Von Austerlitz bis Zappa

Stark gibt sich in diesem Jahr wieder das Dokumentarfilmprogramm der Viennale, das politische Themen ebenso aufgreift, wie es Hommagen an Filmschaffende und Musiker beinhaltet. Ein Überblick.

 

Eine der Stärken des Dokumentarfilmprogramms der Viennale, so hat es sich unter der Leitung von Hans Hurch in den letzten Jahren herauskristallisiert, ist das thematische Nebeneinander von sozialpolitischen Themen und Porträts von Kunstschaffenden. Festivalbesuchern werden so – zumindest im besten Fall – Perspektiven auf Themen und Persönlichkeiten eröffnet, mit denen sie außerhalb des Festivals möglicherweise nicht in Berührung gekommen wären. Zudem bietet die Viennale reichlich Gelegenheit, Filme, die es hierzulande nicht in die Kinos schaffen, auf der Leinwand zu begutachten – ein Umstand, der angesichts des visuellen Einfallsreichtums vieler zeitgenössischer Dokumentarfilme nicht zu vernachlässigen ist.

Vergangenheit und Gegenwart

Ein Mann, dessen kommerziell nicht immer leicht vermarktbare Filme in den letzten Jahren vor allem durch Festivalerfolge vermehrt Aufmerksamkeit auf sich zogen, ist der 1964 in Weißrussland geborene und in der Ukraine aufgewachsene Sergei Loznitsa. Ein zentraler Punkt im Werk des produktiven Filmemachers, der jährlich einen neuen Film veröffentlicht und dessen Schaffen man letztes Jahr gebündelt beim Linzer Crossing Europe Filmfestival sehen konnte, ist der Umgang des Menschen mit Geschichte: Nahm Loznitsa sich mit dem Drama In the Fog (2012) der deutschen Besetzung Weißrusslands im Jahr 1942 an, reflektierte er mit Maidan (2014) unmittelbar auf die Demonstrationen im Kiew des Jahres 2013 und ging er mit The Event (2015) mittels Found Footage dem Untergang der Sowjetunion nach. Bei der Viennale ist Loznitsa heuer mit dem Film Austerlitz vertreten, der Vergangenheit und Gegenwart zusammenführt und über seine nur scheinbar formale Schlichtheit große Komplexität entfaltet: In einer Serie von Schwarzweiß-Tableaux, ohne Kommentar, zeigt der Film Touristen, die die ehemaligen Konzentrationslager Dachau und Sachsenhausen besuchen. Auf den T-Shirts prangen Markenlogos und Sprüche, manche sind desinteressiert, andere scherzen. Teenager jammern über Müdigkeit, Hunde werden im Kinderwagen spazieren gefahren, eine Familie macht Selfies vor dem berüchtigten Schriftzug „Arbeit macht frei“. Stätten des Grauens als Teil eines in Eile absolvierten Sightseeing-Programms.

Der Filmtitel bezieht sich auf W. G. Sebalds letzten Roman „Austerlitz“, in dem der Protagonist Jacques Austerlitz seinen ihm erst spät ihm Leben zur Kenntnis gekommenen jüdischen Wurzeln nachforscht. Das Wort „Austerlitz“ kann man in Sebalds Text – neben dem Namen des Bahnhofs, der nach der berühmten Schlacht benannt wurde – durchaus auch als Anklang an „Auschwitz“ verstehen. Freilich ist der Film keine Adaption des Romans, doch eint die beiden Werke das Thema der Erinnerung und Aufarbeitung. Austerlitz ist ein Werk von außerordentlich meditativer Kraft, das beim Rezipienten viele Überlegungen auszulößen vermag: Die Absurdität von Erinnerungsarbeit in einer Welt der Events und der Smartphones mag da nur die offensichtlichste Assoziation sein.

Eine ebenso aktuelle wie kontroverse Arbeit legt der norwegische Journalist Paul Salahadin Refsdal mit Dugma: The Button vor. Refsdal, der bereits Rebellen und Kämpfer in Sri Lanka, Tschetschenien oder Afghanistan poträtierte, folgt hier vier Männern, die in Syrien darauf warten, von Al-Qaida als Selbstmordattentäter eingesetzt zu werden. Nicht wenige der eingefangenen Situationen haben dabei eine absurde Qualität, etwa als einer der Männer, Abu, das mögliche Selbstmordgefährt vorstellt und die Sprengvorrichtung erklärt, als handle es sich um eine Waschmaschine. Seine Ausführungen schließt er mit einem die Explosionsgeräusche imitierenden „Pffft“ ab. Im Auto singt er fröhlich Lieder vom Dschihad, hält das Smartphone mit Videos von Tochter und Sohn in die Kamera und erläutert, dass er mit seinem Vater telefonieren werde, wenn er sich in die Luft sprengt. Seine Mutter fragt er bei einem Telefongespräch, wann sie sich endlich den modernen Zeiten öffnen und Skype verwenden werde. Als Abu sich bei einem gemeinsamen Essen mit Gesinnungsgenossen mehr Huhn einverleibt als die anderen – getrunken wird Pepsi –, meint sein Tischnachbar: „Schaut mal, wie viel Huhn Abu sich genommen hat. Du bist auf der Selbstmordliste und behandelst so deine Brüder?“ Seinen guten Job mit klimatisiertem Büro, Auto und Wohnung habe er aufgegeben, so Abu, weil er seine Situation gegenüber jenen muslimischen Brüdern, die im Krieg getötet werden, als unfair empfunden habe. Viel spricht er auch vom Paradies, in dem er Familie und Freunde wiedersehen werde. Eine noch ungewöhnlichere Biografie hat ein zweiter Gotteskrieger, dessen Vater Amerikaner und dessen Mutter Engländerin ist. Er habe sich immer anders gefühlt als die anderen, erläutert er seinen Lebensweg. Außerdem sei Großbritannien ein schlechter Platz zum Leben, es regne ständig, und die Leute seien auch nicht das Wahre.

