War for the Planet of the Apes

In seiner Rüttelkinoversion versucht der sehenswerte Sommerblockbuster „Planet der Affen: Survival“ den Besucher zum „homo telemoderatus“ zu erziehen. Ein Erfahrungsbericht.

 

Unter den sündteuren Reboots, Comic-Franchises und sonstigen High-Concept-Variationen jüngeren Datums, die in der Regel finanziell auf Sicherheit und formal auf sinnliche Überwältigung setzen, ist die Planet der Affen-Reihe eine sehenswerte Ausnahmeerscheinung: Spannungs-Entertainment verbindet sie mühelos mit liebevoller, detailreicher Figurengestaltung, die Action- und Kampfsequenzen verschalten sich erzähllogisch konsistent mit narrativ nuancierteren Handlungsteilen, und mit ihrem soziopolitisch-moralischen Reflexionsniveau steht die Neuauflage des fünfteiligen Affenmenschenuniversums von 1968-1973 (basierend auf einem Roman von Pierre Boulle) in der aktuellen Sci-Fi-Blockbuster-Landschaft ohnehin ziemlich allein da. Es entbehrt also nicht einer gewissen Ironie, dass Teil drei ausgerechnet dieser Reihe auch zur Vermarktung einer neuen Kino-Technologie genutzt wird, die auf nichts anderes als einen höheren Immersionsgrad des Filmerlebens abzielt, sprich: auf sinnliche Überwältigung.

Bevor wir aber einen Blick in die vermeintliche Zukunft des Kinos werfen, ein Blick zurück. Nicht zurück bis zu den Anfängen des Mediums vor 1900, obwohl das frühe „Kino der Attraktionen“, als Filme noch Jahrmarkt-Sensationen waren, durchaus Parallelen zur heutigen Eventkultur aufweist. Auch nicht zurück in die neunziger Jahre, als z.B. die Universal-Studios in L.A. Besuchern ihres Geländes den Ritt durch ein kleines Egoshooter-Universum anbot, bei dem man zwar nicht selbst schießen konnte, dafür aber kräftig durchgeschüttelt wurde. Und auch nicht zurück ins Jahr 2009, als James Cameron mit dem weltweit bislang einträglichsten Film Avatar der 3D-Technik, und damit der Grundlage aller folgenden Innovationen, nach mehreren gescheiterten analogen Anläufen zum digitalen Durchbruch verhalf.

Schauen wir stattdessen ins Jahr 1972, als der vierte Teil der ursprünglichen Planet der Affen-Reihe ins Kino kam, der Blockbuster modernen Zuschnitts indes noch nicht erfunden war: Conquest of the Planet of the Apes (J. Lee Thompson) spielt im Jahr 1991, die Menschen halten die Affen wie Sklaven, die auf bestimmte Hausarbeiten wie Betten machen oder Getränke servieren „konditioniert“ sind. Als Caesar (damals verkörpert von Roddy McDowall), ein human erzogener, sprechender Schimpanse, erwachsen wird und erkennt, was die inzwischen inhumanen Menschen aus den Affen gemacht haben, schwingt er sich (geschont von einem afroamerikanischen Regierungsmitarbeiter, der weiß, was es heißt, unterdrückt zu werden!) zum Anführer einer Revolte auf.

Wie damals die Affenmasken, welche ein beachtliches Mienenspiel zuließen, gepriesen wurden, wird heute das Motion Capturing Verfahren gepriesen, dessen Ergebnis man entsprechend häufig im Close-up zu sehen bekommt. Mit Hilfe dieses digitalen Bewegungsmodells erarbeiteten die Affendarsteller rund um Andy Serkis, der als Gollum und King Kong berühmt wurde, ihre beeindruckende Mimik und Gestik. Auch daran erkennt man, welche Riesenschritte vor allem in technischer Hinsicht das Kino in den vergangenen 45 Jahren gemacht hat. Die vielfachen Kampf- und Überwältigungsszenen in Conquest of the Planet of the Apes wirken aus heutiger Sicht natürlich extrem unbeholfen inszeniert und schrecklich unrhythmisch montiert – überdies finden sie nicht in der Natur, sondern vor klinisch öder Studiostadtlandschaft statt, ganz im Gegensatz zu den digital avancierten, erfindungs- und fintenreichen Actionsequenzen der zeitgenössischen Reihe.

Im Verlauf des dritten Teils der neuen Saga, nach Dawn of the Planet of the Apes (2014) wieder von Matt Reeves inszeniert, finden sich die Affen erneut in Sklaverei. Sie werden als Zwangsarbeiter gehalten, nur dieses Mal nicht von der menschlichen Gesellschaft im Ganzen, sondern von einem einzelgängerischen Colonel (im Herzen der seelischen Finsternis: Woody Harrelson), der sich für eine Schlacht gegen Seinesgleichen rüstet. Caesar will sich zunächst allein beim Colonel für den Verlust seiner Familie rächen, reist dann aber mit einem kleinen Stoßtrupp zur Rettung der Artgenossen. Im Zuge der geradezu endzeitlichen Odyssee wird in einer zärtlichen Szene ein stummes kleines Mädchen (Amiah Miller) aufgelesen, in einer lustigen anderen ein einsamer mitteilungsbedürftiger Schimpanse (Steve Zahn). Beide nehmen eine jeweils wesentliche Nebenrolle ein – ernst und still die eine, ironisch geschwätzig die andere. Das ist nur ein Beispiel für die Ausgewogenheit dieser universalen Geschichte, die raffiniert zwischen Luft anhalten, Lachen und Weinen, zwischen Denken und Fühlen, zwischen verbaler und Zeichensprache, zwischen Lärm, zurückgenommener Musik (Michael Giacchino) und Stille, zwischen List und Kampf changiert. Es geht hier weniger um Krachwumm als um Mitmenschlichkeit, wobei man dieses Wort am Ende des unweigerlichen finalen Gemetzels durch Mittierlichkeit zu ersetzen geneigt ist.

