Kino soll Fragen stellen

Der ukrainische Filmemacher Taras Tkachenko war beim Let’s CEE Filmfestival in Wien zu Gast. Im Interview spricht er über seinen Film „The Nest of the Turtledove“, über den Neorealismus und über Herausforderungen und Probleme des ukrainischen Kinos.

 

Damit die Familie in der Ukraine überlebt, hat Daryna ihre Heimat verlassen und ist zum Hausmädchen der Bourgeoisie von Genua geworden. Dort strahlt die Sonne, daheim im Wald scheint sie wenig. Aber wo ist das richtige Nest für Turteltauben? Wo die Turteltaube ihr Nest hat, dort ist ein Liebesnest. Den Verdacht haben die daheim gebliebenen Männer, wenn sie an ihre Ehefrauen denken, die in der Fremde sind zum Geldverdienen. Von Daryna erzählt der Film. Sie hat ihr Dorf in der Ukraine, ihren Mann, ihr Kind, verlassen, man hatte es so besprochen, um in Italien Geld zu verdienen, als Hausmädchen. So wie vier Millionen andere Frauen, allein aus der Ukraine, auch. Jetzt kehrt sie zurück – und zwar schwanger. Zurück in den düsteren Wald, und eine richtige Dusche gibt es hier auch nicht. Dabei war dort in Italien, in Genua, alles so hell und strahlte im Glanz der südlichen Sonne. Und auch der andere Mann dort war deutlich freundlicher als der eigene. Jetzt freut sie sich, wieder zurück zu sein in der Heimat, aber sie weiß nicht, wie das gehen soll. Ein Zwiespalt, der zur Melancholie führt. Und das ist das Thema dieses Films, der seine Geschichte mit viel Atmosphäre und Stimmung, mit Leidenschaft und Tiefe erzählt. (Michael Kötz)

Taras Tkachenko, geboren 1975, ist ein ukrainischer Regisseur und Drehbuchautor und Vorsitzender der Nationalen Union der Kinematografen der Ukraine. Er studierte an der Schewtschenko-Universität in Kiew Ukrainische Philologie und an der Karpenko-Kary-Universität für Theater, Film und Fernsehen Filmregie. Heute unterrichtet er an dieser Universität Drehbuch. Von 2001 bis 2006 war er Direktor des Dowschenko-Studios. Beim Let’s CEE Filmfestival wurde The Nest of the Turtledove (Gnizdo Gorlytsi, 2015) gezeigt.

 

Wie kamen Sie zum Kino? Sie haben ja vorher Ukrainische Philologie studiert.

Ja, zuerst habe ich Philologie studiert, dann Theaterwissenschaft. Das war meine zweite Ausbildung. Mein erster Spielfilm Die tragische Liebe zu untreuen Nuska (2004) hat viele Preise gewonnen. Damals wurde Film in der Ukraine nicht sehr gut gefördert, und ich wechselte zum Dokumentarfilm. Ich hatte Glück und bin viel mit Wasyl Ilaschtschuk durch die Ukraine und die Welt gereist. Wir haben Filme über die ukrainische Diaspora gedreht. So konnte ich damals die Welt entdecken. Wir waren auf Kamtschatka, in Kolyma, in Südamerika. Das war ein unglaublich interessantes Projekt, das mir eine Vorstellung von der Welt gab. Das war für mich sehr wichtig.

 

Waren das TV Projekte oder Kinofilme?

Ja, es waren sogenannte „Erziehungsfilme“. Dann gab es einen Film für die Reihe „Verliebt in Kiew“. Der Kurzfilm hieß Das Hundeherz und gewann einen Preis beim Odessa Filmfestival. Dann, 2008, habe ich ein TV-Projekt realisiert, Das Recht auf Hoffnung.

 

Ihr neuer Film handelt von der Arbeitsmigration ukrainischer Frauen. Wie haben Sie sich mit dem Thema auseinandergesetzt?

