Wo Träume leben

Das Bildrausch Filmfest in Basel machte seinem Namen und seinem Anspruch auch im sechsten Jahr seiner stillen Erfolgsgeschichte alle Ehre.

 

Wen es ohne große Umschweife von der Croisette direkt an die Rheinpromenade verschlägt, der bekommt ein ganz gutes Gefühl dafür, was es bedeutet, von der Hölle ins Paradies zu fahren. Zugegeben, der Vergleich mag auf den ersten Blick anmaßend erscheinen, zumal man es bei Cannes zweifelsohne mit dem glamurösesten unter den großen Filmfestivals zu tun hat, ganz zu Schweigen von der schier überwältigenden Fülle und Vielfältigkeit der dargebotenen Filme. Doch nach zwölf Tagen ununterbrochenen, zunehmend surrealen Festivalwahnsinns erweist sich das herzlich-familiär geführte Bildrausch Filmfest in Basel (25. bis 29. Mai) nicht nur als eine willkommene Abwechslung, sondern vor allem auch als hervorragende Therapie, um die ermüdeten Sehnerven zu regenerieren und sich einmal mehr vor Augen zu führen, wie wichtig es ist, dem künstlerisch-innovativen Kino nicht nur eine Plattform jenseits der großen Festivals zu verschaffen, sondern dem Filmprogramm durch eine kluge und mutige Auswahl zudem eigene, individuelle Note zu verleihen. Und wer einmal dem Charme des von dem Direktoren-Duo Nicole Reinhard und Beat Schneider geleiteten Autorenfilmfests verfallen ist, der wünschte, dass es überall so freundlich, entspannt und dabei filmisch anspruchsvoll zuginge wie im und um dem renommierten Stadtkino am Theaterplatz, dem Epizentrum des Bildrausch-Universums.

Zutiefst eigen und persönlich, wie die Atmosphäre drum herum, waren schließlich auch die beiden Gewinnerfilme des in diesem Jahr bereits zum sechsten Mal stattfindenden Festivals. Der eine, Cemetery of Splendour vom thailändischen Regisseur und Installationskünstler Apichatpong Weerasethakul, erzählt in sanft dahinfließenden Bildern von den in einen rätselhaften Tiefschlaf versunkenen Soldaten in einem Krankenhaus im ländlichen Norden Thailands, dem Geburtsort Weerasethakuls. An Stelle des Spitals befand sich einst der Kriegsfriedhof. Seine Eltern waren früher Ärzte im Krankenhaus, das wiederum einst als Volksschule fungierte, und die Zeit, die er als Junge selbst umringt von Patienten, Besuchern und Pflegepersonal verbrachte, spiegelt sich in den Begegnungen wider, an denen dieser leise aufwühlende Film die Zuschauer teilhaben lässt. Die Verbindungen und Assoziationen, die der Meister des traumwandlerischen Kinos aus seiner Prämisse knüpft, verschmelzen auf gewohnt phantastische und spirituelle Weise mit den mysteriösen Bewusstseins- und Gemütszuständen, innerhalb derer Weerasethakuls Figuren stets wandeln, ohne dass sie jemals Gefahr laufen würden, ihre unmittelbare Haftung in der Gegenwart zu verlieren. Und was noch schöner ist: Bei allem Tiefgang, aller Mystik und Vergangenheitsbewältigung, die den Arbeiten des umtriebigen Künstlers stets eingeschrieben ist, bewahren sich seine Filme ebenso hartnäckig einen leichtfüßigen und leicht seltsamen Humor, der sich im Einklang mit der Poesie und Mystery der Bilder und Geschichten jeweils zu einem lohnenden, lange nachsinnenden Filmerlebnis vereint. Auch Cemetery of Splendour macht in dieser Hinsicht keine Ausnahme.

