Utopisches Verändernwollen

Hans Neuenfels erschloss in den achtziger Jahren den tragischen Dichter Heinrich von Kleist für die Leinwand, um dessen radikale Modernität fassbar zu machen. Auf 3 DVDs bei Filmgalerie 451.

 

„Die Wahrheit ist, daß mir auf Erden nicht zu helfen war.“ Kleist! Ließ die männlichen Helden seiner Werke in kritischen Situationen gerne in Ohnmacht fallen. Ließ Michael Kohlhaas im Kampf gegen die Obrigkeit den Kopf verlieren und Penthesilea sich mit ihrem eigenen Reuegefühl töten. Schrieb anbetrachts Caspar David Friedrichs Gemälde „Der Mönch am Meer“, es sei, „als ob einem die Augenlider weggeschnitten wären“. Fand in seinem Leben keine Ruhe und kein Glück. Schoss zuerst Henriette Vogel ins Herz und dann sich ins Hirn, am 21. November 1811 am Kleinen Wannsee zu Berlin, da war er gerade mal 34 Jahre alt. In Kleistens Seele stürmte ein Sehnen, ein drängendes Befragen der eigenen gesellschaftlichen Gegenwart, ein utopisches Verändernwollen. Schwer zu sagen, was ihn im Grunde seines Herzens wirklich umtrieb, aber das Korsett, das Herkunft, Stand und Zeit für ihn bereit hielten, das war ihm zu eng.

Hans Neuenfels, Jahrgang 1941, deutscher Theater-, Opern-, Filmregisseur und Schriftsteller, hat sich an Person und Werk Heinrich von Kleists lange und intensiv abgearbeitet. An der rätselhaften, zwischen den Stühlen zu Fall gekommenen, tragischen Figur, die Kleist in der Literaturgeschichte darstellt, ebenso wie an der Bedeutung von dessen künstlerischem Schaffen, dem, wovon darin im Eigentlichen und aufs Existenzielle Zielenden die Rede ist. „Ich glaube, dass keiner in der klassischen deutschen Dichtung die Neurose und ihren Übergang zur Psychose, selbstverständliche Schlagworte unserer Jetzt-Zeit, so visionär, so erbarmungslos ehrlich und so genau übersetzt hat wie Kleist“, schreibt Neuenfels. Und etwas später: „Kleist spürt bis zum Bersten, bis zum Zusammenbruch ein ursprüngliches Unbehagen, einen Mangel, der größer ist, als man selbst, einen Riss, der einschneidender ist, als der Körper ihn aufhalten kann, durch den er geht.“

Die Zitate sind dem Essay „Das Trauerspiel als existenzieller Tatort“ im Booklet der DVD Die Familie oder Schroffenstein entnommen. Die wiederum bildet gemeinsam mit Heinrich Penthesilea von Kleist und Europa und der zweite Apfel die von Filmgalerie 451 veröffentlichte „Kleist/Neuenfels-Trilogie“. Außerordentlich verdienstvoll ist diese Edition der drei 1984, 1983 und 1988 entstandenen, jahrelang nicht greifbaren Filme, die aus Neuenfels‘ Auseinandersetzung mit Kleist hervorgegangen sind, und ausgestattet sind die DVDs jeweils mit einem Booklet und einem Interview, in dem der renommierte Kameramann Benedict Neuenfels seinen Vater nach dessen Motivation befragt.

Neuenfels, das machen die obigen Worte deutlich, versucht in seinen Adaptionsarbeiten tief in den Wesenkern von Dichter und Dichtung vorzudringen. Er will Kleist und seine Texte nicht nur für die Gegenwart des 20. Jahrhunderts erschließen, sondern bereits in ihrer damaligen Modernität lesen: das 1804 uraufgeführte Trauerspiel „Die Familie Schroffenstein“ als Kritik an der Idee der Familie als Keimzelle der patriarchalen Gesellschaft; das 1808 erschienene Trauerspiel „Penthesilea“ als Analyse von Identitätsfindung, Rollenverhältnis und Geschlechterkampf; den 1810 publizierten Essay „Über das Marionettentheater“ (der Europa und der zweite Apfel zugrunde liegt) schließlich als philosophische Erörterung von Entfremdung, Ich-Krise und Selbstverlust. Dabei verbindet Neuenfels das Theatrale mit dem Filmischen, das Essayistische mit dem Narrativen, das experimentell Offene mit dem dramaturgisch Verdichtenden, zieht Meta-Ebenen ein, macht Umwege, schweift ab, assoziiert, lässt Ein-, Aus- und Zufälle zu. Leicht nachzuvollziehen oder gar mühelos zu verstehen ist der politisch bewegte, post-68er-Regieansatz der drei Filme nicht immer, immer aber unterhaltsam ist es, sie als Dokumente mittlerweile auch schon historisch gewordener Aufführungspraxen und Inszenierungskonzepte zu sehen. Darüber hinaus erbringen sie den faszinierenden Beweis dafür, dass die Dringlichkeit der Kleist‘schen Sprache, die Schärfe seiner Gedanken mühelos und unbeschadet auch allmählich obsolet werdende Formen überdauert.



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KLEIST/NEUENFELS-TRILOGIE
Regie
Hans Neuenfels
Bonus
Interview, Booklet
Filmgalerie 451

Heinrich Penthesilea von Kleist (BRD 1983)
Mit
Elisabeth Trissenaar, Hermann Treusch,
Verena Peter, Berta Drews

Filmlänge
144 Minuten

Die Familie oder Schroffenstein (BRD 1984)
Mit
Ulrich Wildgruber, Annemarie Düringer,
Angela Schanelec, René Hofschneider

Filmlänge
130 Minuten

Europa und der zweite Apfel (BRD 1988)
Mit
Hans-Michael Rehberg, Ingo Hülsmann,
Bernhard Minetti, Irm Hermann

Filmlänge
110 Minuten

 



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