Ich hatte 2006 oder 2007 einen Film über Ukrainer in Italien gemacht. Damals sind wir nach Neapel gefahren und wollten einen Film darüber drehen, wie schwierig es Ukrainer in Italien haben. Es wurde schließlich ein Film darüber, wie Ukrainer eigentlich keinen Ort mehr haben, wohin sie zurückkehren können. Das hat mich sehr beeindruckt, weil es meine Vorstellung über die Arbeitsmigranten verändert hat und über das, was eigentlich im Land passiert. Das lastete lange Zeit auf mir. Das kann man nicht durch Recherche finden, das war ein erlebter Zugang zu der Geschichte.

 

Wie entstand das Drehbuch?

Ein Freund von mir las das Drehbuch und meinte: „Das ist großes Kino, man muss es unbedingt drehen.“ Dann hat mich der Produzent Filippow kontaktiert, ob ich diesen Film machen will. Der Drehbuchautor Wasyl Melnyk ist gestorben, er war über 80 Jahre alt. Seine Enkelin war Arbeitsmigrantin in Polen, und vielleicht hat ihn das zu diesem Thema inspiriert. Eines Tages ist er in einem abgetragenen Mantel aufgetaucht und hat dem Produzenten das Drehbuch in die Hand gedrückt.

 

Es gibt einige Parallelen zu den Filmen des italienischen Neorealismus. Italiener sind auch sehr viel emigriert. Diese Erfahrung ist vielleicht nicht in allen Ländern so stark verbreitet.

Doch, doch. Wir haben den Film in Finnland gezeigt, und ich war erstaunt, dass im Saal mehr Finnen waren als Ukrainer, und sie haben sehr bewegt auf den Film reagiert. Finnland war ein armes Land, und die Menschen fuhren woandershin, um Geld zu verdienen, die finnische Literatur Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts ist voll davon. Die Polen haben mir die gleichen Geschichten erzählt, wie sie zum Arbeiten nach Deutschland fuhren. Italiener erzählten, wie sie nach Großbritannien gingen.

 

In Italien gibt es ja auch eine „interne“ Migration vom Süden in den Norden.

Ja, genau. Einer meiner Produzenten stammt aus Apulien. Er erzählt immer mit so einer Freude über Apulien, und wenn ich ihn frage: Du liebst doch deine Heimat, warum lebst du dort nicht?, antwortet er: Was kann man dort tun, es gibt keine Arbeit. Im Norden Italiens gibt es Industrie, und dort kann man leben. Mexikaner bemühen sich, über die Grenze nach Amerika zu gelangen, so wie die Filipinos und Rumänen nach Italien. Arbeitsmigration ist in der ganzen Welt bekannt. Oder: In Litauen haben wir den Film auch gezeigt. Es gibt vier Millionen Litauer, aber nur zwei Millionen leben dort. Ich fragte: Wo sind die anderen zwei Millionen? Sie sind in den USA. Wenn sie dort nicht wären und nicht Geld in die Heimat schicken würden, würde Litauen nicht überleben.

 

Man sagt, dass in Chicago mehr Polen als in Warschau leben.

Ja, und auch viele Ukrainer. Das Thema Migration ist nicht auf die Ukraine beschränkt. Wir können darüber vielleicht anders erzählen, aber das Thema ist weltumspannend. Ich glaube, es ist es mir gelungen, diesen Film mit den Augen der Hungrigen über Hungrige zu machen.

 

Man könnte Parallelen ziehen zu Giuseppe Tornatores „La Sconosciuta“. Sehen Sie das auch so?

Ja, aber bei Tornatore spürt man, dass die Geschichte erfunden ist. Die Geschichte wurde vom Anfang bis Ende erfunden. Unsere Geschichte ist viel realistischer. Der Film Dirty Pretty Things von Stephen Frears, auch über die illegale Immigration, der hat mich beeindruckt. Der war die Referenz. Sie haben mich über Neorealismus gefragt. Ja, das stimmt, aber diese Analogie wurde mir erst klar, nachdem ich den Film gedreht und geschnitten hatte.

