Viennale-Blog 1

Auch dieses Jahr gibt ray zusammen mit der Viennale vier Wiener Schülerinnen und Schülern zwischen 16 und 18 Jahren die Chance, das Festival hautnah zu erleben und ihre Eindrücke in einem Viennale-Blog zu dokumentieren.

 

Ich muss mich beeilen, denn ich bin bereits zu spät. Es ist 18.05 Uhr und ich verlangsame meinen Schritt, als ich eine beträchtliche Schlange am Eingang des Gartenbaukinos entdecke. „Die fangen nie rechtzeitig an“, meint ray-Herausgeber Andreas Ungerböck und betrachtet lächelnd den ihm vertrauten Zirkus. Überall stehen Leute in der Eingangshalle des Gartenbaukinos, begrüßen einander, ignorieren einander, drängen sich aneinander vorbei. Plötzlich kündigt eine Glocke den Beginn der Vorstellung an, und eine träge Masse bewegt sich Richtung Kinosaal. Wieder eine Schlange. Ich beobachte die Leute, wie sie ihre Namen nennen, die Viennale-Tasche gierig entgegennehmen und in einem hinsichtlich der Besucherzahl eindeutig unterforderten Kinosaal Platz nehmen. Auf der Bühne des Gartenbaukinos haben vor der Leinwand bereits Hans Hurch, der Direktor der Viennale, und Alexander Horwath, der Direktor des Filmmuseums, Platz genommen. Der riesige Saal des Gartenbaukinos scheint auch ohne Film eine eigene Welt zu sein. Es ist vollkommen still. Hurch beginnt zu sprechen, die Vorstellung beginnt. Das Auditorium wird ruhig begrüßt, und es wird versprochen, sich kurz zu halten, obwohl man das anscheinend nie einhält. Im Hintergrund filmen zwei Kameramänner. Der Viennale-Direktor beginnt über den diesjährigen Eröffnungsfilm Amour Fou zu sprechen und lobt ihn sehr. Weiter geht es mit Filmen im Programm, die er jedem ans Herz legen möchte wie A Girl Walks Home Alone at Night und dem diesjährigen Tribute für Viggo Mortensen. Insgesamt bemerkt der Festivaldirektor einen stärkeren Hang zum Politischen in den meisten Filmen.

Ich beobachte den Kinosaal und stelle fest, dass sich die Besucher in Gruppen unterteilt haben. Im hinteren Bereich ist die letzte Reihe voll besetzt. Ein Phänomen, das sich in keiner anderen Sitzreihe des Kinosaals wiederholt. In der Mitte des Saals sind einzelne versprengte Besucher, und ganz vorne wird es wieder dichter. Hier sitze ich.

Klack Klack – das verirrte Klicken einer Kameralinse durchbricht die Stille.

Die Stimme des Sprechers ist so raumfüllend, dass alle anderen Geräusche in den Hintergrund treten. „Keep up the flame“ sei das diesjährige Motto der Viennale. Dabei gehe es um die Leidenschaft für die Kunst, genauso wie um die Bewahrung von Film als Kunstform. Herr Hurch lächelt.

Es ist 18.40 Uhr. Ich drehe mich wieder um und sehe einen Mann mittleren Alters hinter mir sitzen. Er trägt eine silberne Brille mit leichtem Gestell, und sein Mund ist weit geöffnet, als sei er kurz davor, an der dargebotenen Informationsflut zu ersticken, er schläft. Der diesjährige Stargast wird der Regisseur Abel Ferrara sein. Hurch fügt noch hinzu, dass Ferrara am liebsten mit Willem Dafoe kommen würde. Das sei aber noch unsicher. Bei der Erwähnung von Dafoes Namen geht Gemurmel durch die Menge. Das Kino lebt eben von Stars. Klack, Klack, Klack die Fotografen versuchen das beste Bild aus einer sich kaum verändernden Szenerie herauszuholen. Hans Hurch sitzt selbstbewusst mit lässigem Sakko da, während er über das Programm redet.

Alexander Horwath schafft es seit mittlerweile gut einer Stunde, ihn mit radikal überkreuzten Beinen zu flankieren. Dazu blickt er Herrn Hurch unverwandt an, als wolle er das Redezepter dadurch erzwingen. Tatsächlich gibt der Direktor der Viennale wenig später das Wort an den Direktor des Filmmuseums weiter. „Danke für das nette Intro“, meint dieser nach einer Stunde und achtzehn Minuten. Er kommt sofort zur Sache und erzählt über John Ford. Dieser stehe stellvertretend für das amerikanische Kino, mit Einflüssen bis heute. Besonders empfiehlt Horwath auch zwei Filme von ihm: The Sun Shines Bright und  They Were Expendable. Die besondere Stärke von Ford sei, die Dinge so darzustellen, wie sie sind. Beide Filme zählen zu seinen etwas weniger bekannten Werken, die aber seine Kunst, Umstände realistisch darzustellen, auf den Punkt bringen. 19.41 Uhr: Drei Leute verlassen den Kinosaal. Alex Horwath sitzt immer noch mit überkreuzten Beinen da. 19.43 Uhr: Wieder gehen zwei Leute. Hans Hurch kommt nun zur Danksagung. 19.45: Drei Leute stehen auf. 19:46: Der Direktor des Filmmuseums ändert zum ersten Mal seine Sitzhaltung. Die letzten Fragen werden gestellt, und wir werden mit den verbliebenen Zuhörern wieder hinausgebeten. Die Pressekonferenz der Viennale 2014, ein minimalistisches, lebendiges Kino.

 



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