Von einer Begegnung zwischen Träumenden und Wachenden erzählt auch der zweite mit dem maßgefertigten „Bildrausch-Ring der Filmkunst“ ausgezeichnete Beitrag im heurigen Wettbewerbsprogramm. Denn zur gleichwertigen Gewinnerin erklärte die Filmfest-Jury Ruth Beckermann für ihren Film Die Geträumten, eine Literaturverfilmung der anderen Art, die auf dem in Buchform vorliegenden Briefwechsel zwischen dem Dichter Paul Celan und Ingeborg Bachmann basiert. Als die beiden sich im Mai 1948 in Wien kennenlernen, ist er 27 Jahre alt, sie gerade einmal 21, und obwohl sich ihre Wege nach einer kurzen Liebesaffäre wieder trennen, weil Celan nach Paris geht, während es Bachmann zunächst nach Italien, dann München, später Zürich, Berlin und immer wieder nach Rom verschlägt, bleiben sie einander im Geiste dennoch verbunden, bis Celan schließlich im April 1970 Selbstmord begeht. Der eigentliche Briefwechsel, der im Grunde bereits 1961 stagnierte und 1967 endgültig abriss, basiert von Beginn an auf einem Gespräch des gegenseitigen Verfehlens. Um die phantastischen Texte über die Leinwand spürbar zu machen, lässt die österreichische Regisseurin sorgsam ausgewählte Versatzstücke der Korrespondenz im Wechsel von dem Schauspieler Laurence Rupp und der Musikerin Anja Plaschg lesen – nur die Kamera ist als unaufdringlicher Begleiter im Tonstudio dabei, beobachtet aufmerksam, was geschieht, auch in den Pausen. Auf diese eigentümliche, werkwürdig stimmige Art und Weise der Inszenierung gelingt es Beckmann, Vergangenheit und Gegenwart, das Mögliche mit dem Unmöglichen zu verknüpfen und Die Geträumten erweist sich in dieser Hinsicht als nicht weniger magisch, geheimnisvoll und beglückend wie Weerasethakuls Film. Dieses eindringliche Aufeinanderprallen zweier unvereinbar Liebenden ist in seiner bestechend schlichten, minimalen Form ein großes Stück Kino.

Andere Filme im treffend betitelten „Cutting Edge“-Wettbewerb gingen weniger zurückhaltend an ihre Materie heran, wie etwa der indische Beitrag Interrogation, ein heißblütiger Politthriller über die Machenschaften des durch und durch korrupten und mit brachialer Gewalt vorgehenden Polizeisystems, oder Brady Corbets ebenso mutiger wie ungestümer Debütfilm The Childhood of a Leader, in dem ein amerikanischer Junge im Haushalt seiner Eltern nach dem Ende des Ersten Weltkriegs eine für alle beteiligten nervenaufreibende Zeit durchlebt, die ihn als jungen Mann schließlich zu einem allseits gefürchteten Diktator aufsteigen lässt. Die Tragikomödie Baden, Baden von der Französin Rachel Lang erzählt demgegenüber vom fortwährenden Scheitern ihrer Mittzwanziger-Protagonistin Ana, die an ihr eigenes Leben nicht weniger planlos herangeht als an die Sanierung des Badezimmers ihrer Großmutter.