 

Trotz seiner Härte ist der Film auch poetisch.

Ja, er ist poetisch und hat eine metaphorische Sprache: Egal, was die Ukrainer tun, sie werden trotzdem immer singen. Es ist Poesie in allem. Das ist unsere Eigenart. Das soll auch so bleiben. Aber man soll nicht mehr das tun, was das ukrainische Kino lange getan hat, nämlich, sich nur noch selbst zu bewundern und selbst zu zitieren: Poesie nur um der Poesie willen und Metaphern nur um der Metaphern willen. Aber den poetischen Stil, den sollten wir nicht verlieren. Das ist das, was wir ins Weltkino eingebracht haben. Chaplin war nicht umsonst von den Filmen Dowschenkos begeistert, er hat bei ihm diese Fähigkeit gesehen, das Kino in Poesie zu verwandeln. Ich glaube, wir sollten das neu beleben. Ich bin sicher, dass wir auf dem richtigen Weg sind.

 

Hat das auch damit zu tun, dass die Ukraine gerade so viele Herausforderungen erlebt?

Ja, weil die Ukraine zur Zeit eine einzigartige Belastungsprobe erlebt, die andere Länder im Laufe von Jahrzehnten erleben, und bei uns passiert das alles in fünf Jahren. Wir haben Migration, Korruption, den Krieg und all das gleichzeitig, und das schafft einen einzigartigen, neuen ukrainischen Geist. Ich spüre es bei mir selbst. Heute bin ich ganz anders, als ich vor fünf Jahren war.

 

Hat Sie dieser Film auch irgendwie verändert?

Das Leben hat mich verändert. Ich habe die Geschichte des Films unter dem Einfluss des Lebens geändert. Wir haben 2013 angefangen zu drehen und 2016 abgeschlossen. Dieser Film hat alles erlebt: Maidan, Krieg, Krise, Erneuerung, Hoffnung. All das ist in diesem Film. Es ist so viel passiert, dass wir gezwungen waren, viel umzuschreiben.

 

Als Ihr Protagonist Vitali Linetskyj starb, wieviel vom Film war da schon gedreht?

Genau die Hälfte. Wir erhielten 2013 die Finanzierung, das war zu der Zeit, als der Maidan brannte. Das war sehr eigenartig. Am Tag trafen wir uns, um Storyboards zu malen, und am Abend waren wir am Maidan. Und in der Früh waren wir unausgeschlafen und malten sie fertig. Aber man konnte nicht anders. Der erste Dreh war im Frühling. Das war die Krim-Zeit, wir hatten 16 Tage, und in dieser Zeit wurde die Hälfte gedreht. Weil ich die Schwangerschaft von Daryna zeigen wollte, musste ich im Frühling einen Teil filmen und im Herbst den zweiten Teil. Im Frühling ist sie schwanger geworden und im Herbst hat sie das Kind geboren. Gottseidank haben wir die meisten Szenen mit Vitali schon früh gedreht. Dann kam das Filmfestival in Odessa, und mir wurde mitgeteilt, dass wir den Wettbewerb „Work in Progress“ gewonnen haben. Fünf Minuten später kam der zweite Anruf, dass Vitali umgekommen ist. Das war ein absoluter Schock. 2015 gab es kein Geld, 2016 konnten wir weiter filmen, und ich schrieb die Geschichte um, um mit den Szenen auszukommen, wo Vitali gespielt hat. Nur zweimal haben wir Doubles gebraucht. Aber Vitali ist vom Anfang bis Ende im Film.

 

Daryna kehrt aus Italien in die Ukraine zurück. Ist das für Sie Pathos oder Optimismus?

Sie kommt in die Ukraine zurück, weil sie in Italien keinen Platz mehr hat, sie wurde ausgewiesen.

 

Sie könnte doch auch später eine andere Arbeit finden, wie viel Ukrainer in anderen Ländern es tun.

