so leben wir – botschaften an die familie

Gustav Deutsch lädt zu einem Heimkino-Abend der besonderen Art.

 

Als „Experimentalfilm“ wird die jüngste Arbeit des Wiener Multitalents Gustav Deutsch ausgeschildert, doch das sperrige Etikett führt in die Irre. Deutsch selbst erklärt gleich zu Beginn, wie niederschwellig sein Film zu rezipieren sei: „Stellen Sie sich vor, wir sitzen zu Hause, die Leinwand ist aufgestellt, der Projektor ist aufgebaut, und wir schauen gemeinsam Familienfilme.“ Und genau so kommt es dann auch.

Es sind in der Tat Home Movies aus Privatbeständen, aber auch aus den Sammlungen von Filmarchiv und Filmmuseum, die Deutsch hier zu einem Heimkino-Abend der besonderen Art kompiliert hat, für den Privatgebrauch gedrehte Erinnerungsbilder auf 8mm, Super 8 und Digital-Video, filmische Botschaften an meist fern lebende Familienmitglieder, unverstellte Momentaufnahmen aus vergangenen und gegenwärtigen Zeiten.

Doch nicht um Nostalgie geht es dem Regisseur, sondern um Aktuelles, auch wenn das Material meist aus den fünfziger und sechziger Jahren stammt. Strukturiert durch Schwarzblenden und knappe Zwischentitel und untermalt von sparsamen Musikakzenten, entfalten sich hier Musterfälle geglückter Migration. Da ist der Weinhändler aus Pinkafeld, der in Chicago einen gut gehenden Frisiersalon betreibt, da macht ein mittelloser Italiener als Gründer einer florierenden Baufirma in Philadelphia seinen Weg, und da wird ein weiterer Italiener zum Stammvater eines über die Kontinente verzweigten Familienclans. Zusammengehalten werden diese via Amateurfilme dokumentierten Lebensläufe durch jene Reise, die Gustav Deutsch selbst mit einem befreundeten Marokkaner zu dessen heimatlicher Oase Figuig an der Grenze zu Algerien unternimmt.

„Migration ist der Normalfall“, fasst der österreichische Regisseur, der die filmischen Fundstücke fallweise aus dem Off kommentiert, sein Resümee zuletzt selbst zusammen, und in der Tat fügen sich die alltäglichen Impressionen wie von selbst zum Gegenentwurf zu all den tragischen Flüchtlings-Biografien, die die Nachrichtenlage dominieren. Wie vielfältig und bunt sich die weltoffene Botschaft dieses Films präsentiert, belegen die verblüffenden (Bild-)Kontraste, die hier aufeinanderprallen: indische Tempel und eine Winterlandschaft wie von Brueghel, Hochzeiten und Begräbnisse, Privates und Politisches. Wer der oft synthetischen Bilderflut des Mainstream-Kinos müde ist, findet in dieser unprätenziösen, doch präzise gearbeiteten Film-Montage eine lebenssatte Alternative.

 

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so leben wir ​- botschaften an die familie


Experimentalfilm, Österreich 2017
Regie, Schnitt Gustav Deutsch
Musik Christian Fennesz
Verleih sixpack film, 107 Minuten
Kinostart 5. April

 



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