Immer wieder räumt der Film mit gängigen Klischeebildern auf und sorgt für Irritationen, besonders dann, wenn er die potenziellen Attentäter als gutgelaunte, durchaus sympathische Menschen mit Sinn für Humor zeigt. Eine Analyse der geopolitischen Zusammenhänge will der Film bewusst nicht leisten, alles was man über den Kampf gegen das Assad-Regime erfährt, stammt aus Aussagen der Männer selbst, die auch grausame Details nicht aussparen. Dass es Refsdal gelungen ist, aus der Perspektive eines Insiders und unter nicht geringer Gefahr, über diese radikalisierten Männer zu berichten, ist ihm hoch anzurechnen. Womöglich werden sich manche nicht mit dem Umstand anfreunden können, dass der Regisseur hier Mitgliedern einer Terrororganisation die Möglichkeit zur Selbstdarstellung bietet, doch Rezipienten, die durch die täglichen Medienberichte über Selbstmordanschläge in fernen Ländern abgestumpft sind, eröffnet der Film gerade über die humane Perspektive einen neuen Blickwinkel. Refsdal Arbeit, in der Inhalt vor Form geht, ist dabei den Traditionen des Direct Cinema verbunden, das sich hier sozusagen mit „embedded journalism“ verbindet.

Ein ebenfalls empfehlenswerter Dokumentarfilm mit ernstem Hintergrund ist City of Jade (Feicui zhicheng) von Midi Z: Der Regisseur spürt darin der Geschichte seines Bruders nach, der im Norden Myanmars als Minenarbeiter tätig war. Die Gerüchte, wonach der Bruder es zu Reichtum gebracht habe, stellen sich als falsch heraus, vielmehr ist er mittlerweile verarmt und drogensüchtig. Nach einer Gefängnisstrafe zieht es ihn wie viele andere Glücksritter wieder in die „Jade-Stadt“, wo er in den Minen erneut seinem Traum vom Reichtum nachjagen will. Midi Z folgt dem Bruder mit der Kamera auf dem Weg in die politisch instabile, von militärischen Splittergruppen terrorisierte Kachin-Provinz. City of Jade ist ein leiser, poetischer Film, der die harten Arbeitsbedingungen in den Minen mit einer berührenden Familiengeschichte zu verbinden vermag. Die Bilder eines vom Staub gelblich gefärbten Himmels und die Monologe des drogensüchtigen Bruders gehen einem lange nicht aus dem Kopf.

Proto-Daft-Punk

Traditionell stark vertreten auf der Viennale ist das Genre der Musikdokumentation, das heuer unter anderem das von der Kritik hoch gelobte Zappa-Porträt Eat That Question – Frank Zappa in His Own Words aufzubieten hat: Der deutsche Filmemacher Thorsten Schütte zeichnet mit diesem Film das Porträt eines Tausendsassas, der von Proto-Punk bis Klassik alles zu beherrschen schien und der auch als Mensch eine überaus komplexe Persönlichkeit war. „I’m famous but most people don’t even know what I do“, sagt Zappa über sich selbst in dem kommentarlosen, ausschließlich aus Archivmaterial kompilierten Film. Den Menschen näherzubringen, was Zappa machte, das ist Schütte mit dieser Dokumentation, die sich sowohl für Neueinsteiger als auch für altgediente Fans eignet, geglückt.

Für viele Menschen ebenfalls ein Mysterium ist das französische Elektronik-Duo Daft Punk (Guy-Manuel de Homem-Christo und Thomas Bangalter), das stets nur mit Motorradhelmen auftritt, was jedoch der bisherigen Karriere nicht geschadet hat – „Get Lucky“ oder „Around the World“ sind nur zwei der überaus eingängigen Millionenhits von Daft Punk. Hervé Martin-Delpierres Film Daft Punk Unchained zeichnet den Weg der Band von den frühen neunziger Jahren bis zum Grammy-Triumph im Jahr 2014 nach. Die beiden Musiker kommen dabei natürlich nicht zu Wort – das würde ohnehin zu viel vom Mysterium wegnehmen –, aber Interviews mit Weggefährten, Bewunderern und eine Prise Archivmaterial lassen das Bild zweier Künstler entstehen, die musikalisch ebenso talentiert wie vermarktungstechnisch begnadet sind.