Wie? Zuerst schwanger, und dann mit dem kleinen Kind? Das Pathos liegt darin, dass der Ehemann ihr verzeiht. Das ist möglicherweise seine stärkste Handlung. Das Verzeihen. Und natürlich gibt er sich der Selbsttäuschung hin, dieses Kind sei seines.

 

Es war ja auch seine Schuld, dass Daryna überhaupt nach Italien gefahren ist.

Ja, im Prinzip ist er schuld, dass sie nach Italien gefahren ist und dass sie dort geblieben ist. Aber er erkennt seine eigene Schuld. Das ist ein sehr wichtiger Moment. Es ist wichtig, dass unsere Männer nachvollziehen können, wie es den Frauen dort geht.

 

An wen ist Ihr Film gerichtet?

Der Film richtet sich vor allem an jene Frauen, die nachdenken, ob sie wegfahren sollen oder nicht. Ich will ihnen sagen: Ich bin nicht euer Berater, aber hier seht ihr, was euch vielleicht erwartet und was ihr verlieren könnt. Für mir war es wichtig, die Geschichte einer Frau zu erzählen, die sich selber verloren hat, sich verirrt hat, die sich selber sucht und findet. Natürlich gibt es dort in der Migration auch viele andere Probleme. Das Kino soll nicht alle Antworten geben, es soll Fragen provozieren. Es ist natürlich auch noch eine Sache, wie der Film in der Diaspora wahrgenommen wird, wie die Menschen den Film wahrnehmen werden, über die ich ihn gemacht habe.

 

Es gibt einen Satz in dem Film, der mich irritiert: „Alle ukrainischen Frauen in Italien sind Huren“.

Diese Meinung existiert aber. Man sieht im Film, das ich dagegen eine ablehnende Haltung habe. Warum sagt er das? Weil er seine Ehefrau verloren hat, und warum hat er sie verloren? Weil er sie verkauft hat. Ich habe viele solcher Geschichten gehört. Nach einer Vorführung ist eine Frau zur Schauspielerin Rimma Zjubina gekommen, die erzählt hat, dass die gleiche Geschichte mit ihrem Bruder passierte, und der hat sich erhängt. Er hat es nicht ausgehalten.

 

Es gibt einen österreichischen Film von Ed Moschitz, „Mama illegal“, der die Geschichte einer moldawischen illegalen Arbeitsmigrantin in Italien erzählt, deren Mann sich bei ihrem Besuch erhängt.

Die Menschen haben es nicht gerne, wenn ich solche Geschichten erzähle. Sie meinen, ich soll die Arbeitsmigrantinnen „anständiger“ zeigen. Aber das ist dann kein Drama und das berührt die menschliche Seele nicht. Ich will auch nicht die Realität beschönigen. Für mich ist es wichtig, die Wahrheit zu erzählen, und wenn man mir vorwirft, ich hätte gelogen, dann höre ich mir das an, aber ich sage auch: Ich habe nicht gelogen.

 

Ist der Ehemann auf den italienischen Liebhaber seiner Frau eifersüchtig oder mehr auf das Land, in dem sie sich befindet?

Das ist ein großer Schlag gegen das männliche Selbstwertgefühl. Vielleicht ist das einzige, was er sich wünscht, dass sie sich entschuldigt. Sie entschuldigt sich nicht. Sie hatte ihn auch einmal gebeten, dass er sie unterstützt, er hat sie aber nicht unterstützt. Als er sie gebeten hat, sie möge ihm verzeihen, hat sie ihm nicht verziehen. Und warum ist das so? Weil die Menschen nicht kommunizieren können. Sie können ihre Gefühle nicht ausdrücken, sie schämen sich für ihre Gefühle.

 

Zum Beispiel in der Szene, in der sie sich voneinander verabschieden.

