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Das 20. Festival im mährischen Jihlava: ein vor Aktivitäten vibrierender Umschlagplatz des Dokumentarfilms.

 

Jihlava, zu deutsch Iglau, ist eine hübsche Stadt mit rund 50.000 Einwohnern nordwestlich von Brno. Wenn überhaupt, dann war sie eine Zeitlang bekannt für ihre Eishockeymannschaft Dukla, die bis in die frühen nuller Jahre ganz oben in der starken tschech(oslowak)ischen Liga mitmischte. Doch der eisige Glanz ist verflogen, seit Jahren ist Dukla nur noch in der 2. Liga vertreten. Heute kommen selbst zu einem Schlagerspiel wie gegen Slavia Prag nur zweitausend Zuschauer.

Genau umgekehrt verhält es sich mit dem Dokumentarfilmfestival in Jihlava, das, 2016 in seinem 20. Jahr angekommen, längst zu den bedeutendsten auf seinem Gebiet zählt und Publikum und Branche in Massen anzieht. Eine informative, kompakte Ausstellung in einem Container auf dem Hauptplatz illustrierte in diesem Jubiläumsjahr die Entwicklung. Aber es ist auch ohne Ausstellung offensichtlich: Wenn zahllose junge Menschen mit Ruck- und Schlafsäcken in die Stadt einfallen und die Kinos stürmen, wo sie dann oft auf dem Boden, auf den Stufen oder an die Wand gelehnt sitzen, weil die Säle so gut wie immer überfüllt sind – dann ist das Jihlava. Das erinnert an „alte Zeiten“ im ebenfalls tschechischen Karlovy Vary oder im niederländischen Rotterdam. Übernachten dürfen die Festivaltouristen in den Hochschulen der Stadt. Eine solche Filmbegeisterung war 1997, als das Festival von Marek Hovorka und anderen für ein paar hundert Zuschauer in einem einzigen Kino gegründet wurde, nicht abzusehen. Hovorka leitet die Veranstaltung übrigens heute noch, und er gehört zu jenem Typus Festivaldirektor, der sich nicht in seinem Büro verschanzt, sondern stets mitten im Getümmel anzutreffen ist.

Heute zeigt Jihlava in schlanken sechs Tagen rund 300 Filme – auch Österreich war mit aktuellen Festivalrennern wie Cinema Futures, Brüder der Nacht oder Die Geträumten gut vertreten. Die sechs Wettbewerbssektionen tragen griffige Titel wie Opus Bonum, Between the Seas, Fascinations oder Czech Joy. Der Fokus liegt, wenig überraschend, auf Filmen aus Ost- und Zentraleuropa, wenngleich das „Weltkino“ durchaus nicht zu kurz kommt. Darin zu sehen war etwa der bizarre französische Beitrag Peshmerga des sogenannten Philosophen Bernard-Henri Lévy. Der umtriebige Selbstdarsteller begleitet die titelgebenden kurdischen Kämpfer bei ihrem Feldzug gegen den IS auf irakischem Boden – von Bagdad über Erbil und Kirkuk bis in die Nähe von Mossul. Aber nicht nur das, Lévy hat auch mit Kameras bestückte Drohnen (!) aus Frankreich mitgebracht, mit deren Hilfe die Peshmerga nun den Feind besser auskundschaften können. So hehr das Anliegen der stolzen kurdischen Kämpfer sein mag, die „Barbaren“ zu vertreiben bzw. unschädlich zu machen – der Film ist eine seltsame Mischung aus kritikloser Heldenverehrung und blauäugiger Naivität.

Der Hauptpreis in der Opus-Bonum-Reihe ging an den französisch-griechischen Film Spectres Are Haunting Europe von Maria Kourkouta und Niki Giannari, der sich auf subtile Weise mit dem mittlerweile geräumten Flüchtlingslager Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze beschäftigt. Das Besondere an dieser Entscheidung: Sie wurde von einer einzigen Person getroffen, nämlich von Claire Atherton, die 30 Jahre lang enge künstlerische Mitarbeiterin von Chantal Akerman war. In der Sektion Between the Seas (Zentral- und Osteuropa) wurde der georgisch-deutsche Film The Dazzling Light of Sunset von Salomé Jashi ausgezeichnet, ein Panoptikum „kleiner Geschichten aus kleinen Städten“, wie die Regisseurin selbst anmerkt. Die meiste „Czech joy“ verbreitete nach Ansicht der Jury der Film FC Roma von Tomás Bojar und Rozálie Kohoutová, der sich nicht mit dem berühmten Fußballklub aus Rom befasst, sondern mit einer Roma-Mannschaft aus der dritten tschechischen Liga, die bei ihren Spielen gegen die „Gadjo“-Teams mit allen ekelhaften Spielarten der Xenophobie und des Rassismus konfrontiert wird, aber trotzdem ihre Freude am Sport nicht verliert. „Hitler hat auf dem Spielfeld nichts verloren“, sagt einer der Spieler einmal unmissverständlich.

Die vielen Filme, die man in Jihlava zu sehen bekommt, sind die eine Seite der Festival-Medaille. Wodurch die Veranstaltung jedoch seit längerem schon nahezu konkurrenzlos ist, sind die unzähligen Aktivitäten, die gesetzt werden, um die Herstellung und den Vertrieb von Dokumentarfilmen zu befördern und vor allem, um jungen Produzentinnen und Produzenten zu mehr Chancen, Aufmerksamkeit und Öffentlichkeit zu verhelfen. Der East Silver Film Market, der Filme aus Osteuropa promotet, ist eine dieser Initiativen. Eine weitere ist der von Jihlava ausgegangene Zusammenschluss mehrer Festivals zur DocAlliance, der inzwischen neben Jihlava sechs weitere Festivals angehören: CPH:DOX (Kopenhagen), FID Marseille, Docs Against Gravity (Warschau), Visions du Réel (Nyon), DOK Leipzig und DocLisboa. Längst betreibt man gemeinsam auch die Online-Streaming-Plattform DAFilms (dafilms.com), die kostengünstige Abos für Dokumentarfilm-Interessierte anbietet. Weiters gibt es zahlreiche Masterclasses zu allen Aspekten des Filmemachens (heuer u.a. mit dem US-Avantgardisten Bill Morrison, dem italienischen Editor Jacopo Quadri (Fuocoammare), dem isländischen Komponisten Hilmar Örn Hilmarsson, mit Rebecca O’Brien, seit vielen Jahren Produzentin von Ken Loachs Filmen, oder mit Mike Bonnano von den Yes Men), eine schiere Unzahl an Talk Shows, Diskussionen, Lectures, Fallstudien, das passend betitelte Inspiration Forum und – in der Reihe Emerging Producers – die Möglichkeit für junge Filmschaffende, sich, ihre Firmen und ihre Projekte in einer Art Speed Dating zu präsentieren. Wer nach Jihlava nicht erschöpfend über das aktuelle Dokumentarfilm-Geschehen informiert ist, dem ist wirklich nicht zu helfen. Eine ähnliche Veranstaltung in Österreich, angeblich ja eine Hochburg des Dokumentarfilms, ist leider weit und breit nicht in Sicht.

 



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