Tinte aus Heidelbeersaft

„12 Years a Slave“, für neun Oscars nominiert, bricht mit den Konventionen des  Sklavenfilms und wendet sich Fragen persönlicher Integrität und der Freiheit zu. Auch „The Butler“ von Lee Daniels setzt die Sklaverei an den Beginn seiner Erzählung.

 

Wenn man sich auf YouTube die Trailer der wenigen Kinofilme ansieht, die sich die Sklaverei zum Thema gemacht haben, ergibt das eine Semantik der Grausamkeit: Auspeitschungen, weibliche Entblößung und Baumwollpflücker-Gesänge als Signifikanten einer bestimmten historischen Periode. Aus heutiger Sicht ließe sich sagen, dass es sich hier um Repräsentationen handelt, die zudem auf krasse Weise fehlmotiviert waren. Vor allem werden sie jenen nicht gerecht, um die es diesen Filmen (thematisch von Raoul Walshs Band of Angels bis Herbert J. Bibermans Slaves) vorgeblich geht. Auch wenn das Blaxploitation-Genre mittlerweile gewendet (Tarantinos Django Unchained) oder kammerspielartig umschifft wurde (Spielbergs Amistad, Lincoln), hat – anders als im Fernsehen – im Kino bisher niemand den so genannten Sklaven von der spekulativen Ausschmückung zum Protagonisten selbst gemacht – und gewissermaßen nun auch subgenremäßig befreit.
Dem Briten Steve McQueen ist das mit dem auf der Autobiografie von Solomon Northrup basierenden Film 12 Years a Slave geglückt, und bereits der Titel weist darauf hin, dass es nun nicht mehr um die nahezu biologistisch anmutende Kategorie „Sklave“ geht, sondern um Menschen, die versklavt wurden. Der Film geht allerdings auch von einem Sonderfall aus: Sein Protagonist ist kein Mann, der in Afrika gefangen genommen und nach Amerika verschifft wurde, sondern jemand mit gesellschaftlichem Status: ein Geigenspieler in New York, ein gelehrter, freier schwarzer Mann, der in den Süden des Antebellum verschleppt wird. Das erspart der Inszenierung vielleicht jene Peinlichkeiten, in die Spielberg bei Amistad getappt ist, als er vor der dramaturgischen Aufgabe stand, die Sklaven dieses Schiffes für sein Kinopublikum zu signifizieren. Er tat das zuerst, indem er die Männer und Frauen als Fremde primär emotional und über ihre unverständliche Sprache als irrational auswies, um sie dann durch einen Transfer christlicher Symbolik (die Masten der Schiffe werden zu riesigen Kreuzen; der Anführer Cinqué entdeckt später die Bibel) doch noch gesellschaftlich einzugliedern. Bei McQueen führt das Narrativ steil in die andere Richtung, in die persönliche und biografische Versenkung. Solomon Northrup (Chiwetel Ejiofor) muss seine intellektuellen Fähigkeiten tarnen. Sklaven, die schreiben oder sich Bildung aneignen konnten, waren vom Tod bedroht, wie sich in autobiografischen Berichten von in den Norden geflohenen Sklaven (aufschlussreich: Frederick Douglass) nachlesen lässt. Die Heidelbeeren, die Northrup einmal verwendet, um mit deren Saft einen Brief an seine Familie zu schreiben und nach New York schmuggeln zu lassen, bringen ihn tatsächlich an den Rand des Todes. Erst nach zwölf Jahren gelingt ihm die Flucht.

