Eine spannende Zeit

Am 31. Oktober beginnt Wien Modern, das renommierte Festival für zeitgenössische Musik. Es feiert seinen 30. Geburtstag unter dem filmischen Motto „Bilder im Kopf“. Ein Gespräch mit Bernhard Günther, dem künstlerischen Leiter von Wien Modern.

 

Neben Stücken für große Orchester in den schönsten Konzertsälen der Stadt begibt sich das ungemein vielseitige Programm auch auf Entdeckungsreise in den Prater oder in den Backstage-Bereich des echoraums. Die Herausforderung, die enorme Vielfalt der aktuellen Musik abseits von Pop, Rock, Jazz oder Partyelektronik adäquat und komprimiert zu präsentieren, nimmt Bernhard Günther gerne an. Im Interview spricht er darüber, wie die moderne Musik das moderne Leben reflektiert, wie das Klangvokabular Bilder im Kopf erzeugt und wie man ein ästhetisches Land der unbegrenzten Möglichkeiten am besten präsentiert.

 

Wie ist es zum heurigen Motto „Bilder im Kopf“ gekommen?

Für mich ist das Teil 2 einer assoziativen Trilogie, die voriges Jahr unter dem Titel „Die letzten Fragen“ gestartet wurde. 2016 war – um in der Filmanalogie zu bleiben – schwarz-weiß, der Grundtenor düster wie in einem Film noir. „Bilder im Kopf“ gibt sich 2017 sehr viel assoziativer, bunter und auch multimedialer. Nächstes Jahr steht unter dem Titel „Sicherheit“ der Mut zum Risiko im Mittelpunkt des Programms, das dann eine Spur konzeptueller sein wird. Wobei ich alle drei Themen nicht als abstrakte Schlagworte verstehe, sondern direkt auf die Musik beziehe: Man soll deutlich spüren, dass die Musik von heute sehr viel mit dem Leben von heute zu tun hat und sich nicht mit irgendwelchen rein formalen Kriterien begnügen.

 

Es gibt passend zum Thema auch einen kleinen filmischen Schwerpunkt.

Direkt mit dem Kino haben zwei Produktionen zu tun. Ich war auf der Suche nach einem starken zeitgenössischen Filmprojekt mit Orchester – davon gibt es ja sehr viele, die allerdings oft nicht überzeugen. Von der visuellen und kompositorischen Qualität von J´accuse von Abel Gance mit der Musik von Philippe Schoeller war ich sofort überzeugt. J´accuse ist nicht einfach „ein alter Stummfilm mit neuer Musik“, sondern im besten Wien-Modern-Sinn ein zeitgenössisches, packendes Multimediaprojekt. Einerseits durch die bis heute anhaltende Kraft, die dieser verrückte Film von Abel Gance hat, der seiner Zeit im Entstehungsjahr 1918/19 inhaltlich und formal weit voraus war. Andererseits durch die atmosphärische, düstere, emotionale Orchestermusik, die mit der von Philippe Schoeller selbst dazugespielten, im Raum verteilte Live-Elektronik eine ganz eigene, immersive Soundästhetik entwickelt. Er hat sich sehr gefreut, als er hörte, dass der Film im Großen Saal des Wiener Konzerthauses gezeigt wird, weil es das erste Mal ist, dass er bei einer Aufführung eine so gute Akustik zur Verfügung hat, sodass die Instrumente nicht verstärkt werden müssen und die Live-Elektronik perfekt zur Geltung kommt.

Der zweite Kinofilm ist Dziga Vertovs Der Mann mit der Kamera, schätzungsweise einer der am öftesten nachvertonten Filme überhaupt. Wir zeigen ihn mit der Musik von Pierre Henry, einem der Urväter der elektronischen Musik, der kürzlich verstorben ist. Das Besondere an dieser Aufführung ist die Einbettung in das zweitägige „Acousmatic Projekt“ im TU-Dachgeschoss Kuppelsaal: Es gibt in Wien nach französischem Vorbild ein von Thomas Gorbach zusammengestelltes „Akusmonium“, ein Lautsprecherorchester, ein Multikanal-3D-Environment mit bis zu 30 Lautsprechern, im Raum verteilt, groß bis klein, hoch bis tief, nah und fern. Das ist wirklich ein State of the Art-Klangerlebnis, eine Art Ohren-Kino hoch Drei. Die Musik von Pierre Henry spielt sehr stark mit der berühmten Sound-Ästhetik der Musique concrète, die ist hier im Akusmonium am richtigen Ort.

 

Spielt das Medium Film noch in anderen Programmteilen eine Rolle?

