The 15:17 to Paris

Auf ruckeligen Gleisen fährt Clint Eastwood im Schneckentempo auf das pathetische Finale seiner neuen Heldenstory zu.

 

21. August 2015, gegen 18 Uhr im Schnellzug von Amsterdam nach Paris Nord. Der 26-jährige Marokkaner Ayoub El Khazzani schnallt sich auf einer Bordtoilette einen Rucksack voll Munition um, lädt eine halbautomatische Schnellfeuerwaffe und ein Sturmgewehr und ist im Begriff ein Massaker anzurichten. Doch der jihadistisch motivierte Attentäter hat nicht mit drei jungen US-Amerikanern an Bord gerechnet, deren militärischer Hintergrund, Geistesgegenwart und Zusammenhalt zu seiner Überwältigung führen. Danach leistet einer der drei, obwohl selbst mit einem Messer von dem Terroristen verletzt, auch noch einem angeschossenen und stark blutenden Fahrgast entscheidende erste Hilfe. Jedenfalls sehr vielen der rund 500 im Zug befindlichen Menschen wurde durch die Vigilanz und den Mut der jungen Männer das Leben gerettet. Drei Tage später wird das Trio vom französischen Staatspräsidenten François Hollande mit dem Orden der Ehrenlegion ausgezeichnet.

Altmeister, oder soll man ob seiner bald 88 Lebensjahre schon sagen, Uraltmeister Clint Eastwood verlegt sich zu Ende seiner Regie-Karriere auf die Geschichte wahrer Helden. Gut gelungen ist ihm das im Fall des Flugkapitäns Chesley Sullenberger (Sully, 2016), der sich als Lohn für seine Notwasserung des US-Airways-Flugs 1549 auf dem Hudson River in New York bekanntlich vor der amerikanischen Flugsicherheitsbehörde verantworten musste. Personifiziert von All American Daddy Tom Hanks erfuhr Sullenberger den ultimativen Freispruch und finalen Ritterschlag durch Eastwoods Film. Am zertifizierenden Ende von Sully sieht man den echten Piloten (bei einer Hangar-Feier zu seinen Ehren), für The 15:17 to Paris hat Eastwood die Pfundskerle gleich für zwei Drittel des Films engagiert. Und das Drehbuch für die „wahre Geschichte“ von Dorothy Blyskal basiert auf dem gleichnamigen Buch, welches die drei nicht lange nach ihrer Heldentat veröffentlicht haben.

Anthony Sadler, Oregon National Guardsman Alek Skarlatos und U.S. Air Force Airman First Class Spencer Stone kennen einander seit ihrer Kindheit. Wenn man die drei als Halbwüchsige einander im Wald mit Spielzeugpistolen beknallen sieht, könnte man auf die Idee kommen, hier handle es sich um zukünftige Highschool-Amokläufer. Doch wie man weiß, wird aus den dreien quasi das Gegenteil – und die erwachsenen Heldenversionen ihrer selbst durften sie bei Eastwood selbst nachspielen oder gewissermaßen „reenacten“. Neben dieser Casting- traf Eastwood eine weitere fragwürdige Entscheidung, nämlich den Film ganz überwiegend mit Vorblenden aus dem Leben der Freunde zu bestücken: Teenager aus Sacramento mit Schulproblemen, deren allein erziehende Mütter leicht überfordert sind mit ihnen, und die früh mit den ur-amerikanischen Werten Gottesfürchtigkeit und Waffenliebe in Berührung kommen. Junge Männer, deren Lebenswege nolens volens auseinandergehen – zwei davon gehen zum Militär –, die aber via Skype in Kontakt bleiben und sich schließlich für eine Wiederzusammenkunft auf einen gemeinsamen City-Hopping–Sightseeing-Backpacker-Urlaub in Europa verständigen.

Das hätte funktionieren können, wären die Vorgeschichten der Jungs auch nur annähernd so spannend wie die Kühnheit der drei Musketiere im Zug. Das Problem ist: Nur der Zufall hat die Regie geführt bei ihrer Heldenwerdung. Und so bewundernswert ihre kurzfristige Entschlossenheit war in jener zufälligen Situation, macht es doch ihre Vorgeschichte um keinen Deut interessanter – außer Eastwood will uns damit sagen, wir sollen möglichst viele amerikanische Knaben Gott fürchten lassen, mit Spielzeugwaffen spielen lassen und zum Militär gehen lassen, damit sie dann in gefährlichen Zivilsituationen in Europa über sich hinauswachsen und unser Leben vor IS-Terroristen beschützen. Das wäre dann aber ein wirklich simples Message Movie.

Die ganze Misere des Films zeigt sich an der offenkundigen Schwierigkeit, sinnvolle Anschlüsse zwischen den beiden Erzählsträngen zu finden. Wie auch? Die wenigen Minuten im Zug und die jahrelange Vorgeschichte haben filmisch zu wenig miteinander zu tun, um einander mit Mehrwert ergänzen zu können. Die Übergänge wirken stets, als hätte man zwei Stücke aneinandergeklotzt, die nicht aus demselben Grundstoff sind. Hinzu kommt eine lähmend lange Touri-Sequenz, im Zuge derer man das Staunen der Amis über das Kolosseum in Rom oder die Amsterdamer Nachtklubszene bzw. das zarte Anbändeln der präsumtiven, was heißt, der sicheren späteren Helden mit Touri-Kollegen des anderen Geschlechts erleben darf. Sodass man sich, Verzeihung, regelrecht freut, wenn der Zug am Ende endlich Fahrt aufnimmt, für ein paar Minuten „authentische“, spannende, gut nachgespielte Terroristen-Geisterbahnfahrt. Ach ja, und den patriotisch pathetischen Appendix in Form der Ordenverleihung nicht zu vergessen. Nein danke, Clint.

 

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The 15:17 to Paris


Drama, Thriller, USA 2018
Regie Clint Eastwood
Drehbuch Dorothy Blyskal, basierend auf dem gleichnamigen Buch von Anthony Sadler, Alek Skarlatos, Spencer Stone und Jeffrey Stern
Kamera Tom Stern
Schnitt Blu Murray
Musik Christian Jacob
Production Design Kevin Ishioka
Kostüm Deborah Hopper
Mit Spencer Stone, Alek Skarlatos, Anthony Sadler, Jenna Fischer, Judy Greer, William Jennings, Bryce Gheisar, Paul-Mikél Williams
Verleih Warner Bros. Pictures, 94 Minuten
Kinostart 20. April

 

 



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