Ja. Sie erwartet von ihm, dass er sie küsst. Er macht das nicht. Diese Szene ist sehr wichtig für mich. Ich denke, die Menschen sollen lernen, zu sagen, was sie einander gegenüber empfinden. Man ist gewohnt zu schweigen, das ist eine typische ukrainische Eigenart. Wir sind nicht gewohnt, über unsere Gefühle zu sprechen, immer verstecken wir irgendetwas. Wir sagen den Kindern nicht, dass wir sie lieben. Stattdessen geben wir ihnen eins hinter die Ohren. Wir wurden so erzogen, und als Ergebnis haben wir eben solche Probleme. Es führt zur Einsamkeit. Ich habe Frauen gefragt, warum sie ins Ausland fahren: Sie brauchen Geld, die Lage ist schwierig, usw., klar. Aber der Hauptgrund – und ich sage das, ohne den Anspruch auf die Wahrheit zu haben –, ist das Gefühl, nicht gebraucht zu werden. Wenn sich die Frau zu Hause akzeptiert fühlen würde, würde sie das Land nicht verlassen. Sie würde vieles ertragen, Strapazen und die Last des Alltags. Das Schlimmste, das, was die Frau deprimiert, ist das Gefühl, dass niemand sie braucht. Dann flüchtet der Mensch. Das ist alles.

 

Wenn man eine Person wirklich liebt, würde man auch nicht so einfach wegfahren.

Das ist überall so. In der Arbeit braucht man niemanden, in der Familie zeigt man nicht, dass man jemanden braucht, und der Mensch besteht heute nur aus Arbeit und Familie. Wenn man einem in der Arbeit immer vermittelt, dass er Scheiße ist, weil man einfach will, dass er weniger Geld verlangt, und wenn zu Hause das Gleiche passiert, dann läuft man früher oder später vor dieser Situation weg. Daryna flieht nach Italien. Aber in Italien braucht sie auch niemand. Dann sagt sie sich: In Italien leide ich, aber ich schicke das Geld nach Hause, und somit werde ich gebraucht. Dann kehrt man zurück in die Ukraine und denkt, dass man hier mit offenen Armen empfangen wird, aber es stellt sich heraus, dass dem nicht so ist. Also bleibt man einen Monat, und dann fährt man zurück nach Italien. Das ist ein Teufelskreis.

 

Hat Daryna irgendwelche Gefühle Alessandro gegenüber? Oder nützt sie ihn vor allem aus?

Es ist weder Liebe noch Ausnützen. Es ist die Einsamkeit. Schauen Sie: Eine Frau aus der Ukraine kommt nach Neapel oder Genua. Sie steigt aus dem Bus, und rund um sie sprechen alle eine fremde Sprache. Sie kann nicht einmal fragen, wo man Pipi machen kann. Was kann man tun? Man ist taub und stumm. Niemand braucht dich, und man steht auf der Straße, man kann sich nicht entspannen. Man ist sich selber überlassen, in einer fremden Umgebung, und so wirft man sich einer beliebigen Person an den Hals, die einen menschlich behandelt. Das passiert aus Einsamkeit.

 

Die zärtlichste Szene ist, wenn Daryna ihrem Ehemann Borschtsch anbietet und ihm hilft, sich auszuziehen, als er betrunken ist. Die erotischen Szenen sehen so aus, als ob sie überhaupt keinen Sex braucht.

Sie versteht, dass sie Verrat begeht, wenn sie mit Alessandro zusammen ist. Dann wird sie von Alessandro schwanger. Sie geht mit dem Ehemann ins Bett, um so zu rechtfertigen, dass sie schwanger ist. Um welchen Sex kann es dort gehen? Wir haben das auch so gefilmt. Und wir haben darüber viel gesprochen. Sogar einer unserer Schauspieler meinte: Wie ist eigentlich Sex bei uns? Die Männer befriedigen ein Bedürfnis, mehr nicht. Das muss man so klar sagen. Deshalb schaut es so aus. Das ist kein Dreieck der Liebe. Der Film ist nicht über die Liebe, sondern über die Einsamkeit und das Nicht-gebraucht-Werden. Es gibt keine Liebe Darynas zu dem Italiener, auch keine Liebe zwischen Daryna und Dmytro. Das ist nicht die Liebe, die die Poeten besingen.