Identität

McQueens Film geht es offensichtlich um zweierlei: Einerseits wird hier die Ökonomie der Sklaverei beschrieben. Northrup kann keinem anderen Plantagenarbeiter trauen. Die Menschen werden möglichst isoliert, um die stets befürchtete Rache an den Sklavenhaltern abzuwenden. Die Beziehung, die Northrup zu seiner Leidensgenossin Patsey (Lupita Nyong’o) aufbaut, erzählt von emotionaler Brüchigkeit und der Absenz von Sicherheit, jedenfalls fern einer romantischen oder sexuellen Aufladung. Die Rolle, die Brad Pitt schließlich als weißem Arbeiter unter Sklaven zuteil wird – er bietet sich Northrup als konspirativer Vertrauensmann an –, fühlt sich insofern auch etwas schal an. Aber auch die Fassade des sadistischen Sklavenhalters wird in dieser Erzählung aufgebrochen. Der erste „Besitzer“ Northrups (Benedict Cumberbatch) gibt diesem die Geige (Musik wird als emotionales Gewerbe aufgefasst) und damit ein Stück „Identität“ zurück, zudem wird ihm bei der Erschließung der Sümpfe planerische Kompetenz für die Transportwege zuteil. Dem Sklavenhalter hingegen ist es vorbehalten, sich in einer pointierten Szene selbst als Opfer der Sklavenökonomie auszuweisen. Er muss aus finanziellen Gründen Northrup verkaufen und bricht darüber vor Verzweiflung fast zusammen.
Auf der anderen Seite ist McQueen offensichtlich darum bemüht,
keine weitere Ethnografie des schwarzen versklavten Mannes zu produzieren, sondern von einer menschlichen Dimension zu berichten. Die Frage, wer Solomon Northrup ist bzw. nicht mehr ist, was also geschieht, wenn einem die persönliche Integrität geraubt wird, und wie sich dieser Mann zwischen Pragmatismus und Wehrhaftigkeit wiederfindet, ist ein erkennbares Motiv des Films. Das berührt eher nicht Fragen der Identität und hat mit Belastungstests des Körpers – Folterszenen sind auf wenige, aus dem Film heraustretende Momente beschränkt – nur insofern zu tun, als Northrups Schicksal eng an das seines „Besitzers“ geknüpft ist. Die längste Zeit im Film wird dieser von Michael Fassbender dargestellt, der nun doch Züge des sadistischen Sklavenhalters aufweist, dieses erratische Schema aber auch durch selbstdestruktives Verhalten stört. Widerstand ist in 12 Years a Slave eine Einstellung, die dramaturgisch die längste Zeit nicht von Erfolg gekrönt ist, aber die Haltung des Films zu seinem eigenen Narrativ ständig vor Abweichungen in das Feld des Spekulativen bewahrt. Und sofern Kritik daran geäußert wurde, dass Fassbenders Sklavenhalter die eigentlich treibende Kraft in diesem Film sei, dann genau in dieser Hinsicht, dass dieser Figur der Teil des Spekulativen überlassen wurde, während Solomon Northrup nicht zum Subjekt der Blaxploitation degradiert werden muss.

