Die Kulturschmugglerin

Die Wiener Secession präsentiert Arbeiten der französisch-marokkanischen Künstlerin Yto Barrada.

 

Womöglich handelt es sich beim Beginn von Yto Barradas Film Faux Départ (2015) gar nicht um einen Fehlstart, wie der Titel suggerieren würde, sondern eher um die Feststellung eines Status quo jener Themen, die für Yto Barrada seit Beginn ihrer künstlerischen Tätigkeit zentral waren: zum einen die nahezu absurde Künstlichkeit dessen, was für Bedürfnisse des Tourismus gebaut und konstruiert wird, zum anderen die Bedingungen, unter denen jene Menschen leben, die auf dem Weg von Afrika nach Europa in Tanger gestrandet sind, ohne zu wissen, wie und ob es für sie weiter geht. Das mag alles hochaktuell klingen, doch ist die erste Werkserie der Künstlerin, „A Life Full of Holes: The Strait Project“, bereits zwischen 1998 und 2004 entstanden.

„Wer sein Leben an der Kante Afrikas verbringt, auf dem Sprungbrett nach Europa und auf die andere Seite will, wendet sich ab und verliert das Interesse an seinem Land“, hat es die Künstlerin vor einigen Jahren auf den Punkt gebracht. Seit damals erbringt sie den Gegenbeweis, dass ihre Heimat so uninteressant doch nicht ist. Yto Barrada, geboren 1971 in Paris, weiß um ihr privilegiertes Dasein mit zwei Staatsbürgerschaften und zwei Muttersprachen. Vielleicht wirken ihre Foto- und Filmarbeiten gerade im Wissen um ihre Möglichkeiten nicht kämpferisch oder anklagend, vielmehr sind sie ruhig beobachtend und von einer Distanz, die einer Achtung gegenüber dem Individuum geschuldet ist, sei es nun Migrant oder Tourist.Barrada studierte an der Sorbonne Politikwissenschaften und Geschichte, danach Fotografie in New York, wo sie auch zeitweilig lebt. Seit damals  ist Marokko, speziell Tanger, das Thema ihrer Arbeit und Ort anderer Aktivitäten. So ist sie  beispielsweise Mitbegründerin der „Cinémathèque de Tanger“, dem ersten Film- und Kulturzentrum Nordafrikas. Mit seinen Filmprogrammen, Workshops, Gesprächsrunden für unterschiedlichste Gruppierungen, seinem Archiv und vor allen Dingen dem Café ist der Ort eine wichtige Destination nicht nur für junge Menschen geworden.

Nach dem Blick zum leeren Swimmingpool samt künstlichen Felsen und einem auf die Stadt mit weitaus trostloseren Aussichten zu Beginn von Faux Départ findet man sich  in einem eleganten, womöglich bestens klimatisierten Salon Marocain wieder. Bald schwenkt die Kamera auf ein fossiles Stück Nippes, gleich darauf rückt ein dunkler Couchtisch mit polierter Steinplatte, dessen helle, zackenförmigen  Einschlüsse sich als Belemniten erweisen, in den Fokus.

Barradas Interesse für derlei fossilen Reichtum ihres Landes wurde geweckt, als irgendwann in einem europäischen Auktionshaus ein marokkanischer Spinosaurus zur Versteigerung kam. Aus diesem so auf den Weg gebrachten Wissen, dass in dem Gebiet zwischen Atlasgebirge und der Sahara einst größere Dinosaurier gelebt haben,  entwickelte die Künstlerin die Grundlagen für ihre weitere äußert vielschichtige Arbeit. Denn neben Geologie, Fauna und Flora begeisterten sie die wirtschaftlichen Aspekte, zu denen ebenso Schmuggel, Fälschung oder Kulturdiebstahl gehören.

Im weiteren Verlauf des Films verfolgt man, wie in einer eher notdürftig errichteten Werkstatt aus den Mineralien Fossilien freigelegt werden. Oder blickt man doch Fälschern über die Schulter, die mit Hilfe von Modeln und selbst angerührten Pasten eher neuzeitliche Tierchen mit einem fake-fossilen Dasein erschaffen? Aus einem echten, sicher kürzlich noch lebendigen Skorpion wird schließlich ein steinerner Hybrid. Stück für Stück führt sodann einer der Arbeiter sein Werkzeug vor, erklärt die jeweiligen Funktionen. Ob nun Arbeit an Fossilien oder deren Nachbildung für den Souvenirshop, jene Manufaktur mutet in Ausstattung und Arbeitsabläufen doch sehr archaisch an, ebenso die per Hand gepinselten Firmenschilder der Verkaufsstellen. Ganz zum Schluss schwenkt die Kamera durch eine helle, auf Hochglanz gebrachte Halle, wo Fossilien, am Boden liegend, geordnet präsentiert werden. Was, so fragt man sich,  ist nun als echt zu bezeichnen, was als falsch? Und damit endet Faux Départ dann auch.

Die Arbeit an den Dinosauriern und Fossilien führte Yto Barrada weiter zu wissenschaftlichen Klassifizierungsmethoden aus der Geologie und deren Darstellung als lithografische Diagramme und visuelle Unterscheidbarkeit durch gestickte Legenden. Für die Diagramme arbeitet die Künstlerin mit Farbfotogrammen, für die Stickereien hat sie sich alte Techniken angeeignet, wie sie auch die  alten pflanzlichen Färbemethoden erlernt hat. Hintergrund dafür ist ein altes Musterbuch, das die Künstlerin bereits ihr Leben lang begleitet. Derlei Bücher, und daher auch der Titel der Ausstellung „The Sample Book“, dienten ja nicht jenen, die färbten, sondern jenen, die mit den Stoffen Handel betrieben. Damit schließt sich für Barrada wieder der Kreis zu Fragen von Identität und Migration.

 

Den vollständigen Text können Sie in unserer Printausgabe lesen.

 

 



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Yto Barrada. The Sample Book
Secession, Wien

8. September bis 1. November
Dienstag bis Sonntag 10 bis 18 Uhr

www.secession.at



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