Zwei alte Freunde

Ein Interview mit Neil Young und Regisseur Jonathan Demme zu ihrem gemeinsamen Dokumentarfilm Neil Young Journeys, der kürzlich auf DVD und Blu-ray erschienen ist.

 

Das ist nun Ihr vierter gemeinsamer Dokumentarfilm nach Complex Sessions (1994), Heart of Gold (2006) und Neil Young Trunk Show (2009). Wie haben Sie sich denn kennen gelernt?
Jonathan Demme: Das erste Mal, dass wir zusammenarbeiteten, war, als Neil den Song “Philadelphia” für meinen gleichnamigen Film schrieb. Wir trafen einander nach einem Konzert in New Jersey, als er mit Booker T. & the M.G.'s unterwegs war. Eine großartige Show! Ich sagte Neil damals, wenn er jemals etwas auf Film brauchen würde, solle er an mich denken. Als er dann mit Crazy Horse ein Album in den Complex Studios in Los Angeles aufnahm, filmten wir diese Aufnahmesessions. Und ich war ein Riesenfan von “Greendale”, live auf der Bühne, bevor Neil einen Film daraus machte. Irgendwann stellten wir dann fest, dass es gut wäre, wieder einmal etwas zusammen zu machen, einen Film. Wir sprachen viel über das Filmemachen und über Stile und solches Zeug. Sechs Monate später oder so rief ich ihn an, um zu fragen, ob es etwas Aktuelles gäbe, was man filmen könnte. Daraus entwickelte sich eine Diskussion über die Songs, die er gerade für das brillante Album “Prairie Wind” aufnahm. Ich konnte ein paar der Songs hören, und dann ging es los. Ich bin glücklich darüber, dass wir uns das ganze Projekt, Heart of Gold, allein und ungestört ausdenken konnten: dass wir nach Nashville fahren und das ganze als eine Art “Kostümfilm” machen würden.

Neil Young: Ja, um das alte Nashville und die Leute dort zu feiern. Die alten Country-Helden. Das war gut.

Jonathan Demme: Das war ein Riesenprojekt. Leicht ist es ja sowieso nie, aber das war nicht einfach nur eine Show, die auf Tournee geht oder so erwas. Neil und die anderen mussten zwei Wochen lang proben. Manuel kam dazu und designte die Kostüme für alle, die man auf der Bühne sieht. Wir machten richtig große, altmodische Kulissen. Wir steckten eine Menge Arbeit in die Beleuchtung und alles. Dann nahmen wir alles zwei Mal auf, und das war es dann. Wir gingen nicht damit auf Tournee. Das war es schon. Das war eine Riesensache, und dass wir uns seither noch zwei Mal zusammengearbeitet  haben, ist sehr bemerkenswert für mich, denn wir wollen alles, was wir tun, ganz anders machen als beim vorherigen Mal.

Mr. Young, wie haben Sie sich auf die Teile des Films vorbereitet, in denen Sie Ihre Geschichte erzählen?
Neil Young: Da gab es nichts vorzubereiten. Ich war in meiner alten Umgebung, und die sprach zu mir, und ich erinnerte mich an Dinge. Jedes Mal, wenn wir irgendwo hinkamen, sagte ich: Wow, ihr habt mich hierher gebracht? Okay, gut. Und ich hatte etwas zu sagen, und Jonathan saß neben mir auf dem Beifahrersitz. Es war genauso: als würde man zu einem Freund sprechen.

Mr. Demme, haben Sie bei Neil Youngs musikalischen Darbietungen in irgendeiner Weise “inszeniert”?
Jonathan Demme: Nein, gar nicht. Neil ist für mich ein Singer-Songwriter, der in die Songs eintaucht. Er geht nicht hinaus und “singt einfach”. Er vertieft sich in die Figur, um die es geht, und erzählt die Geschichte von deren Standpunkt aus. Es ist alles da. Was wir versuchen, wenn es Sinn macht, ist, dass die Kamera und das Licht so organisch wie möglich zu genau der Story und zu genau der Figur passen. Wir verändern die Aufnahmen von Song zu Song. Und wir schneiden auch keine zwei Songs auf genau die gleiche Art und Weise. Wir versuchen, in das einzudringen, worüber er gerade singt, und eine Art kinematografische “Tür” für diesen Song zu öffnen.

Beeinflusst das Wissen, dass Sie geflmt werden, ihre Performance?
Neil Young: Nein, ich hoffe immer, es ist so, als wären sie nicht da. Ich versuche zu fokussieren. Ich bin total drinnen in der Show und in dem Song, und genauso singe ich ihn. Wenn ich in einem Song lebe, dann ist es so, als sei nichts und niemand anderer da.

Schauen Sie sich gerne an, wie Sie auf der Bühne wirken?
Neil Young: Nein.

Haben Sie den Film gesehen?
Neil Young:  Ja. Ich weiß, dass er richtig gut ist. Aber ihn mir immer und immer wieder anzuschauen, wäre kein großes Vernügen für mich.

In dem Film sehen wir unter anderem Homevideo-Material von Neil Youngs Familie und Fotos von den Zwischenfällen an der Kent State University im Mai 1970, als vier Studenten von der Polizei erschossen wurden. Warum haben Sie dieses Material in den Film eingebaut, und wie?
Jonathan Demme:  Nun, wir drehen einen Film, und Neil spielt diesen großartigen Song “Ohio”. Wie können wir dabei helfen, die Wut und die Emotion zu unterstützen, die er fühlt, wenn er diesen Song singt? Ja klar, Kent State, das ist lange her. Wie können wir helfen, zu transportieren, warum er immer noch so leidenschaftlich ist, weit über den Text des Liedes hinaus? Hier sind also die Leute, über die Neil singt. Es ist kein politischer Song. Es ist eine Klage um diese vier jungen Leute,  über diesen Moment in der Geschichte, als unser Land seine Waffen auf Studenten richtete. Wir wollten sie ehren, auf die gleiche Weise, in der dieses Lied sie ehrt. Shane Bissett, unser Ko-Produzent, hat die Familien der Opfer angerufen, um sicherzugehen, dass sie der Verwendung der Bilder und der Nennung der Namen zustimmen würden. Es wurde großzügig gestattet. Sie alle sind Neil bis zum heutigen Tag sehr dankbar dafür, dass er diesen Song geschrieben hat. Das ist ein sehr gutes Beispiel dafür, wie wir versuchen, für einen Song etwas zu tun, für ihn dazusein.

Neil, in dem Film sagen Sie, Sie könnten die Qualität eines Songs beurteilen, wenn Sie ihn im Autoradio hörten. Wenn wir jetzt in Ihrem Auto säßen, was würden wir hören?
Neil Young: Wir würden ein Soundsystem hören, dass einem den Verstand rauspustet. Ein Soundsystem wie kein anderes. Ein Soundsystem, bei dem man alles hört. Den Master-Sound.

Gibt es Songs, die Sie aus dem Film herausschneiden mussten?
Jonathan Demme: Ja, leider. “Cortez the Killer” und  “Cinnamon Girl”.



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