Starke Frauen und Mädchen vor und hinter der Kamera

Das Saarbrücker Max Ophüls-Festival hatte im 38. Jahrgang einen sehr guten Wettbewerb zu bieten

 

Isi ist es leid,  immer  abgewimmelt zu werden, will endlich den Erfolg mit ihren Illustrationen. Wenn es doch nur nicht so schwierig wäre, einen Verlag zu finden. Dummerweise geht ihr auch noch ein Praktikum flöten, als sie sich einer arroganten Verlagschefin ein bisschen aufdrängt. Aber noch mehr schmerzt es, dass der besten WG-Freundin plötzlich mit Mann und Job alles zufällt, was ihr bislang versagt geblieben ist und Isi sich nach einer neuen Bleibe umschauen muss.

Es ist der Regisseurin Helene Hufnagel anzumerken, dass ihr die Schwierigkeiten, von denen sie in ihrem Erstling Einmal bitte alles erzählt, vertraut sind. Ein reines Lamento ist dies jedoch mitnichten, rafft sich ihre Heldin doch immer wieder auf, sich nicht hängen zu lassen.

Das Saarbrücker Max Ophüls Festival prägte generell in seinem 38. Jahrgang eine unbändige Frauenpower. Und dies ganz gezielt, war es doch der neuen Festivalleiterin Svenja Böttger ein wichtiges Anliegen im Hinblick auf die „großen Festivalplayer“, die vergleichsweise wenige Beiträge von Regisseurinnen zeigen.

Zu dem reichen Arsenal an starken Frauenpersönlichkeiten vor und hinter der Kamera zählte auch die treffliche Schauspielerin Luise Heyer. Eben noch die melancholische Heldin in Hufnagels Film, ist sie in dem mit dem Fritz Raff-Drehbuchpreis etwas überbewerteten Drama Die Reste  meines Lebens eine lebenslustige, schwangere Frau. Und meistert in dieser Rolle emotionale Wechselbäder, in die sie der Protagonist dieser etwas brav inszenierten, konstruiert wirkenden Geschichte hineinreißt, den die Trauerarbeit an dem tragischen frühen Tod seiner ersten schwangeren Frau überfordert.

Für eine Anwärterin auf den Preis für die beste Nachwuchsdarstellerin erscheint Heyer, die im vergangenen Jahr schon mit anspruchsvollen Kinorollen in viel beachteten Produktionen auf sich aufmerksam machte (Fado, Auf einmal) fast schon zu etabliert.

Insofern erscheint es nachvollziehbar, dass er an die noch jüngere Elisabeth Wabitsch ging  und damit an ein noch unbekanntes, apartes Gesicht im österreichischen Kino. Wabitsch ist die zentrale Figur in dem Ensemblefilm Siebzehn, der ebenso verdient mit dem Max Ophüls-Preis die wichtigste Auszeichnung gewann.

Monja Art verortet ihn irgendwo in Niederösterreich, erzählt langsam, subtil, sparsam und mit dokumentarischer Schärfe von Schülern, die, hin- und hergerissen zwischen Sehnsüchten, Hemmnissen, Erwartungen und Enttäuschungen, eigentlich nur ein Thema beschäftigt: Liebe und Sex. Wabitschs Paula verliebt sich in ihre Mitschülerin Charlotte, zeigt aber ihre Gefühle nicht aus Angst, verhöhnt und ausgegrenzt zu werden.

In Wirklichkeit aber nimmt die 17-Jährige mit ihrer zarten Schönheit, ihrer Reife und überdurchschnittlichen schulischen Leistungen alle für sich ein: Der Französischlehrer will sie in besonderer Weise fördern und auf einen Wettbewerb schicken, die Jungs ersehnen sie als Freundin, wissen aber nicht recht, wie sie es anstellen sollen, sie für sich zu interessieren, und auch Charlotte (Anaelle Dézsy) verliebt sich heimlich in Paula, wiewohl ihr deren Gefühle verborgen bleiben. Allein die zügellose Lilli (Alexandra Schmidt), die stark darunter leidet, von den unreifen Jungs ihrer Wahl abgewiesen zu werden, verführt Paula aus schlechter Absicht.

Die Regisseurin kann sich auf ein treffliches Ensemble verlassen, das sich nicht scheut, unverkrampft vor der Kamera Intimität zuzulassen. Es wirkt wie selbstverständlich, wenn sich zwei Mädchen küssen. Vielleicht liegt das daran, dass an den österreichischen Schulen, an denen die Darsteller Abitur gemacht haben, die gleichgeschlechtliche Liebe kein Tabu war, wie sie nach der Premiere sagen.

Von ähnlichen Qualitäten zeugt der Hochschulabschlussfilm der Rumänin Alexandra Balteanu. Wiewohl sie in Berlin studierte, scheint Vanatoare stark beeinflusst von dem rumänischen Kino, das vor zehn Jahren eine neue Welle erlebte.

In einem begrenzten Zeitraum von weniger als 24 Stunden begleitet sie drei Prostituierte aus Bukarest, die an einer Betonbrücke zwischen Dreck, Lärm, Abgasen und streunenden Hunden auf den nächsten Freier warten und anschaffen, bis die Polizei aufkreuzt und sie brutal am Geldverdienen hindert.

Es ist eine bedrückende, berührende, packende, aber schwer verdauliche Geschichte in sehr dunklem Licht. Solche Filme wollen in der Regel nur wenige sehen. Insofern erscheint der Regiepreis des Saarländischen Ministerpräsidenten für diesen Film sehr mutig.

Bleibt zu hoffen, dass die besten Regisseurinnen, die sich in Saabrücken entdecken ließen, in ein paar Jahren auch auf den größten Festivals ankommen.  Nicht wenige Karrieren sind nach dem ersten oder zweiten Film schon verendet.  Aber wenn man so stark an seine künstlerische Bestimmung glaubt wie Isi in Einmal bitte alles und sich in einem männlichen Umfeld tapfer zu behaupten weiß wie selbst die zehnjährige Lea in Joya Thomes wunderbarem, sensiblem Jugendfilm Die Königin von Niendorf kann es eigentlich nur gut gehen.

www.max-ophuels-preis.de

 



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