Dass es im anfangs versteckten, narrativen Kern des Ganzen um ein Virus geht, das die Menschen bedroht, vermag irgendwann einmal vielleicht 6D oder so etwas in den Publikumskörper zu infundieren, doch vorläufig heißt der neue heiße Scheiß 4D. Genauer gesagt: 4DX. Hierzulande virulent wird die sich global rasant ausbreitende Technik nun in einem Saal des Hollywood Megaplex Gasometer. Bis zu 144 Besucherinnen und Besucher pro Vorführung machen dabei zwar keine Raumzeiterfahrung, wie es der Begriff 4D vielleicht suggeriert, doch werden sie immerhin zu bewegten Körpern. Die Körper werden in ihren Sesseln gehoben und gesenkt, hin- und hergeschaukelt, sie werden gekippt oder durchgeschüttelt oder mit Vibrationen versorgt. Fährt die Kamera hoch, neigt sich der Sessel zurück. Senkt sich die Kamera oder zoomt sie an etwas heran, neigt sich der Sessel nach vorn. Detoniert etwas, und selbstverständlich detoniert so einiges in diesem Film, katapultiert einen der Sessel ruckartig hoch.

Angetan sind all diese Eigenschaften der motorgesteuerten Vierersitzbänke dazu, den Zuseher „ins Filmgeschehen einzubinden“, wie es im Pressetext heißt. Tatsächlich aber reißen sie einen aus dem Filmgeschehen regelrecht heraus. Zumindest am Anfang wird es den meisten Besuchern so gehen, und abgesehen von einem gewissen Amusement über die neuartigen Effekte: An so etwas muss man sich wirklich gewöhnen wollen. Wie auch etwa an den Umstand, dass plötzlich Nebelschwaden wie in der Disco einfallen. Oder ein dezenter Sprühnebel einen hautnah daran erinnert, wie nass die Schauspieler bei den Dreharbeiten neben einem Wasserfall wohl geworden sind. Was bei anderen Filmen wohl aus dem zwischen den Beinen montierten Plastikschläuchlein heraus duftet? „Realistische Action-Atmosphäre“, sofern es das überhaupt gibt, entsteht im Zuschauergehirn jedenfalls nicht, wenn im Kinosaal die Windmaschine anläuft oder künstliche Blitze den Saal erhellen.

Die Ausgewogenheit der 4DX-Effekte verhält sich zur erzählerischen Ausgewogenheit des Film diametral – sie pendeln zwischen abenteuerlicher Schlichtheit und schlichter Übertreibung. Dabei werfen sie jede Menge Fragen auf, zum Beispiel: Gibt mir ein Hoppeln des Sessels das Gefühl, dass ich mit Caesar auf dem Pferd sitze? Oder weist es mich im Gegenteil ganz deutlich darauf hin, dass ich eben nicht auf Caesars Pferd, sondern auf einem hoppelnden Sessel sitze? Warum ruckelt der Sessel bei einem Bombeneinschlag im Hintergrund ganz ähnlich wie wenn im Vordergrund ein flüchtender Affe niedergestreckt wird? Wie wirken sich die kleinen, aber merkbaren Synchronisationsprobleme von Ton und Sesselbewegung auf meine Filmerfahrung aus? Wie steif wird mein zuerst angefeuchteter und dann angeblasener Nacken, wenn mich ein gewaltiges Ereignis am Ende aus dem Schütteln gar nicht mehr herauskommen lässt? Hilft es da, einen Schal im Kino zu tragen?

Es ist sehr wahrscheinlich, dass ein empfindlicher Nacken oder auch Rückenschmerzen in der Kernzielgruppe dieser Multiplex-Technologie vereinzelte Randerscheinungen sind. Anders zu beurteilen ist das vielleicht bei einem Familienstraßenfeger wie Cars 3: Evolution, in den auch Kinder und ältere Menschen gehen. Die wesentliche Frage indes stellt sich jeder einzelnen Besucherin, jedem einzelnen Besucher: Mache ich mich kollektiv zum Objekt einer versuchten Fesselung ans Filmgeschehen oder will ich kollektiv einen Film erfahren? Dieser Film, die ganze Planet of the Apes-Trilogie verdient es, gesehen und gehört zu werden. Es muss einem dabei ja nicht gleich Hören und Sehen vergehen.

 

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SciFi, Action, Drama, USA/Kanada/Neuseeland 2017


Regie Matt Reeves
Drehbuch
Mark Bomback, Matt Reeves
Kamera
Michael Seresin
Schnitt
William Hoy, Stan Salfas
Musik
Michael Giacchino
Production Design
James Chinlund
Kostüm
Melissa Bruning
Mit
Andy Serkis, Woody Harrelson, Steve Zahn, Karin Konoval, Amiah Miller, Terry Notary, Ty Olsson
Verleih
Twentieth Century Fox, 106 Minuten
Kinostart
3. August



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