Auch Filmemachern wird auf dokumentarischem Weg Reverenz erwiesen, darunter Brian De Palma (De Palma von Noah Baumbach und Jake Paltrow lässt den Meister der wahnwitzigen Plansequenz selbst ausgiebig zu Wort kommen), Mike Nichols (Mike Nichols – An American Master von Elaine May) oder Rudolf Thome (Rudolf Thome – Überall Blumen von Serpil Turhan). Gespannt sein darf man auch auf Michael Almereydas Escapes, ein Porträt des Drehbuchautors (Blade Runner) und Schauspielers Hampton Fancher. Die hohe Literatur kommt mit Porträts der Schriftsteller Peter Handke (Peter Handke – Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte ... von Corinna Belz) und John Berger (The Seasons in Quincy: Four Portraits of John Berger, Regie: Tilda Swinton, Colin MacCabe, Christopher Roth, Bartek Dziadosz) zu ihrem Recht.

Besonders empfohlen sei schließlich noch Stevan Rileys Brando-Dokumentation Listen to Me Marlon: Riley fertigte aus Audiomaterial, das der Schauspieler im Laufe seines Lebens selbst aufgenommen hatte, ein faszinierendes und komplexes Porträt des Mimen und Menschen Brando. Der Jahrhundert-Akteur reflektiert dabei nicht nur über seine Rollen und seine Schauspieltechnik, sondern auch über persönliche Tragödien (Sohn Christian erschoss den Mann seiner Schwester). Faszinierend ist dabei nicht zuletzt die Frage, wann man den „authentischen“ Brando zu hören bekommt und wann den Schauspieler.

Wer weiß – vielleicht verstand es der Mann ja, auch sich selbst virtuos etwas vorzuspielen.

Von Christopher Walken bis Robert Land

Als Highlight unter den Spezialprogrammen der diesjährigen Viennale ist wohl „Dancer in the Dark. A Tribute to Christopher Walken“ zu nennen. Der Oscar-Preisträger hat in Meisterwerken des US-amerikanischen Kinos mitgespielt (Oscar für The Deer Hunter), spezialisierte sich ein Weilchen auf die charismatische Darstellung von Psychopathen und/oder Gangstern (King of New York, True Romance) und hat zwischendurch immer wieder Auftritte hingelegt, die man skurril nennen könnte (so gab er in der Komödie Mousehunt einen überforderten Kammerjäger). Der Mann, der am Set gerne selber mittels Dampfgarer kocht („Nehmen Sie kein Fett!“) und ein begnadeter Tänzer ist (wie man in Spike Jonzes Musikvideo zu Fatboy Slims „Weapon of Choice“ bestaunen kann) ist längst seine eigene Kultfigur geworden. Die Reihe allein ist schon Grund genug, die Viennale zu besuchen, ein schöner Bonus wäre es aber natürlich, würde der Schauspieler das Festival mit seiner Anwesenheit beehren.

Ebenfalls Tribut gezollt wird dem kürzlich im Alter von 71 Jahren verstorbenen Avantgardisten Peter Hutton, dessen experimentelles Werk nicht zuletzt durch seine große Vielfalt besticht: Städteporträts finden sich ebenso darunter wie Auseinandersetzungen mit Architektur, Industrie und Privatem. Eine gute Gelegenheit, das Werk Huttons neu- oder wiederzuentdecken.

„Analog Pleasure. Part 1. Das Filmfestival als Kinemathek“, eine Auswahl an analogen Arbeiten in unterschiedlichen Formaten, ruft in Erinnerung, warum Film im Volksmund gern als „Streifen“ bezeichnet wird. Neben ausgewählten 8mm-Arbeiten des legendären Berliner Kollektivs Die tödliche Doris aus der ersten Hälfte der achtziger Jahre zählt zweifellos eine 70mm-Vorführung von Jacques Tatis Playtime, der in dieser Form erstmals in Österreich zu sehen sein wird, zu den Höhepunkten dieser Schau.

Der Regisseur Robert Land gilt als einer der großen Unbekannten des deutschsprachigen Kinos der Zwischenkriegsjahre. Das Filmarchiv Austria hat in den letzten Jahren ein großes Rechercheprojekt zu dem Mann, der 1887 im mährischen Kremsier zur Welt kam und 1938 auf der Flucht ins Exil starb, initiiert. Auf dem Programm stehen Filme wie Der Fluch (1924), die Geschichte einer jungen Frau (Lilian Harvey) in einem jüdischen Schtetl, oder der wiedergefundene Unschuld, ein spätes Meisterwerk des Stummfilms, das in restaurierter Fassung gezeigt wird. Ein Programm voller spannender filmhistorischer Entdeckungen.

 



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