Kein Dokumentarfilm

Diese Form der Zurückhaltung übt Steve McQueen auch inszenatorisch. Mit gesättigten Bildern entschied sich der Regisseur, ursprünglich bildender Künstler, gegen einen dokumentarischen Stil und setzt teilweise fast auf eine märchenhafte Bildästhetik. Aus der Distanz beobachtet schließt er sich damit nicht jenem Trend an, Filme bzw. bestimmte Szenen als quasi-realistische Bilder zu inszenieren und sie damit für das kollektive Mediengedächtnis unserer Gesellschaft fit zu machen. Soll heißen, 12 Years a Slave tritt als Erzählung über eine bestimmte historische Periode auf und versucht nicht, sich als Dokument dieser Zeit zu authentifzieren. Malerische Einsprengsel der Sümpfe, das herrschaftliche Plantagenhaus weder als Ort der Haussklaven-Verklärung noch der unangefochtenen Macht, eine (folgenreiche) Gossip-Szene auf der Veranda mit Alfre Woodard, aber auch die auf Souveränität bedachte Kamera von Sean Bobitt (er filmte zuletzt das von Spike Lee realisierte Remake von Oldboy) dürfen als bewusste Positionen gegen die Erwartungen an ein solches Thema verstanden werden. Fast lässt sich selbst der kompositorische Einsatz von Hans Zimmer in diesem Zusammenhang als positiv anführen. Entsprechend pathosarm, fast verstörend, fällt auch das Moment der Befreiung aus. Eine nüchtern gehaltene, kurze Begegnung mit der verlorenen Familie verweist noch einmal auf die Frage, die sich der Protagonist und Erzähler Solomon Northrup selbst zu stellen hat. Die Frage, wer er ist, lässt sich nach der Rückkehr in das bürgerliche Leben folgerichtig nicht mehr beantworten.
Und noch einen weiteren Film bringt die US-amerikanische Filmproduktion mit ihrem jüngst gehäuften Interesse an der Sklaverei hervor. Nach Tarantino und Spielberg interessiert sich auch The Butler am Rande für das Thema. Precious-Regisseur Lee Daniels lässt seine Anthologie eines schwarzen Butlers, der acht Präsidenten im Weißen Haus erlebt, damit beginnen, dass dieser Zeuge und Opfer der Versklavung ist. Im Gegensatz zu McQueen, der offenbar keinen großen Wert darauf legt, den Ablauf der Zeit (der zwölf Jahre) erkennbar zu machen, ist The Butler als Nummernrevue angelegt. Jeder Phase gelten einige programmatische Momente, ganz nach dem Schema eines Films, der in Paris spielt und zu Beginn den Eiffelturm zeigt. Wie sich sexueller Zugriff, Mord, Flucht und Traumatisierung aus den Augen des jungen Butlers (später: Forest Whitaker) darstellen, fühlt sich, insbesondere im Vergleich mit McQueens
Inszenierung, ziemlich falsch an. Das Anliegen scheint die rasche Klärung der Verhältnisse zu sein, emotionale Urteilsfindung überwiegt die mögliche Kontingenz der Erzählung. Das wird auch im Verlauf der Jahrzehnte nicht besser. So platt The Butler streckenweise wirkt, so platt könnte man auch sagen, man hat es hier mit der Erzählung einer Entfremdung zu tun. Der Butler, ein braver Diener seines Herrn, wird gegen Ende zweifeln, und das hat nicht unbedingt mit dem ideologischen Lob von Nancy und Ronald Reagan – „You served your country well“ – an den Hausangestellten zu tun. Vom späteren Butler nur gestreifte, dennoch schicksalsschwer gesetzte Bilder – etwa zwei gehängte Afroamerikaner zu Donnergeräuschen – wechseln sich mit ironischen Anspielungen etwa an Stanley Kramers pädagogisch ausgerichtete Tragikomödie Guess Who’s Coming to Dinner (1967, mit Sidney Poitier als unerwünschtem Gast) ab; von „concentration camps“ ist einmal im Zusammenhang mit den Plantagen die Rede, dann wieder werden die Black Panther als penetrante Mischung aus Ideologisierung und Arroganz verurteilt. Mittendrin Oprah Winfrey, die nach dem Post-Sklavenstück Beloved erneut keine glückliche Hand bei der Auswahl ihrer Filmeinsätze beweist. Und obwohl das über viele Jahrzehnte reichende Geschehen einer langsamen Distanzierung des Blicks dieses Butlers folgt, findet sich in der filmischen Inszenierung keine Entsprechung dieser Bewegung. So entsteht der Eindruck, dass die Welt sich ändert, während der stille Held der gleiche bleibt, dieser aber mit zunehmendem Unverständnis begegnet. Eine schlichte Geschichte.



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12 Years a Slave


Drama, USA/Großbritannien 2013
Regie
Steve McQueen
Drehbuch
John Ridley nach „Twelve Years a Slave“
(1853) von Solomon Northrup
Kamera
Sean Bobbitt
Schnitt
Joe Walker
Ton
Robert Jackson
Musik
Hans Zimmer
Production Design
Adam Stockhausen
Kostüm
Patricia Norris

Mit Chiwetel Ejiofor, Michael Fassbender, Benedict Cumberbatch, Paul Dano, Paul Giamatti, Lupita Nyong’o, Sarah Paulson, Brad Pitt, Alfre Woodard
Verleih Tobis, 134 Minuten
www.foxsearchlight.com/12yearsaslave
Kinostart 17. Jänner 2014


The Butler


Drama, USA 2013
Regie
Lee Daniels
Drehbuch
Danny Strong nach
dem Artikel „A Butler Well Served by This Election“
von Wil Haygood

Kamera
Andrew Dunn

Schnitt
Joe Klotz
Sound Design
Debby Van Poucke
Musik
Rodrigo Leão
Production Design
Tim Galvin
Kostüm
Ruth E. Carter
Mit
Forest Whitaker, David Banner,
Oprah Winfrey,
Mariah Carey, John
Cusack, David Oyelowo,
James Marsden, Vanessa Redgrave,
Alan Rickman
Verleih Filmladen, 132 Minuten
www.derbutler-derfilm.de/
Kinostart bereits gestartet

 



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