Spider-Man: Homecoming

Big Bang Spider-Man oder (Birdmans Rache)

 

Die Ausgangslage für neue Spider-Man-Filme war alles andere als leicht: Nach Sam Raimis unbeschwerter, weitgehend gut aufgenommener Trilogie mit Toby Maguire (2002–2007) scheiterte Marc Webb mit einem Reboot, in dem Andrew Garfield den Wandkletterer gab. Nach nur zwei Filmen (2012, 2014) war Schluss, da sowohl die Kritiken als auch die Einspielergebnisse hinter den Erwartungen blieben. Auch einem überaus populären Helden – allein 2013 ging Spider-Man-Merchandise im Wert von 1,3 Milliarden Dollar über die Ladentische dieser Welt – darf man nicht zu oft einen Neustart zumuten. Filmstudio Sony, das die Filmrechte an der von Stan Lee und Steve Ditko erschaffenen Figur hält, schloss daher einen Deal mit den Marvel Studios ab, die die Figur in den neunziger Jahren verkauft hatten, und ließ Spider-Man 2016 in Marvels Spektakel Captain America: Civil War auftreten. Sowohl die Kritik als auch die Fans überschlugen sich mit Lob für den Kurzauftritt Spideys, der mit bürgerlichem Namen Peter Parker heißt: Der junge Tom Holland, Jahrgang 1996, legte eine herrlich komische Leistung als Superheld mit wissenschaftlichem Talent und großer Klappe hin. Und auch im ersten Solofilm, den Jon Watts inszeniert hat, überzeugt der junge Brite. Spider-Man: Homecoming ist dabei als Teenagerkomödie im Nerd-Milieu angelegt (die Sitcom The Big Bang Theory hat ihren Teil dazu beigetragen, dass dieses einstmals verlachte Milieu nun als hip gilt), und geht streckenweise durchaus als Update des Jugendkinos von John Hughes durch (ein Ausschnitt aus Ferrys Bueller’s Day Off verweist explizit auf das Schaffen der Eighties-Ikone). Ein guter Weg, der netzschwingenden Figur etwas von der Unschuld zurückzugeben, die sie durch die vielen Iterationen ein Stück weit verloren hatte.

 

Fahraddiebe

Zu Beginn – die Genese des Helden wurde klugerweise übergangen, da eine weitere Origin-Story nur ermüdend gewesen wäre – sehen wir Ausschnitte aus einem Videotagebuch Peter Parkers, das die Ereignisse von Civil War auf humorvolle Weise hinter den Kulissen beleuchtet. Doch die anfängliche Euphorie, im Auftrag von Iron Man Tony Stark (Robert Downey Jr.) an wichtigen Missionen teilzuhaben, wird schnell gedämpft, da sich das High-Tech-Genie nicht mehr meldet. Also versucht der gutherzige Superheld, auf eigene Faust für Gerechtigkeit in New York zu sorgen. Nachdem er in der Nachbarschaft aber hauptsächlich Fahrraddiebe stellt und alten Frauen den Weg zeigt, kommt es ihm gerade recht, dass sich seine Wege mit denen des Bösewichts Vulture (Michael Keaton) kreuzen: Dieser heißt mit bürgerlichem Namen Adrian Toomes und war einst ein Blue-Collar-Arbeiter. Doch nachdem ihm die Regierung einen wichtigen Abrissjob versaut hat, beschloss er, mittels gestohlener Alien-Technologie Raubzüge zu unternehmen, um so für sich, seine Familie und sein Team zu sorgen. Mit einem High-Tech-Anzug, der ihm Flügel verleiht (die Besetzung des früheren Batman-Darstellers Keaton, der für seine Leistung in Iñárritus Birdman Oscar-nominiert war, ist gleich ein doppelter Insider-Gag) plant er schließlich den ganz großen Coup. Menschenleben erscheinen ihm dabei ziemlich sekundär ...

Dass der Film wirklich gut funktioniert, liegt neben dem schon erwähnten Teenager-Aspekt am Humor, den Watts manchmal geradezu Sketch-artig inszeniert: Wenn Spider-Man weite Strecken laufen muss, weil kein Haus in der Nähe ist, an das er seine Netze heften kann, auf die Schnauze fällt, weil er seinen neuen Anzug noch nicht beherrscht oder eine Crashlandung auf einer Poolparty hinlegt, muss man Schmunzeln. Holland trägt die frechen Sprüche dabei mit präzisem komischen Timing und sich überschlagender Stimme vor, überzeugt aber auch, wenn er schüchtern-unbeholfen auf einer Party herumsteht, wissenschaftliche Aufgaben löst oder romantische Momente mit seinem Schwarm Michelle (Zendaya) hat. Schön auch das Zusammenspiel mit seinem besten Freund Ned (Jacob Batalon): Hier werden, etwa beim Bau eines Todessterns aus Lego, Freundschaft und Nerd-Kultur hochgehalten. Der überstrapazierte Spruch „With great power comes great responsibility“ fällt hier nicht, sondern ergibt sich aus der Handlung – wenn Peter die Konsequenzen seines eigenständigen Handelns tragen muss und von Iron Man gerüffelt wird, spielt Holland diesen Konflikt sehr überzeugend. Die Auftritte von Tante May (Marisa Tomei) und Mentor Stark sind stimmig, und die Freundschaft mit Karen, der künstlichen Intelligenz in seinem Anzug, die von Jennifer Connelly gesprochen wird, süß. Keaton, dem das Böse schon immer gut gestanden hat, gelingt das nette Mini-Porträt eines „kleinen Mannes“, der aus Frustration über das Establishment zum Gangster wurde. Zudem gibt es einen netten Plot-Twist, der gegen Ende hin nochmals für Bedrohung sorgt.

Die Action-Szenen sind in Ordnung, aber hier nicht die Hauptsache: Eine Sequenz am Washington Monument ist durchaus packend, während der finale Kampf eher einer Effektorgie gleicht (die 3D-Konvertierung hätte man sich auch sparen können, da sie visuell kaum etwas zum Film beiträgt; den Look des Films kann man als insgesamt solide, aber nicht unbedingt herausragend bezeichnen). Viel interessanter erscheint das College-Milieu, in dem sich Peter und seine Freunde bewegen, dazu ist der Film für Insider mit Anspielungen auf die Comics und das restliche Marvel-Universum vollgepackt (besonders witzig: Fitness-Videos mit Captain America). Es ist, was es ist: Unbeschwertes, eskapistisches Entertainment für die ganze Familie – und die Nerds dieser Welt.

 

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Comicverfilmung, USA 2017


Regie Jon Watts
Drehbuch Jonathan Goldstein, John Francis Daley, Jon Watts, Christopher Ford, Chris McKenna, Erik Sommers
Kamera Salvatore Totino
Schnitt Dan Lebental, Debbie Berman
Musik Michael Giacchino
Production Design Oliver Scholl
Kostüm Louise Frogley
Mit Tom Holland, Robert Downey Jr., Zendaya,
Jon Favreau, Tyne Daly, Donald Glover, Martin Starr,
Marisa Tomei, Michael Keaton

Verleih Sony, 133 Minuten
Kinostart 14. Juli

 

 



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