträubendem Akzent; Animationskünstler Terry Gilliam wird in personam erst im zweiten Special auftauchen. In dieser zweiten Folge, „Blödeln auf die feine englische Art“, wurde wieder englisch gesprochen und in herkömmlicher Art synchronisiert; das kommt zwar mitunter dem Timing der Darsteller zugute, es fällt allerdings auch einiges an Charme weg.

Zwei deutsche Python-Folgen: Dieses Unikum der Komikgeschichte brachte einige der lustigsten Sketche der Pythons hervor – in ihre Live-Auftritten bauten sie stets Szenen der 27. Blödel-Olympiade ein oder das Philosophen-Fußballspiel. Wir lernen viel über Dürer, sein Leben und seine Zeit – auch in einem Lied von Anita Ekberg  (bzw. einem Mann, der hinter Anita Ekberg hockt), und selbst das im Dienste der CIA in Arabien weilende Rotkäppchen kriegt‘s mit ihm zu tun. Der Wilde Westen beginnt gleich bei der Isar mit dem Mäusezüchter Frank Tut-ench-Amun und seinen Mausboys, und mit Rotkäppchen und der Geschichte um Prinzessin Mitzi im Happy Valley gibt es gleich zwei urdeutsche Märchen in neuem Gewande.

Während im Angelsächsischen – beispielsweise durch die Python-Liveauftritte – zumindest die Existenz der deutschen Episoden bekannt ist und die Specials auch auf Kompilations-DVDs veröffentlicht sind, führten die beiden Folgen im deutschsprachigen Raum weitgehend ein Schattendasein. Da trifft es sich gut, dass es für die einzelnen Python-Mitglieder auch Karrieren danach gab: Als Terry Gilliam 2006 auf dem Filmfest München Tideland vorstellte, bekam er mit, dass es keine deutsche Flying Circus-DVD-Box gab; wenige Monate später war sie raus. Und als er in diesem Jahr mit The Man Who Killed Don Quichote nach München zurückkehrte, wurde ihm zugetragen, dass ausgerechnet die deutschen Folgen bisher keine deutschsprachige Veröffentlichung erleben durften.

Das wurde nun flugs geändert – und zwar vollständig, da es unterschiedliche Schnittfassungen zwischen den deutschen und internationalen Versionen gab. Im Januar und im Dezember 1972 im deutschen Fernsehen ausgestrahlt, seither sträflich selten wiederholt, gibt es nun endlich keine Ausrede mehr dafür, diese grandiose britisch-deutsche Komik-Koproduktion nicht zu kennen.

 



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Monty Python's Fliegender Zirkus (BRD, Ö, GB 1971/72)


Von und mit Graham Chapman, John Cleese, Eric Idle, Terry Jones, Michael Palin; Terry Gilliam (Animationen)
Bildformat PAL 4:3
Tonformat Dolby Digital 2.0
Sprachen Deutsch, Englisch
Bonus Gekürzter Märchensketch, zwei zusätzliche Szenen der deutschen Fassung
Länge 85 Minuten
PIDAX Film

 



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