Was uns nicht umbringt

Gelungene deutsche Tragikomödie mit Starbesetzung

 

Deutsches Mainstreamkino? Igitt, denkt da so manche Cineastin, mancher Cineast. Und ja, wenn man unbedingt über etwas meckern will, dann vielleicht über den nichtssagenden und auch nicht besonders passenden Titel und über die Überdosis an gefühligen Popsongs. Aber das sind vergleichsweise kleine Einwände. Denn wie so oft im Leben lohnt sich auch in diesem Fall eine genauerer Blick. Regisseurin und Autorin Sandra Nettelbeck hat den Psychotherapeuten Max aus ihrem Erfolgsfilm Bella Martha (2001) ins Zentrum ihres neuen Werks gerückt – gespielt wurde er damals und wird er auch diesmal vom großartigen August Zirner. Doch Max, der doch eigentlich seinen zahlreichen Klientinnen und Klienten helfen sollte, geht es selbst gar nicht so rosig: Von seiner Frau hat er sich getrennt, seine beiden Teenager-Töchter rebellieren, der Hund, den er gerade aus dem Tierheim geholt hat, erweist sich als eher abweisend – kurzum, er ist mit seinem Dasein wenig zufrieden. Richtig schwierig wird es aber erst, als Max sich in eine seiner Patientinnen verliebt.

Nettelbeck hat sich hier – neben Regie und Schnitt – wirklich viel zugemutet: Um eine solche komplexe Geschichte mit gut einem Dutzend mehr oder weniger gleichwertiger Figuren, die auch noch im Laufe des Films in unterschiedlichen Konstellationen aufeinander zu treffen beginnen, zu stemmen, da muss schon ein wirklich gutes Drehbuch her, und das ist der 52-jährigen Hamburgerin gelungen. Sie setzt die teils anrührenden, teils tragischen Episoden virtuos miteinander in Beziehung und verpackt dabei manche Überraschung in der Story: Jenny Schilys Sunny etwa, die eine Hälfte eines schüchternen Tierpfleger-Paars, stellt sich als Maxens Adoptivschwester heraus, ein  desillusionierter Bestatter mit mega-hypochondrischer Schwester erweist sich als verblüffend kompetenter „Therapeut“. Dazu kommen ein schwuler Pilot, der um seinen krebskranken Lebensmenschen bangt, Ben, ein schweigsamer Mann, der offenbar ein Kind verloren hat, Loretta, Maxens Ex-Frau, die sich vor einer neuen Beziehung fürchtet, Isabelle, die um ihren Bruder trauert, der als Kriegsfotograf in Syrien ums Leben gekommen ist, und – ein Highlight – Johanna ter Steege als Schauspielerin mit Spielsucht und einem verheirateten Liebhaber, der sie bisweilen „vergisst“.

Das klingt bleischwer und nach einer Überdosis Tragik, ist es aber nicht: Sandra Nettelbeck hat viel, auch schwarzen Humor eingebaut, Pointen, die oft bewusst langsam zünden, und so manchen gelungenen Oneliner. Das größte Plus des Films ist natürlich der Allstar-Cast aus feinster deutsch(sprachig)er Schauspielkunst. Sie alle lieben ganz offensichtlich ihre „satigen“ Rollen und ziehen alle Register ihres Könnens, und, wie es in einem guten Ensemblefilm so ist – es würde einem schwerfallen, jemanden hervorzuheben. Muss man aber auch nicht, es macht einfach Spaß, ihnen zuzuschauen.

 

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Was uns nicht umbringt


Tragikomödie, Deutschland 2018
Regie, Drehbuch, Schnitt Sandra Nettelbeck 
Kamera Michael Bertl 
Musik Volker Bertelmann 
Ausstattung Thomas Freudenthal 
Kostüm Peri de Bragança
Mit August Zirner, Mark Waschke, Johanna ter Steege, Barbara Auer, Oliver Broumis, Bjarne Mädel, Jenny Schily, Christian Berkel, Sophie Rois, Peter Lohmeyer, Deborah Kaufmann
Verleih Alamode Film, 129 Minuten
Kinostart 16. November

 

 



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