Vielleicht der beeindruckendste und zugleich verwirrendste Film des diesjährigen Wettbewerbs war jedoch A Dragon Arrives!, der fünfte Spielfilm des iranischen Regisseurs Mani Haghighi, dem das Festival zudem eine Werkschau widmete, für die allein sich die Reise nach Basel gelohnt hätte. Schon beim Versuch, die herrlich verquere Handlung von Haghighis neuestem Streich in wenigen Worten zu umreißen, gerät man leicht ins Schleudern: Erzählt wird, meint man, die Geschichte von drei Männern, die sich Anfang 1965, unmittelbar nach einem Attentat auf den iranische Premierminister, auf der archaischen Insel Qeshm im Persischen Golf daran machen, die Hintergründe des mysteriösen Selbstmordes eines verbannten politischen Gefangenen aufzuklären. Einer von ihnen, Detektiv Babak Hafizi (Amir Jadidi), arbeitet im Auftrag des Geheimdienstes des Schah, doch seine Mission scheint in diesem speziellen Fall eher eigenmotivierter Neugier geschuldet zu sein. Das verlassene Wüstengebiet, in dem sich neben einem halbverwesten Schiffswrack nur ein alter Friedhof befindet, birgt ein merkwürdiges Rätsel: Wird ein Mann dort begraben, gibt es ein Erbeben. Und so holt er sich einen Geologen und einen Toningenieur an die Seite, um der Sache auf dem Grund zu gehen. Darauf aufbauend, fügt sich der Plot anhand von Vor- und Rückblenden, filmischen Tricksereien und Mockumentary-artigen Interviews zu einem famosen Konglomerat an verschiedensten Ideen, stilistischen Spielereien und einer Art magischem Realismus zusammen, der sich an der Coolness des iranischen Genrekinos der Sechziger Jahre ebenso nährt wie an der Paranoia angesichts des damals in Iran herrschenden Schah-Regimes.

Nicht unerwähnt bleiben soll an dieser Stelle auch die hervorragende Filmreihe Springtime in Munich, in der Kurator Bernd Brehmer sechs Filme jener „Münchner Gruppe“ der späten Sechzigerjahre präsentierte, zu der unter anderem Rudolf Thome, Eckhart Schmidt, Klaus Lemke, Max Zihlmann, May Spils und Martin Müller gehörten. Neben immer wieder gern gesehenen Klassikers wie Zur Sache, Schätzchen und Detektive, in dem Iris Berben die Leinwand für sich entdeckte, gab es auch einige weniger bekannte, aber nicht weniger geniale Kurzfilme der Gruppe zu sehen, die in Anwesenheit der Ehrengäste Roger Fritz und Rudolf Thome eifrig kommentiert und mit herrlichen Anekdoten ausgeschmückt wurden.

Wie mutig man in Basel mit formal ungewöhnlichen Filmen umgeht, demonstrierte darüber hinaus auch Tectonic Plate (Mannerlaatta) vom finnischen Künstler und Filmemacher Mika Taanila, der in einer Spezialvorführung gezeigt wurde. Taanila, der sich schon durch andere filmische, zumeist narrative-fiktionale Arbeiten, die jenseits aller Sehgewohnheiten stehen, einen Namen gemacht hat, entwirft in diesem Film, der ganz ohne Kamera entstanden ist, einen fesselnden Gedankenstrom an Erinnerungen, Albträumen und Visionen eines an Flugangst leidenden Mannes, der soeben einen Langstreckenflug zwischen Japan und Finnland hinter sich gebracht hat. Auf ganz einzigartige Weise kombiniert Taanila seine abstrakten, sorgfältig arrangierten Bildcollagen mit poetischen Texten und den mit einer leisen Wucht daherkommenden Klangkompositionen des ehemaligen Pan-Sonic-Mitbegründers Mika Vainio und erzeugt auf diese Weise ein Fluidum und eine Faszination, die einen so schnell nicht mehr loslässt.

Tatsächlich haben Filme wie Tectonic Plate erfahrungsgemäß wenig Chancen, sich außerhalb des Kunstbetriebs, geschweige denn im Alltag der hiesigen Kinolandschaft durchzusetzen. Aber auf einem Filmfest wie Bildrausch, das es sich zur Mission gemacht hat, auch extreme und ausgefallene Filme in den Mittelpunkt zu stellen, sind Arbeiten wie die von Mika Taanila, Apichatpong Weerasethakul, Ruth Beckermann und Mani Haghighi Leuchttürme der Hoffnung. Hier hat das Kino des künstlerisch anspruchsvollen Films und der persönlichen Handschrift immer ein willkommenes Zuhause und – zumindest solange es Initiativen wie Bildrauch gibt – auch eine Zukunft.



Kein Kommentar vorhanden.




Tags


Social Bookmarks