 

Ist das ein Film, der sich vor allem an ein Festivalprublikum richtet?

Nicht nur. Den Film können sich auch einfache Zuschauer anschauen, so wie Die Kommissarin von Alexander Askoldow. Bei uns in der Ukraine hat man begonnen, diese Sachen zu trennen. Es gibt diesen Witz: Für einen „Festivalfilm“ braucht man zwei Schwule, zwei Lesben, und dass es noch verkehrt herum läuft. Für „normale Zuschauer“ darf es höchstens eine Komödie sein, die an die niedrigsten Instinkte appelliert. Ich will einfache Filme machen. Ich sage nicht, dass ich nie einen Film über Schwule oder Lesben machen werde. Aber ich möchte nicht mit diesen Themen spekulieren. Ich mache einen Film so, wie ich es fühle. Den Film kann ein gewöhnlicher Zuschauer sehen, aber er kann auch interessant für Filmfestivals sein. Ich hatte Treffen mit Kinobetreibern, die haben gesagt, das sei ein Sozialdrama. Es wurde mir empfohlen, Komödien zu machen, alles andere könne man nicht verkaufen. Ich habe mir das angehört und gedacht: Mein Gott, wenn man euch zuhört, hätte es nie einen Film wie Fahrraddiebe gegeben, oder Mamma Roma von Pasolini oder Feuerpferde von Sergei Paradschnow usw. Solche Filme hätten wir gar nicht, würden wir auf die Kinos hören.

 

Wieviele Zuschauer haben den Film gesehen?

Im Kino haben ihn 25.000 Zuschauer gesehen. Das sind die offiziellen Zahlen vom Verleih. Der Film wurde auch im Fernsehen gezeigt, ich kenne aber keine Zahlen.

 

Hat der Film seine Kosten eingespielt?

Es gibt sicher erfolgreichere Filme im kommerziellen Sinn, zum Beispiel Komödien.

 

In Österreich spielen die Filme auch ihre Kosten nicht ein, mit Ausnahme einer Komödie, „Hinterholz 8“ von Harald Sicheritz.

Ich weiß nicht, wie viele Kinos es in Österreich gibt. In der Ukraine gibt es nur 160 Kinos. Das sind 400 Säle. Wie kann sich der Film bei so wenigen Sälen rentieren? Wenn man mich zum Beispiel fragt, wann der Film nach Uman kommt, sage ich: gar nicht, denn es gibt dort kein Kino. In Czernowitz haben sie den Film zu einer sehr ungünstigen Zeit platziert, um 10 Uhr in der Früh und um 17 Uhr. Zu dieser Zeit sind die Menschen in der Arbeit. Natürlich konnten die Menschen nicht ins Kino gehen, und dann hat mir der Direktor des Kinos geschrieben, ich hätte ihm keinen Publikumsfilm geliefert.

 

Das Thema der Korruption zieht sich wie ein roter Faden durch den Film. Es fängt mit Schmiergeld am Zoll an, die Freundin in Italien will 500 Euro für die vorgeschlagene Arbeitsstelle, Allessandros Mutter bietet ihr Geld, damit Daryna das Haus verlässt, usw.

Ja, man gibt Schmiergeld, wenn man den Zoll betritt. Die Arbeit wird auch verkauft. Haben sich die Italiener unsere Frauen nicht gekauft? Aber natürlich. Das sind echte, gesammelte Geschichten.

 

Könnte Daryna ohne Migration überleben?

Ich kann die Frage nicht wirklich beantworten. Jeder hat eine eigene Geschichte. Es gab Frauen, die ins Ausland fuhren, um das Geld für die Operation ihrer Ehemänner zu verdienen. Oder ihre Verwandten vor dem Tod zu bewahren. Durch den freiwilligen Verkauf in die Sklaverei.