Es gibt noch weitere Projekte mit Film und Video: Anna Henckel-Donnersmarck (verwandt mit dem Regisseur von Das Leben der Anderen) ist an „Daily Transformations“ beteiligt, einem für Wien Modern entwickelten Projekt, bei dem Film, Musik und Literatur völlig gleichberechtigt aufeinandertreffen. Die Regisseurin, Clemens Gadenstätter (Musik) und Lisa Spalt (Literatur) haben sich von ihren jeweiligen Medien aus ganz simplen Short Stories angenähert: Jemand läuft in einem Park und wirft die Arme in einer Art Siegerpose hoch – das ist einer dieser kurzen gedanklichen Plots. Solche kleinen Szenen versuchen sie mit den Mitteln des Textes, des Filmes und der Musik gleichzeitig spürbar werden zu lassen. Die verschiedenen Elemente werden kombiniert, stehen im Widerspruch zueinander oder auch nicht. Es geht auch um die Frage, wie weit man überhaupt in der Musik über eine Art Klangvokabular suggerieren kann, dass etwas ganz Bestimmtes passiert. Es gibt ja spätestens seit der Barockmusik eine Art Rhetorik, bestimmte Konventionen – wie klingt eine Frage, wie klingt ein Gewitter? Clemens Gadenstätter hat auf diese Weise schon einmal einen ganzen Soundtrack eines fiktiven Pulp-Krimis komponiert.

 

Wien Modern arbeitet ja auch mit anderen Institutionen zusammen, wie zum Beispiel beim Projekt „Eyes Wide Shut“, das im Filmmuseum über die Bühne gehen wird.

„Eyes Wide Shut“ wurde vom Verein .akut in enger Abstimmung mit dem Filmmuseum kuratiert. Die Idee dahinter war, den Kinoraum nicht als solchen zu nutzen, sondern als Raum, in dem die Musik einen Film im Kopf erzeugt. Es gibt aber trotzdem Einiges zu sehen, beispielsweise wenn die Musiker selbst zur Leinwand werden, indem mittels Video-Mapping Bilder auf ihre Gesichter projiziert werden. Das Medium Video wird auch im Stück „One Shot Train“ eingesetzt, allerdings eher installativ: Man sieht eine Sopranistin in einem Film, während sie gleichzeitig live vor der Leinwand steht und mit sich selbst im Terzett singt. In einem anderen Teil füllen riesige Lippen à la Rolling Stones das Bild, und darunter bewegen sich die Arme des Keyboarders in einem wilden Tanz; das Ganze erinnert mich ein wenig an den Brötchentanz von Charlie Chaplin. Aber diese Performances mit Video stehen nicht für sich allein, sondern sind Teil eines Stationentheaters in den normalerweise nicht zugänglichen Teilen des echoraums.

 

Ich nehme an, die enorme Bandbreite des Programms – es gibt auch Verbindungen mit bildender Kunst, Literatur, Philosophie – ist Teil des Konzepts?

Absolut. Die jungen wilden Männer der Nachkriegsavantgarde hatten eine Zeit lang den Vorteil, dass sie behaupten konnten, auf der Spur der reinen Lehre, der einzigen Wahrheit in der zeitgenössischen Musik zu sein. Diese Situation ist definitiv vorbei. Jetzt ist es an der Zeit, das Publikum spüren zu lassen, wie spannend diese Vielfalt heutzutage ist. Manche sagen, es gibt die Avantgarde nicht mehr, aber es existiert jetzt einfach nur eine neue Qualität, mehr im Fluss, eine Art Land der unbegrenzten ästhetischen Möglichkeiten. Es gibt dadurch auch unendlich viel mehr Möglichkeiten zu scheitern, aber eben auch etwas Neues zu schaffen. Ich empfinde das als eine sehr spannende Zeit für die zeitgenössische Musik.

Dazu vielleicht noch ein Beispiel eines Films im Kopf ohne Film auf einer Leinwand. Ich wusste, dass das Thema „Bilder im Kopf“ gut zu Wien Modern passt; richtig bewusst wurde mir das bei der Uraufführung von Olga Neuwirths Stück „Le Encantadas“ 2015: Das ist Kopfkino pur. Eigentlich sieht man nichts außer Musikern mit ihren Instrumenten und einen Haufen Lautsprecher. Es wird mit Ambisonic-Technologie gearbeitet, das ist vermutlich das Avancierteste an 3D-Surround-Sound derzeit, damit die Halle E im Museumsquartier klingt wie die Chiesa di San Lorenzo in Venedig. Dafür wird die Halle, die ja nicht unbedingt für eine besondere Akustik berühmt ist, umgestülpt wie ein Handschuh, die Akustik wird komplett synthetisiert, sodass von der ursprünglichen Akustik nichts mehr übrig ist. Die akustische Konservierung dieses speziellen Raums, dieser Kirche, in der Olga Neuwirth als Studentin die legendäre erste Aufführungsserie von Luigi Nonos „Prometeo“ erlebte, die sie nachhaltig beeindruckt hat, ist fast schon so etwas wie künstlerische Denkmalpflege. Dafür hat sie das ganze Stadtgefühl von Venedig eingefangen, man hört sich im Boot über die Lagune fahren, die Glocken von nah und von fern, von vorne links und hinten rechts, man hört sich die Stufen hochgehen, eine uralte riesige Tür öffnen, die hinter einem ins Schloss fällt, und mit einem Schlag ist man dann tatsächlich in diesem anderen Raum. Es gibt aber natürlich auch genug Platz für Abstraktion; es gibt Stellen, wo die Musik dichter wird, dann verkleinert sie virtuell die Kirche, damit es nicht mehr so hallt. Man hat das Gefühl, man ist in einem schrumpfenden Raum. Das ist von der Logistik her sehr aufwändig, so dass es fast nie aufgeführt wird, und deshalb bin ich sehr froh, dass wir das hier heuer präsentieren können.

