“Seine Familie kann man sich nicht aussuchen“

John Wells hat sich in erster Linie als Produzent und Drehbuchautor von US-Erfolgsserien wie The West Wing, Emergency Room und Shameless einen Namen gemacht. Vor allem das Schreiben sei für ihn wie tägliche Medizin, sagt er selbst. Sein Spielfilmdebüt gab er im Jahre 2010 mit „The Company Men“, einem eindringlichen Drama, das die jüngste globale Finanzkrise am Bespiel von drei erfolgreichen Männern thematisiert, die nach der Kündigung einen Neustart versuchen. In seiner jüngsten Regiearbeit, „Im August in Osage County“, basierend auf dem gleichnamigen Theaterstück von Tracy Letts, dominieren diesmal vor allem zwei Frauen das Geschehen um eine zerrüttete Familie mit einigem Klärungsbedarf: Meryl Streep als verbiesterte, kranke Mutter und Julia Roberts als ihre älteste Tochter, die widerwillig heimkehrt, als der Vater plötzlich verschwunden ist.

 

Tracy Letts erhielt für Im August in Osage County vor fünf Jahren den Pulitzer-Preis, und seit der Premiere in Chicago wird das Stück mit großem Erfolg in Theatern auf der ganzen Welt gespielt. Wer es einmal live erleben durfte, kann sich kaum vorstellen, dass ein Film der Bühnenproduktion auch nur annähernd das Wasser reichen kann. Hatten Sie ähnliche Bedenken, bevor Sie sich dazu entschlossen, bei dem Projekt die Regie zu übernehmen?
Als ich das Stück zum ersten Mal auf der Bühne gesehen habe, hat mich das unheimlich bewegt. Obwohl das Gott sei Dank nicht einmal annähernd meine Familiengeschichte ist, gab es bestimmte Ansatzpunkte, mit denen ich mich – wie viele andere Menschen mit Sicherheit auch – sehr gut identifizieren konnte: dieses Gefühl, nach langer Zeit wieder in das Haus der Kindheit zurückzukehren; die Art und Weise, wie man als Erwachsener mit seinen Eltern umgeht und die Verantwortung, die man trägt, wenn sie alt werden; unverdaute Konflikte; Rivalitäten unter den Geschwistern; lange vertuschte Familiengeheimnisse – all das. Und diese ungreifbare, emotionale Kraft, die darin steckt, hat mich lange nicht losgelassen. Für mich ist Im August in Osage County eines dieser großen Stücke, die einen unmittelbar in ihren Bann ziehen, ganz gleich wie nah die Geschichte an einem selber dran ist. Die Einzelheiten sind im Grunde weniger entscheidend als die Tatsache, dass es sich immer irgendwie echt anfühlt. Als dann die Idee einer Verfilmung aufkam, habe ich, ehrlich gesagt, nicht lange gezögert und sofort zugeschlagen.

Wie kann man sich die Zusammenarbeit zwischen Tracy Letts und Ihnen vorstellen?
Wir haben gute 18 Monate am Drehbuch gearbeitet. Mir was es zunächst einmal wichtig, zu erfahren, wie Tracy das Stück für sich erarbeitet hatte, warum manche Szenen oder Dialoge genau so sind, wie sie sind, und nicht anders, und wie er zu bestimmten Entscheidungen gekommen war. Aber die größte Herausforderung bestand darin, das Stück, das auf der Bühne gute drei Stunden dauert, in eine kinogerechte Form zu bringen, also die Dinge aus dem Text herauszufiltern, die man im Film sowieso sieht, die demnach nicht, wie das im Theater der Fall ist, beschrieben werden müssen. Andererseits haben wir auch viel über filmische Mittel geredet, vor allem über Close-Ups. Im Theater hat man ja eine natürliche Distanz zum Geschehen und kann oft gar nicht genau sehen, was da gerade im Gesicht des Schauspielers vorgeht. Das alles haben wir während des Schreibens am Drehbuch bis ins kleinste Detail diskutiert. Aber die Zusammenarbeit ging auch danach noch weiter, erst am Set, dann im Schneideraum. Mir kommst es vor, als hätten Tracy und ich eigentlich die letzten dreieinhalb Jahre lang pausenlos miteinander geredet.

Gab es bestimmte Motive oder Details, die Ihnen persönlich besonders wichtig waren, die Sie im Film unbedingt rüberbringen wollten?
Mir war vor allem wichtig, ein Gefühl für den Ort zu vermitteln, an dem die Geschichte spielt, diese atemberaubende und zugleich brutale Landschaft in Oklahoma, die es in sich hat. Bei aller Weite und Idylle hat die Gegend durchaus auch etwas Klaustrophobisches, und das selbst bei strahlendem Sonnenschein.

War das auch ein Grund dafür, warum Sie sich entschieden, den kammerspielartigen Charakter weitestgehend beizubehalten und ausschließlich vor Ort zu drehen?
Auf jeden Fall. Das Haus, in dem wir den Film drehten, spielte dabei natürlich auch eine ganz entscheidende Rolle, und wir haben wirklich sehr lange danach gesucht. Es sollte einerseits größer sein und weiträumiger, als das auf der Bühne möglich ist, andererseits aber auch beengend wirken. Und dann sind wir auf dieses Haus gestoßen, das Sie im Film sehen, und zwar direkt in Osage County, wo die Geschichte spielt, das war schon großes Glück. Wir haben das Haus gleich gekauft, als sich herausstellte, dass das billiger war, als ein komplett neues Set zu bauen. Ein dankbarer Nebeneffekt bestand zudem darin, dass wir während des Drehs jeden Morgen alle zusammen rausfuhren, was einem sofort dieses Gefühl vermittelte, nach Hause zu kommen. Das hat den Schauspielern sehr geholfen.