 

Wer hat mehr Schuld daran, das System oder der Mensch?

Beide. Das System ist schuld, dass es den Menschen in einen Zustand des absoluten Nicht-gebraucht-Werdens gebracht hat. Der Mensch ist schuld, weil er sich damit abgefunden hat. Und keine Möglichkeit findet, das zu verbessern. Stattdessen entscheiden sich die Menschen, zu fliehen. Aber Flucht ist keine Lösung. Weil man das Problem ja mitnimmt. Die Italiener haben eine Untersuchung gemacht, wie sich unterschiedliche Nationen in Italien integrieren. Es hat sich herausgestellt, dass die Ukrainer am wenigsten integriert sind. Wenn ein Türke nach Italien kommt, hat er in einem Jahr einen Kebab-Stand. Im zweiten Jahr hat er ein Café. Und dann kommen seine Kinder, usw. So baut er sein zukünftiges Leben in Italien auf. Oder die Rumänen. Wenn eine Ukrainerin kommt, schickt sie 600 bis 800 Euro nach Hause. Auch nach zehn Jahren arbeitet sie noch als „Bediente“. Wenige integrieren sich ins System und werden jemand oder wechseln die Arbeit.

 

Was sollte das ukrainische Filmschaffen tun, um erfolgreich zu sein?

Ich glaube, mein Film hat künstlerischen Wert zu und erzählt dabei eine einfache Geschichte. Das ist selten im ukrainischen Kino, in dem man oft trigonometrische Aufgaben lösen muss, um zu verstehen, wer mit wem verwandt ist. Ich habe keine Rezepte für den Erfolg eines Films. Ich glaube, wir sollen die aktuellen Geschehnisse in der Ukraine filmen. Wir sollen mit der Revision der Geschichte aufhören und lernen, uns selber in die Augen zu schauen. Und nicht in die Augen unserer Großväter und Urgroßväter. Ein historischer Film ist eine gewisse Projektion der Zukunft. Aber Zukunft kann es nur geben, wenn wir die Gegenwart wahrnehmen. Es gibt auch andere Themen als Krieg! Zum Beispiel Menschen, die sich selber überlassen sind, abgekühlte Familienbeziehungen, durch die Arbeitslosigkeit degradierte Männer, oder unsere Rückgratlosigkeit. Es gibt zwei Übel bei den Ukrainern: die Speichelleckerei und die Tendenz zur Dieberei. Die Erforschung des nationalen Charakters ist sehr wichtig.

Die Italiener haben keine Filme über das alte Rom oder über Garibaldi gemacht, außer vielleicht zu Mussolinis Zeit. Als Italien frei wurde, begann es sich so wahrzunehmen, wie es ist: arm, ausgenommen, gedemütigt. Dieser Blick auf sich selbst hat großes Kino, den Neorealismus, geschaffen, der die ganze Welt begeisterte. Wir haben große Herausforderungen vor uns, also sollten wir uns selber anschauen. Wir müssen uns selber finden und analysieren. Da liegt das Potenzial unseres Kinos

 

Eine provokante Frage: Würden Sie selbst emigrieren?

Ich dachte darüber nach. Als ich reiste, hatte ich die Möglichkeit, woanders zu bleiben. Aber man muss jung emigrieren. Mit der genauen Erkenntnis, dass man wegfährt, um sich eine Zukunft im jeweiligen Land zu schaffen. Ich war im Ausland nach zwei Studien und nicht mehr jung. Für Menschen, die jung sind, ist es ein Ausweg. Ich würde etwas Wichtiges verlieren, deshalb könnte ich es nicht tun.

 



Sie sind nicht eingeloggt. Bitte melden Sie sich an, wenn Sie Kommentare schreiben wollen.


Kein Kommentar vorhanden.

Interview ~ Ruslana Berndl



Tags


Social Bookmarks