 

Es gibt ja auch ungewöhnliche Outdoor-Spielstätten wie den Prater oder die Schmelz. Wie ist das zustande gekommen?

Durch seinen Gründer Claudio Abbado ist Wien Modern ja zuerst in die Wiege gelegt worden, dass große Orchester Neue Musik in den besten Sälen der Stadt spielen, und das ist ja nach wie vor eine der Säulen von Wien Modern. Aber wenn man sich die drei Jahrzehnte anschaut, hat es auch immer wieder legendäre Off-Spielorte gegeben wie das sogenannte Schnapsloch oder die Party im Foyer des Gartenbaukinos. Solche Projekte sind notwendige und wichtige komplementäre Elemente zum Goldenen Saal im Musikverein oder dem Großen Saal im Konzerthaus. Wir sind froh, dass wir diese phantastischen Orte im Festival haben, keine Frage. Aber um die enorme Bandbreite dessen, was Musik heute ist, auch nur einigermaßen spürbar werden zu lassen, ist es genauso wichtig, Projekte zu machen, die in einem solchen Saal überhaupt nicht funktionieren könnten. Für die man dann sich beispielsweise die Wanderstiefel anziehen muss und im November ans Lusthauswasser in den Prater kommt, wo drei Schlagzeuger im Wasser stehen oder wo auf einer Wiese ein Stück von Carola Bauckholt für Nah- und Fernschlagzeuger erklingt.

 

Haben Sie vielleicht noch einen speziellen Tipp, etwas, worauf Sie selbst sehr gespannt sind?

Es gibt ein sehr aktuelles Experiment im Rahmen des großen Claudio-Abbado-Konzerts am 4. November, das stark mit den Bildern in unseren Köpfen zu tun hat und bei dem ich schon sehr gespannt bin, wie es ausgeht. Iris ter Schiphorst hat ein Stück geschrieben für eine Solistin / Performerin und Orchester, Helga Utz hat dazu altarabische Texte ausgesucht, die sehr poetisch und universell sind. Die Solistin tritt in zwei Erscheinungsformen auf, einmal, wie sich halt eine westliche Sopranistin erwartbar kleidet und gibt, und das andere Mal als verschleierte arabische Frau. Sie singt teilweise exakt dieselben Sachen, und Iris ter Schiphorst interessiert sich dafür, was das für Filter im Kopf erzeugt, allein der Umstand, dass wir diese Unterschiede sehen: Welche Erwartungshaltungen und Reaktionen erzeugt das? Das ist quasi das Stück zum Verschleierungsverbot. Dass die Debatte in den letzten Wochen und Monaten derartig medial präsent war, konnten wir vor ein, zwei Jahren, als wir das erste Mal darüber gesprochen haben, natürlich noch nicht ahnen. Das ist auf jeden Fall eine sehr spannende Gelegenheit, um zu zeigen, dass die zeitgenössische Musik aktuellen politischen und sozialen Entwicklungen auf der Spur ist.

 



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Interview ~ Günter Pscheider

Zur Person

Bernhard Günther wurde 1970 in Thun (Schweiz) geboren, studierte an der Musikhochschule Lübeck Violoncello und der Universität Wien Musikwissenschaft. 1994 kam er als Herausgeber des Lexikons zeitgenössischer Musik aus Österreich ans neugegründete mica – music information center austria, wo er bis 2004 als Kurator sowie zuletzt auch als stellvertretender Geschäftsführer tätig war. Als Mitglied des Gründungsteams der Philharmonie Luxembourg programmierte er u. a. zwölf Jahre lang das Neue-Musik-Festival rainy days. Seit 2012 ist er Festivalintendant von ZeitRäume Basel – Biennale für Neue Musik und Architektur, seit 2016 künstlerischer Leiter von Wien Modern.

 

Für die fünf Vorstellungen der Reihe „Ganz großes Kino“ erhält man im Paket 30% Ermäßigung.

Wien Modern
31. Oktober bis 1. Dezember
www.wienmodern.at

 



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