Listen up, Emil

So leise wie eindringlich macht der sympathische Dokumentarfilm „Seeing Voices“ von Dariusz Kowalski sich für die Inklusion gehörloser Menschen stark.

 

Für gewöhnlich nehme ich in meinen Texten Abstand von der essayhaften Ich-Form. Es ist ohnehin klar, dass filmkritische Texte subjektive Sichtweisen wiedergeben, das bedarf in aller Regel keiner weiteren Hervorhebung. Doch in diesem Fall erscheint mir die subjektive Form nötig, denn ich muss zwei Dinge zugeben. Zum einen habe ich erst kürzlich in einem Text über den fantastischen Film The Shape of Water den Begriff „stumm“ gebraucht. Ich schrieb sogar über das romantische Liebespaar des Films, die beiden seien „stumm wie die Fische“. Dies war als plastische Beschreibung gedacht, denn es handelt sich bei dem Paar um eine Frau, die sich nicht in Lauten artikulieren kann, und eine (erfundene) Art Amphibien-Mann. Und doch war es in gewisser Hinsicht gedankenlos: Eine gehörlose, der Lautsprache nicht oder nur sehr eingeschränkt mächtige Person könnte sich beim Lesen der Passage ärgern. Ein Mensch ist nicht stumm wie ein Fisch, nur weil er sich nicht in gesprochener Sprache ausdrückt. Er oder sie spricht mit Gesicht und Körper, in Mimik und Gestik, durch Zeigen und Zeichen, sprich: in Gebärdensprache.

Zum zweiten war mir nicht bewusst, dass es für gehörlos geborene Kleinkinder zur Sprachidentitätsbildung unabdingbar ist, im Alter zwischen drei und fünf Jahren Gebärdensprache zu lernen. Weil nämlich nur in diesem Alter die Struktur von Sprache problemlos erlernt werden kann, auf der alles Lernen weiterer Sprachen basiert. Vielleicht habe ich das ja einmal gewusst, aber wieder vergessen. Jedenfalls: Wenn dieser wesentliche Baustein, um von den Lebensumständen gehörloser Mitmenschen zumindest eine Ahnung zu bekommen, mir als überdurchschnittlich gebildetem Konsumenten diverser Medieninhalte nicht bewusst war, wie vielen meiner hörenden Mitbürgerinnen und Mitbürger mag er wohl bewusst sein?

In Seeing Voices wird einem jungen Elternpaar von gleich zwei Ärzten ein sogenanntes Cochlea-Implantat für ihr sich in mehreren Tests als gehörlos herausstellendes Baby empfohlen. Das Heikle daran: Beide Eltern, die jeweils als einzige Gehörlose in hörenden Familien aufgewachsen sind, kommunizieren bevorzugt in Gebärdensprache. Und sie haben bereits eine hörende kleine Tochter, die auch Gebärdensprache lernt.

Der Kommunikationsform seiner Protagonisten passt Seeing Voices sich durchdacht an. Zudem ist der Film auch in seinen Hilfsmitteln sehr sorgfältig gestaltet – sozusagen barrierefrei für Gehörlose, wie Ö1 berichtet hat: „durch exakte Untertitelung auch von Vogelgezwitscher, Nähmaschinen- oder Straßengeräuschen“. Probleme bei der Inklusion Gehörloser werden nicht verschwiegen, dennoch ist Seeing Voices von einem optimistischen Grundgefühl getragen. Der Film setzt ganz auf die wundersame Magie einer „fremden“ Sprache, die man bei genauerem Hinsehen (und auf DVD natürlich auch durch Wiederholung einzelner Passagen) zumindest bruchstückhaft verstehen kann. Wir lernen darin ganz unterschiedliche Menschen kennen: Helene Jarmer, die seit 2001 Präsidentin des Österreichischen Gehörlosenbundes ist, kümmert sich gemeinsam mit ihren zwei Assistenten um die Rechte Gehörloser, um verbesserte Bildungsmöglichkeiten und fordert z.B. mehr Gebärdensprachdolmetscher, von denen es in Österreich viel zu wenige gibt. Jarmer war von 2009 bis 2017 Nationalratsabgeordnete der Grünen. Seit ihrem Einzug ins Parlament werden alle TV-Übertragungen aus dem Nationalrat auch in Gebärdensprache angeboten.

Ayse Kocak wiederum ist eine von mehreren Lehrlingen, die der Film bei der Suche nach einer Lehrstelle und schließlich bei ersten praktischen Schritten im Beruf begleitet. Dabei entstehen einige recht amüsante Situationen, in denen Ayse regelmäßig lauthals lacht, es gibt witzige und emotionale Szenen, etwa wenn die Teenager spielerisch (und genderpolitisch erfrischend unkorrekt) ihre Hormone fließen lassen und zarte Kontakte zum anderen Geschlecht knüpfen.

Seeing Voices erinnert an einen österreichischen Kurzfilm, der nach 20 Jahren nichts von seiner Schönheit eingebüßt hat und von dem man sich immer wieder berühren lassen kann: an Ägypten von Kathrin Resetarits, der in nur zehn Minuten so unaufdringlich wie unvergesslich in die „hieroglyphische“ Struktur der Gebärdensprache eingeführt hat. Eine imaginäre Verbindung zu diesem Film schlägt Seeing Voices mit der atemraubenden Szene einer Performance im Rahmen eines Sommerfestes. Da schildert eine junge Frau ihre Geschichte auf einer Bühne, es gibt keine Übersetzung, und doch kriegt man auch als gebärdensprachloser Zuseher eine Vorstellung, wovon sie erzählt. Und ganz am Ende des Films (der nicht zuletzt von der zurückhaltenden Kameraarbeit von Martin Putz und der subtilen Montage von Dieter Pichler geprägt ist) gibt es einen  besonderen Aha-Moment. Da beobachten wir die junge Mutter vom Anfang, die über Sprachidentitätsbildung ihre Diplomarbeit verfasst hat, beim Spielen und Lernen mit ihrem kleinen Emil. Und begreifen plötzlich etwas ganz Grundlegendes.

 



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Dokumentarfilm, Österreich 2016
Konzept & Regie Dariusz Kowalski
Dramaturgie & Schnitt Dieter Pichler
Kamera Martin Putz

www.filmladen.at/film/seeing-voices/

 



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