Paradies / Ray

Der in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnete und für den Oscar nominierte Film des großen russischen Regisseurs Andrei Konchalovsky kommt ins Kino.

 

Andrei Konchalovsky, der im August seinen 80. Geburtstag feiert, gilt in Russland als absoluter „Westler“ und liberaler Intellektueller. Dank seines Talents und seiner Abstammung, er ist selbst ein Abkömmling der russischen Aristokratie, konnte er in der UdSSR eine tolle Filmkarriere machen: eine offizielle ebenso wie eine oppositionelle. Er war in den sechziger Jahren die Schlüsselfigur der neuen Welle und der Ko-Autor des Drehbuch von Andrei Tarkowskijs Andrej Rublew. Konchalovsky arbeitete auch viel am Theater, insbesondere an Anton Tschechow. Dessen „Onkel Wanja“ verfilmte er schon im Jahre 1970. Er war immer ein neugieriger Intellektueller, der durch die Welt reisen wollte und es schließlich tat, und der ständig nach dem Neuen suchte: „Ich bin dem Charakter nach ständig dabei, meine Ansichten, meine Vorstellungen und mein Suchen zu revidieren.“

In der Sowjetzeit wurden circa 60 Prozent aller Filme zum Thema Krieg produziert. Der Holocaust hingegen wurde eher ignoriert und beiseitegelassen. Andrei Konchalovsky wendet sich diesem Thema ganz akribisch zu und sucht in seinem neuen Film nach den Wurzeln des Übels Paradies ist eine Ko-Produktion mit Deutschland. „Die Geschichte, die mich interessiert hat, ist die Geschichte der Anziehungskraft des Bösen. Ich würde kaum einen Film nur über den Holocaust machen. Nach so vielen ernsthaften Filmen, sehr guten, mittelmäßigen und schlechten, ist es gefährlich, sich diesem Thema zu widmen und vielleicht sogar sinnlos. Es wurde schon viel Wichtiges gemacht. Aber dieses Thema vom Gesichtspunkt des Niederganges einer bestimmten Ethik zu betrachten, erschien mir ungewöhnlich, und das war für mich sehr wichtig, weil es heute auch aktuell ist“.  Genauso wie vorher Alexander Sokurov mit seinem Film Francofonia gewann Konchalovsky mit Paradies in Venedig den Goldenen Löwen. In Russland bekam er auch alle wichtigsten Preise, darunter den „Goldenen Adler“, und in Brüssel wurde Konchalovsky mit der Europäischen Medaille für Toleranz ausgezeichnet.

Die Handlung des Films dreht sich um die russische Aristokratin Olga, eine Emigrantin, die zur Pariser Bohème gehört und auch Mitglied des französischen Widerstands ist. Da sie jüdische Kinder in ihrer Wohnung versteckt, kommt sie ins Konzentrationslager. Olga wird von Konchalovskys Ehefrau und Muse Julia Vysotskaja verkörpert. Im Film gibt es zwei andere Protagonisten, den vulgären französischen Kollaborateur Jules und den hochgebildeten deutschen SS-Offizier Helmut. Konchalovsky sagt: „Der Franzose ist das Sinnliche des Menschen, der Deutsche ist sein geistiger Teil, und die Heldin ist, wie es nach Rosanow heißt, duscha – die Seele, sie verbindet diese zwei Stränge“.

Die Entscheidung, den Film in Schwarzweiß zu drehen, begründet Konchalovsky damit, dass es falsch gewesen wäre, ihn in Farbe zu machen: „Kein Film, der bis zum Ende der vierziger Jahre spielt, kann farbig sein. Er muss in Schwarzweiß sein, um die Illusion eines historischen Dokuments zu schaffen. Meiner Meinung nach die ist beste Imitation eines Dokuments, die es in der Filmkunst gibt, Woody Allens Zelig.“

In dem Film gibt es kaum Totalen, die Räume sind ganz hermetisch. Wir sehen die Beichte oder das Verhör der Protagonisten als Close-ups, um tief in ihre Augen schauen zu können. Offensichtlich beichten sie vor Gott, vor dem Tor ins „Paradies“. Konchalovsky: „Die Idee des Paradieses schafft Gnade und Nachsicht für die Vollziehung des absoluten Übels.“ Für den Regisseur ist der Deutsche Helmut „die absolute Erscheinungsform des Übels. Wenn man das Übel anhand eines Fanatikers, eines Sadisten oder eines Paranoikers personifiziert, dann ist alles klar, zu klar. Aber ich wollte in Helmut einen sehr deutschen Charakter schaffen, einen Idealisten, einen kulturellen Menschen, der im Grunde warmherzig und romantisch ist, mit anderen Worten Werther. Ein reiner Mensch, der dem absoluten Bösen dient". Und weiter setzt er fort: „Ein beliebiger Deutscher, selbst wenn er Hegel nicht gelesen hat, versteht sehr gut, dass man die Straße nur bei grünem Licht überqueren darf. Das zeigt eine bestimmte Vorliebe für die Ordnung der Welt. Der Idealismus im Prinzip ist ein Versuch, die absolute Harmonie zu finden, das Chaos zu regeln“. Auch Olga stellt sich die Frage, wie Helmut, der Tschechow liest und Brahms hört, so werden konnte.

Konchalovsky sagt, einen großen Einfluss habe Jonathan Littells Buch „Die Wohlgesinnten“ (französisch „Les Bienveillantes“) auf ihn gehabt. In dem Buch stellt Littell sehr grundlegende Überlegungen zu diesem Thema an und zeigt auf, dass die Mehrheit der Menschen, die diese schrecklichen Verbrechen begangen haben, eigentlich normale Leute waren. Konchalovsky: „Hannah Arendt hat in „Banalität des Bösen“darüber gesprochen. Das ist die Philosophie der Massen, das Herdengefühl.“ Es ist interessant, dass zwei Protagonisten des Filmes Aristokraten sind. Helmut, der völlig von den nationalsozialistischen Ideen überzeugt ist, obwohl er sehr gebildet ist, verliebt sich in Olga und ist bereit, alles zu tun, nur um sie zu retten. Jeder muss eigene Wahl treffen, und die Wahl ist sehr kompliziert. Es geht um nichts weniger als um die Moral.

 

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Drama, Russland/Deutschland 2016
Regie Andrei Konchalovsky
Drehbuch Andrei Konchalovsky, Jelena Kiseleva
Kamera Aleksandar Simonov
Schnitt Sergey Taraskin, Ekaterina Vesheva
Musik Sergey Shustitskiy
Production Design Irina Ochina
Kostüm Dmitriy Andreev, Vladimir Nikiforov
Mit Julia Vysotskaja, Philippe Duqesne, Christian Clauß, Peter Kurth, Jean Denis Römer
Verleih Thimfilm 130 Minuten
Kinostart 27. Juli

 



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