Neben der emotionalen Bindung, die Sie bereits angesprochen haben, besticht das Stück wie auch der Film vor allem durch einen präzise platzierten, düsteren Humor, bei dem einem das Lachen nicht selten im Hals stecken bleibt.
Ja, absolut. Ich denke, dass die Menschen von Natur aus optimistisch sind, und in schwierigen Situationen führt das oftmals dazu, dass sie versuchen, komisch zu sein, wo keine Komik ist, um die Spannung zu lockern. Gelacht wird dann meist trotzdem, auch wenn es eigentlich nichts zu Lachen gibt oder der Witz auf Kosten eines anderen geht. Das kommt in den besten Familien vor. Und angesichts der Tragik und des Dramas, das sich konsequent durch die Geschichte zieht, waren wir bei der Arbeit am Drehbuch sehr vorsichtig, wenn es darum ging, diese Stellen in irgendeiner Weise zu kürzen oder ganz rauszunehmen, auch wenn der Humor oft extrem schwarz und bitter ist. Ganz ohne wäre es im Grunde fast unerträglich.

Meryl Streep, die im Film die Rolle der Mutter spielt, war angeblich nicht auf Anhieb von dem Part begeistert, der ihr am Ende ihre 18. Oscar-Nominierung einbrachte. Worin lagen ihre Bedenken?
Es ist eine sehr schwierige Rolle, und ihre Skepsis war keineswegs unbegründet. Was sie allein körperlich tagtäglich bewältigen musste, war schon hart. Wir haben ja nicht chronologisch gedreht, das heißt, sie musste sich jeden Morgen aufs Neue darauf einstellen, an welchem Punkt in ihrer Krankheit und ihrer Drogenabhängigkeit sie sich gerade befand, ob sie bereits Pillen geschluckt hatte oder nicht, ob sie Schmerzen hatte, aggressiv drauf war oder streitsüchtig auf ihre Töchter losging. Für den Zuschauer läuft vieles davon meist sehr unbewusst ab, aber für eine Schauspielerin, die ihre Arbeit gut machen will, sind solche Dinge entscheidend. Dazu kommt, dass Meryl keine Raucherin ist, im Film allerdings Kette raucht, zwei Schachteln am Tag oder mehr. Und wenn man ehrlich ist, kann man die Rolle wohl kaum als Wunschrolle bezeichnen. Spaß macht das nicht, wenn sie jeden Tag ihre lieben Kollegen ankeifen und das Ekel raushängen lassen müssen. All das hat sie zunächst zögern lassen, und sie hatte zudem Sorge, dass ihre Darstellung karikaturhaft wirken könnte und zu wenig real. Es ging ihr darum, dem Zuschauer das Gefühl zu vermitteln, dass man die Figur trotz allem nicht hasst, dass man ihr gegenüber Sympathie aufbringt, oder wenigstens Mitgefühl zeigt, dass man Verständnis hat dafür, warum sie so ist, wie sie ist.

Julia Roberts ist in der Rolle als älteste Tochter Barbara nicht weniger beeindruckend – auch eine Rolle, die man ihr vielleicht nicht auf Anhieb abnehmen würde. War sie ihre erste Wahl?
Ja. Seine Familie kann man sich ja leider nicht aussuchen, seine Schauspieler mit etwas Glück schon. Nein, im Ernst. Julia ist eine großartige Schauspielerin, und sie war, im Gegensatz zu Meryl, auch sofort angetan von der Rolle. Wir haben uns nur einmal getroffen und in dem Gespräch sagte sie, dass sie das Image als „America‘s Sweatheart“ endlich hinter sich lassen und nun mehr Rollen übernehmen wolle, die auch ihrem Alter eher entsprechen würden. Zweifellos sieht sie mit 46 Jahren noch immer großartig aus, aber im Film spielt sie eben eine verbitterte 46-jährige Frau, die von ihrem Mann wegen einer Jüngeren verlassen wurde. Sie ist deprimiert, trägt kein Make-up mehr und versteckt sich unter weiten Schlabberklamotten. Und Julia stand von Anfang an voll dahinter und meinte: „Ich will eine Schauspielerin sein, die solche Rollen übernehmen kann.“

Was ist für Sie persönlich das Schwierigste daran, vom Produzenten- auf den Regiestuhl zu wechseln?
Mir fällt es manchmal immer noch schwer, eine Szene ausschließlich mit den Augen eines Regisseurs zu betrachten, also Zeit- und Kostenfaktoren weitestgehend außen vor zu lassen.

Was ist daran so schlimm?
Wenn sie so lange als Produzent im Geschäft sind wie ich, sind sie daran gewöhnt, immer und für alles die Verantwortung zu übernehmen. Aber als Regisseur müssen sie im Grunde  genau das Gegenteil tun, das heißt, die Verantwortung abgeben, um aus jeder einzelnen Szene das Beste für den Film rauszuholen. Damit meine ich nicht, dass sie als Regisseur das Geld bedenkenlos zum Fenster rauswerfen sollen, es geht einfach darum, dass sie sich konkret auf das konzentrieren, was vor der Kamera passieren soll, ohne im dem Moment daran zu denken, was das jetzt alles kostet. Darüber können sich andere Leute viel besser den Kopf zerbrechen.



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Interview ~ Pamela Jahn

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