Murer – Anatomie eines Prozesses

Aus einem österreichischen Leben

 

Als 1963 in Graz der Prozess gegen Franz Murer eröffnet wurde, schien die Gerechtigkeit endlich doch noch ihren Lauf zu nehmen, stand doch mit dem Angeklagten ein besonders berüchtigter Scherge des NS-Regimes vor Gericht. Der 1912 in der Steiermark geborene Murer trat nach dem Anschluss Österreichs an Hitler-Deutschland umgehend der NSDAP bei und absolvierte eine Schulung in der Ordensburg Krössinsee, einem Ausbildungszentrum für zukünftige NS-Kader. Von 1941 bis 1943 war Franz Murer stellvertretender Gebietskommissar von Vilnius (damals Wilna), dabei fungierte er auch als „Referent für jüdische Fragen“, wie es im Jargon dieser Zeit hieß. „Murer war der Mann, der die Hauptverantwortung trug für die Ausrottung der Juden von Wilna. Vor dem Krieg hatten 80.000 Juden in der Hauptstadt von Litauen gelebt. Genau 250 waren noch am Leben, als es mit der Herrschaft der Nazis zu Ende ging“, schrieb Simon Wiesenthal 1967 in einem Artikel für den „Spiegel“. Schon während des Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozesses 1946 wurde in Zeugenaussagen mehrfach darauf hingewiesen, welche Rolle Franz Murer gespielt hatte. Wegen seiner besonders brutalen Vorgangsweise und seines zur Schau getragenen Sadismus war Murer bei den Insassen des Ghettos als „Schlächter von Wilna“ berüchtigt.

Dessen ungeachtet lebte Murer in den ersten Jahren nach Kriegsende unbehelligt auf seinem Bauernhof im steirischen Gaishorn. Ende 1947 wurde er doch verhaftet, an die Alliierten überstellt und in der Sowjetunion zu 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt. Doch bereits 1955 kehrte Murer nach Österreich zurück, im Zuge des Staatsvertrages wurden nämlich neben allen Kriegsgefangenen auch etliche Kriegsverbrecher zurück in ihre österreichische Heimat verbracht. Den Verbrechern sollte laut Abkommen zwar vor einem heimischen Gericht der Prozess gemacht werden, doch damit hatte es die junge Republik nicht eilig. Franz Murer bezog erneut sein Anwesen in Gaishorn, wurde Mitglied der ÖVP, Obmann der Bezirksbauernkammer Liezen und galt als hoch angesehenes Gemeindemitglied.
Es bedurfte schon des unermüdlichen Wirkens engagierter Menschen wie Simon Wiesenthal, bis die österreichische Justiz Anfang der sechziger Jahre endlich aktiv wurde. Soweit die Vorgeschichte, deren Eckdaten man sich ins Gedächtnis rufen muss, um die Vorgänge im Verfahren gegen Franz Murer richtig einordnen zu können.

Der Beginn dieses Prozesses markiert auch den Anfang von Christian Froschs Murer. Kernstück sind dabei Gerichtssaalsequenzen, in der Froschs Inszenierung, basierend auf originalen Protokollen, den Verlauf der Verhandlung nachzeichnet. Insbesondere Zeugenaussagen der Opfer, der wenigen Überlebenden des Ghettos, werden mit dokudramatischer Genauigkeit in den Fokus gerückt. Die formal betont spröde gehaltene visuelle Ebene dieser Szenen verstärkt die Ungeheuerlichkeiten, die dabei enthüllt werden und die verbrecherische Einmaligkeit des Holocaust deutlich machen. Aussagen, die enthüllen, dass Franz Murer zur Kategorie der Überzeugungstäter zählte, der die Mordmaschinerie mit Eifer betrieb. Nichtige Anlässe, wie der Versuch, ein Stück Brot ins Ghetto zu schmuggeln, waren für Murer Anlass genug, höchstpersönlich zu morden. Bei besagtem Prozess in Graz war Murer dann auch „nur“ wegen eigenhändigen Mordes in 17 Fällen angeklagt. Die Szenen im Gerichtsaal, die Christian Frosch dezidiert nüchtern inszeniert, und das Verhalten der Protagonisten werden über den Fall hinaus auch zum Spiegel für den Umgang Österreichs mit seiner NS-Vergangenheit. Das Spektrum reicht vom Leugnen, Relativieren, Verdrängen bis hin zur Flucht in die sattsam bekannte Ausrede – Murers Verteidiger wird diese in seinem Schlussplädoyer ausführlich strapazieren –, Österreich sei ja das erste Opfer der Nazis gewesen. All das macht Murer auch dank eines hervorragend und unprätenziös agierenden Ensembles, das mit 73 Sprechrollen – darunter Karl Markovics in der Rolle Simon Wiesenthals – bis in kleine Nebenrollen exzellent gecastet ist, deutlich. Karl Fischer spielt Franz Murer mit ruhiger, streckenweise Schauer einflößender Intensität als einen Täter, der sich vor Gericht als harmloser Biedermann geriert, der – überspitzt formuliert – gerade noch weiß, dass der Zweite Weltkrieg überhaupt stattgefunden hat. Ein Umgang mit der Vergangenheit, der durch das vorherrschende gesellschaftliche und politische Klima im Österreich dieser Tage zusätzlich befeuert wurde. In jenen Erzählsträngen, die außerhalb des Prozesses angesiedelt sind, verweist Murer darauf, dass seine mögliche Verurteilung nicht nur in weiten Teilen der Bevölkerung, sondern auch in politischen Eliten auf teils vehemente Ablehnung stieß. Angesichts der Methoden und des Tonfalls, mit denen gegen das Verfahren agitiert wurde, und des Urteils gegen Franz Murer wundert man sich immer wieder, was in diesem Land schon alles möglich war. Murer – Anatomie eines Prozesses ruft mit nüchterner Genauigkeit ein Stück österreichischer Zeitgeschichte hervor, das – sehr zurückhaltend formuliert – alles andere als ein Ruhmesblatt für diese Republik war. Ein Fokus zum genau richtigen Zeitpunkt, denn jener Ungeist, der sich im Verlauf des Prozesses manifestierte, ist offensichtlich immer noch nicht verschwunden, wenn man sich den unmenschlichen Primitivismus bestimmter Liederbücher vergegenwärtigt. Man sollte sich also gerade den Fall Franz Murer sehr genau anschauen.

 

 

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Murer – Anatomie eines Prozesses


Drama, Österreich/Luxemburg 2018
Regie, Drehbuch Christian Frosch 
Kamera Frank Amann 
Schnitt Karin Hammer 
Szenenbild Katharina Wöppermann 
Kostüm Alfred Mayerhofer
Mit Karl Fischer, Alexander E. Fennon, Roland Jaeger, Karl Markovics, Gerhard Liebmann, Rainer Wöss, Klaus Rott, Inge Maux, Franz Buchrieser
Verleih Filmladen, 137 Minuten
Kinostart 16. März

 



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